Dass BioShock Infinite (auch?) ein Shooter ist, bemerkt man gar nicht in den ersten fünfzehn Minuten. Gut so. Ausgehend von dem mysteriösen Start am Leuchtturm, der Reise hoch in die Lüfte und der skurrilen Taufe mit anschließendem ersten Blick auf Columbia könnte man meinen, dass BioShock Infinite eine Art lineares Explorationgame ist. Mit weit geöffneten Augen geht der Blick auf all die schwebenden Gebäude, Statuen und Gimmicks, die Irrational Games auf den Screen zaubert. Keine Frage, BioShock Infinite ist visuell einzigartig, der Mix aus Retro- und Jules Verne-Science Fiction ist mutig und mehr als gelungen. Aber: Es ist noch nicht lange her, dass ich Bioshock nicht zum ersten Mal zur Seite legte, weil mir der Kern des Spiels einfach nicht gefiel. Trotz der Rapture-Unterwasserwelt. Wenn schon im Kern Shooter, dann sollte es bitte wenigstens guter Durchschnitt in dieser Disziplin sein. Daher gesellte sich zur Spielfreude in den ersten Stunden von BioShock Infinite auch eine gehörige Portion Skepsis.

Im ersten Teil des BioShock Infinite-Tagebuchs geht es daher schnöde um das Ballern. Nein, natürlich nicht nur, das würde bei Call of Duty & Co. funktionieren, aber nicht bei BioShock Infinite. Wer BioShock und BioShock 2 spielte, ist jedenfalls sehr schnell mit der Steuerung vertraut. Kräfte links, Waffe rechts, daran ändert sich nichts. Nach dem angenehm langsamen, beinahe schon friedfertigen Einstieg in BioShock Infinite verläuft auch das Kapitel im Welcome Center von Columbia in christlicher Ruhe, wenn man so will. Bei einer Taufe sollte auch nicht geschossen werden, das gehört sich nicht. BioShock Infinite zeigt hier schon sehr früh einen inhaltlichen Schwerpunkt des Spiels, den übertriebenen, gar fundamentalistischen Glauben, bevor es später mehr in Richtung krankhaften Patriotismus geht. Auch auf der Suche nach der Columbia-Statue steht die Erkundung der Spielwelt im Vordergrund, erste Kräfte werden ins Spiel integriert und wer schießen mag, darf dies gerne auf dem Jahrmarkt tun. Rein aus der Shooter-Genre-Ecke heraus geschaut, ist es schon famos, wie banal hier der Einstieg konstruiert wurde. Mit einem ollen Luftgewehr auf dem Festplatz auf Pappkameraden schießen, das ist es schon. Aber immerhin: Dafür gibt es einige Silver Eagles, die Münzen in BioShock Infinite.

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Columbia in BioShock Infinite ist (Achtung, Insider-Wortspiel!) weiß Gott keine Allerweltslocation.

Im Park der Verlosung beginnt so langsam das Unheil. Spätestens, wenn man das Ticket 77 in der Hand hält, ist zu ahnen, dass es bald vorbei ist mit dem Frieden. Und wie es vorbei ist! Dafür sorgt der sogenannte Skyhook als Nahkampfwaffe, mit dem man sich später auch zwischen den Gebäuden hin- und her hangeln kann. Ganz ehrlich: Für mich waren diese ersten Nahkampfsequenzen too much. Der plötzliche Bruch zwischen pseudo-fröhlichen Jahrmarkt und aufgeschlitzten Gesichtern bzw. wahlweise blutrünstigen Exekutionen ist für meinen Geschmack viel zu derbe ausgefallen. Aber so weiß man, wo es in BioShock Infinite langgeht. Mit der oberflächlichen Ausgelassenheit ist es schnell vorbei. Mal abgesehen von der Heftigkeit ist der Kampf mit dem Skyhook arg simpel ausgefallen, was für mich wiederum nicht zu den Gore-Effekten passt, zumindest nicht in einem intelligenten Spiel, das BioShock Infinite trotzdem ist. Aber die niederen Instinkte werden schon sehr früh sehr ausgiebig bedient.

BioShock Infinite: Erst der Skyhook, dann das Schießgewehr

Neben der Beherrschung verfügt man schon früh mit dem Teufelskuss über eine weitere Kraft, die in den folgenden Gemetzeln eingesetzt werden kann – aber zum Glück nicht muss. Im späteren Verlauf, wenn der strategische Einsatz von Kräften und Waffen wichtiger wird, sollte man nicht mehr auf die Künste der linken Hand verzichten. Leider, denn schon in BioShock habe ich diesen Part gameplaytechnisch aufgrund der mangelnden Präzision und im Allgemeinen wegen eines generellen Unbehagens ins Sachen Magie in Shootern eher links gelassen. Aber: Mit der Retro-Pistole lässt sich auch einiges anfangen und meiner Meinung nach sogar mehr und besser als in BioShock. Die Kämpfe sind nicht ganz so hektisch, dafür gerade im Angesicht mehrerer auf ein zustürzender Gegner herausfordernder. Trotzdem: Das Zielen ist immer noch nicht perfekt gelöst. Zwar kann mit Kimme und Korn die Zielgenauigkeit gesteigert werden, dafür aber mit großen Verlusten bei der Übersicht. Ohne Kimme und Korn geht es auch (sogar besser), allerdings kann man schon mal kurz vor der Verzweiflung stehen bei den Schießereien über größere Entfernungen. Wie auch bei BioShock bewegen sich die KI-Gegner in BioShock Infinite sehr ruckartig, unnatürlich und unrund.

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In den Innenarealen erinnert BioShock Infinite visuell und stilistisch deutlich an seine Vorgänger.

Nach der Pistole erhält man als erstes brachiales, dafür aber unpräziseres Schießeisen das Maschinengewehr, ebenso im schicken Retrostyle. Hier gilt wie auch bei allen anderen noch später zu verwendenden Waffen: Immer auf Headshot gehen. Die Trefferabfrage unterhalb des Kinns ist nicht optimal, bzw. in seiner Wirkung deutlich unter Wert ausbalanciert. Kein Drama, aber auffällig. Wenn es darum geht, einfach nur im Angesicht von wilden Gegnerhorden Zeit zu gewinnen, ist der Einsatz von Kräften, wie etwa den Killerkrähen, weitaus sinnvoller als das wahllose Ballern auf die KI. Mich kostet es immer noch ein wenig Überwindung, irgendwie fühlt sich (wie in BioShock) der Einsatz der magischen Kräfte für mich eher wie ein Krückstück an als ein natürliches Gameplayelement. Und ich glaube auch immer noch, dass es allen BioShock-Teilen – inklusive BioShock Infinite – sehr gut zu Gesicht gestanden hätte, wenn Irrational Games auf diesen Mumpitz verzichtet hätte.

Eingefleischte BioShock-Fans mögen das anders sehen. Das die Kräfte strategisch immer wichtiger im Spiel werden, machen sie für mich erträglich. Rein mit Blick auf das Gameplay sind die Shooter-Mechaniken in BioShock Infinite ausgereifter, aber immer noch nicht perfekt ausbalanciert. Jedoch spielt BioShock Infinite rein shootertechnisch nicht mehr Kreisliga C, was ein deutlicher Fortschritt ist. Vor allem im Zusammenspiel mit den Sky-Lines setzt BioShock Infinite sogar neue Maßstäbe in Sachen Tempo und Abwechslung. Wer schwindelfrei ist, wird die Passagen genießen. Aber: Man merkt schon, dass BioShock Infinite mehr als nur ein Shooter sein will und darin ist es wohl auch am Besten. Die Stars sind die fantastische Spielwelt und die ausdifferenzierte Story. Ein größeres Lob kann es für einen Shooter kaum geben. Oder?