Irgend etwas störte mich von Anfang an bei Brave New World. Zwar sehe ich ein, dass ab dem Industriezeitalter wenig aufregendes bei Civ 5 passiert, aber schlimm fand ich das nicht, denn eigentlich war diese Epoche meist der Startschuss für das letzte, große Gefecht mit allen verbliebenen Gegnern, Stadtstaaten und, na ja, auch den befreundeten Staaten. Herrschaftssieg oder nix, würde jetzt Pep Guardiola sagen und ich meine das auch so. Also: Was um Himmels Willen soll ich dann mit Tourismus und Archäologen anfangen? Oder dem Weltkongress? Keine Ahnung. Kultur, Kultur, wo man nur hinschaut in Brave New World und eigentlich kann das kaum gut gehen und MUSS massive Konsequenzen auf das zuvor sorgsam austarierte Balancing haben. Im Gegensatz zu den werten kommerziellen Spielejournalisten, die nach ein paar Stunden Anspielen (in durchaus guten Rezensionen) nicht nur eine Note aus dem Ärmel schütteln, sondern latent vorgeben den kompletten Überblick über Brave New World zu haben, kann unsereins mit Gemach an diese Sache herangehen und darf auch nach vielen, vielen Spielstunden mit Brave New World immer noch zu folgendem Ergebnis kommen: Irgend etwas stört mich an Brave New World.

Vielleicht passt einfach mein Spielstil nicht zu Brave New World, möglicherweise bin ich durch drölf Trilliarden Stunden Civilization 3 versaut für immer und ewig. Denn irgendwann entwickelt sich ein erfolgreicher Spielstil, eine Grundstrategie, die in etwa ein Code ist, mit dem man das Schloss Civilization knackt. Leider passt wohl Brave New World zu gut in den Code und zu meiner – ich gebe es frei zu – extrem perfiden Strategie. Die wie folgt aussieht: Bis zum Industriezeitalter dient das Militär ausnahmslos nur der Verteidigung und darf kaum Kosten verursachen – denn die Investitionen fließen vor allem in die Bildung und Wirtschaft. Klingt intelligent und sympathisch, ist aber letzteres definitiv nicht, denn wenn mein Imperium (als das ich es vom ersten Dörfchen an betrachte) vor Kraft, Kultur und Geld nur so strotzt, wird massiv in die Rüstung investiert und alles, aber wirklich alles und jeder, anschließend erbarmungslos überrollt. Herrschaftssieg. Der übrigens oft leicht gemacht wird, weil (wie eh und je bei Civ) die Gegnerstaaten dazu neigen, sich zu überdehnen. Brave New World fördert diese miese Fiesling-Strategie, weil der Kultur und dem Handel weitaus mehr Gewicht verliehen wird und zwar derart mehr, dass es kaum noch Spaß macht den Herrschaftssieg zu erringen, wenn man keine Feinde hat. Meine Religion ist die Weltreligion, meine Ideologie die Weltideologie, alle Staaten bekennen, dass sie kulturell von mir beeinflusst werden und mich konsequent lieb haben…und dann soll man die noch überrennen? Wozu?

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Sieht erst einmal aus wie immer: Aber: Oben links sehen wir den Koffer für die neue Tourismus-Dimension und rechts oben den neuen Kultur-Vergleichsbutton in Brave New World.

Zwingt Firaxis den Spieler etwa subtil dazu als Pazifist nur noch den Kultursieg in Civ 5 erringen zu wollen? Was in der Realität als friedliche und spannende Variante der immer währenden Ewigen Friedens-Phantasie interessant und wünschenswert wäre, nimmt einem Spiel möglicherweise viel von seinem Reiz. Aber: Vielleicht spiele ich es auch falsch oder nicht richtig genug. Wer weiß, von den Szenarien lasse ich meine Finger, die interessieren mich gar nicht, es gibt nur die offene Welt in einem freien Spiel. Bis zum Ende (Herrschaftssieg oder nix) habe ich zwei monumentale Partien gespielt, die ich nun heranziehe, um auf einzelne Aspekte, Probleme und Stärken zu sprechen zu kommen.

Mit Kunst und Kultur zum Weltkaiser werden dank Brave New World

Eigentlich habe ich es mit den Römern. Ihre fulminante Stärke – alle Gebäude, die in der Hauptstadt schon gebaut wurden, sind in den folgenden Städten um 25 Prozent Handwerk günstiger – ist auf Dauer für ein wachsendes Reich kaum zu überbieten. Die Legion interessiert weniger, die Balliste manchmal im Verteidigungskampf schon eher, aber dennoch wollte ich einfach mal als rothaarige Zicke mit völlig vernachlässigungswerten Extras in aller Ruhe Weltherrscher(-in) werden. +2 Fortbewegung bei der Marine und ein zusätzlicher Spion sind nicht das größte Pfund. Um Brave New World auch ausgiebig und in Ruhe kennenzulernen, entschied ich mich für den lächerlichen Schwierigkeitsgrad Kriegsherr (3), nahm ein riesige Karte und als Typen Archipel, also viele kleine Inseln – was bedeutet, dass erst einmal rund 1.000 Jahre vergehen, bevor die Messer gewetzt werden.

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Hochkultur in Brave New World. 600 n. Chr. benutze ich Homer, um ein Kultur-Imperium zu schaffen, das letztlich nicht nur die Perser dazu verleitet Jeans aus meiner Produktion zu tragen (?), sondern sich auch ohne große Gegenwehr überrollen zu lassen.

Die ersten paar hundert Jahre merkt man nichts von Brave New World. Weswegen ich meinen Stiefel durchziehe und in aller Ruhe und mit gemäßigter Expansionslust ein starkes, solides, kulturell interessiertes und wirtschaftlich ambitioniertes englisches Reich heranzüchte. Mit Buddhismus als Religion, wobei ich den Protestantismus im zweiten Spiel als Römer noch amüsanter empfand. Egal: Jedenfalls wundere ich mich, wie lange es dauert, bis die Grenzen der anderen Staaten meinen näher kommen. Und keiner greift an. Seltsam. Erst einmal schob ich es auf den albernen Schwierigkeitsgrad, aber es scheint sich wohl doch eher um eine tiefgreifende Änderung von Firaxis an der Spielmechanik zu handeln, die nur bedingt etwas mit der Brave New World-Erweiterung zu tun hat.

Mit Karawanen und Frachtern Millionär werden

Wirklich spürbar war zuerst der verstärkte Handel. Mit Karawanen und Frachtern lässt sich recht früh im Spiel ordentlich Geld verdienen, was eines der motivierenden Grundprobleme von Civilization leider beinahe bis zur Unkenntlichkeit abfedert: Den chronischen Geldmangel in den ersten Jahrhunderten. Viel zu früh ergeben sich für meinen Geschmack viel zu viele Möglichkeiten, um in kurzer Zeit enorm in das Militär investieren zu können. Was bei meiner Strategie bedeutet: Noch mehr Kohle geht in Bildung und Kultur, weil ein möglicher (aber neuerdings erstaunlich unrealistischer) gegnerischer Überraschungsangriff auch ohne stehendes Heer gewonnen werden kann, denn Blitzkrieg können die Feinde in Civ 5 immer noch nicht.

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Nimm´das, Gandhi! Der Herrschaftssieg in Brave New World ist nah, schon in einem frühen Zeitalter und ohne große Gegenwehr.

Irgendwann wurde es mir zu bunt. Beim Weltkongress waren alle gegen mich, niemand mochte meine Religion oder Ideologie, alle griffen sich gegenseitig an und ließen mich – warum auch immer – gegen jede Logik weitgehend friedlich vor mich hin wurschteln. Langweilig. Also investierte ich in meine vorher kaum vorhandene Armee und eroberte in Blitztempo die Welt. Ein Satz, den sicherlich so manch realer Diktator und Möchtegern-Weltbeherrscher auch gerne mal nebenbei fallen gelassen hätte, aber Brave New World ist nicht die reale Welt und das ist gut so. Jedenfalls kamen mir alle Modifikationen von Brave New Word vorerst beliebig und friedensheischend vor – mit dem Resultat, dass kriegerische Auseinandersetzungen ihren Reiz verlieren. Der Tourismus wirkte völlig angeklatscht, mit den Archäologen pumpte ich in kurzer Zeit meine Kulturwerte auf Rekordhöhe und verdiente mich durch Handel und Religion (jaja, Große Händler kaufe ich mit Religion) dumm und dämlich. Da hält sich die Begeisterung über Brave New World doch in Grenzen, auch wenn der Weltkongress zumindest in Spurenelementen für eine spannende Komponente gut war: Der Verbrüderung der Looser gegen mich als Gewinner. Denn: Aufgrund eines Handelsembargos war es mir irgendwann nur möglich mit Stadtstaaten Handel zu treiben und auch einige Güter fielen unter ein Embargo. Den letzten Schritt, mich völlig zu isolieren, wagte die Staatengemeinschaft nicht. Schade, denn dann wäre es noch mal interessant geworden. So sprach alles gegen mich und am Ende stand ein einfacher Herrschaftsieg.

Being Everybody´s Darling als Brave New World-Königsstrategie

Schwierigkeitsgrad Prinz, Kontinental-Karte in Groß und endlich wieder Römer sein. Und ich nahm mir vor, in dieser Runde nicht wieder gegen den Strom zu schwimmen, sondern Klassenprimus und Liebling aller Staaten zu sein. Ergebnis: Herrschaftssieg. Der noch leichter war, trotz erhöhtem Schwierigkeitsgrad und einer Karte, die eher auf Konflikte gebürstet war. Wieder haute ich alles in Wirtschaft und Kultur, achtete auch verstärkt auf die Religion und wich allen Streitigkeiten konsequent aus. Sollen die Osmanen doch in meiner Nähe siedeln. Pfft. Wenn die Russen meinen, mir die Eisenbahn als Erfindung stehlen zu müssen? Bitte schön. Mir schnurz, ich haue alles in Bildung und Forschung, schicke so viele Archäologen durch die Welt, wie es nur geht und schaue bei den Sozialpolitiken erst auf Kultur, dann auf´s Geld und die Bildung, bevor ich mich um die Ehre bzw. das Militär schere. Was dabei raus kommt: Kulturell gepflegte, aber auch durchaus mal interessante Langeweile. Zwischenzeitlich beglückte mich gefühlt in jeder fünften Runde ein Künstler und sorgte für noch mehr Kultur, Tourismus und ein Goldenes Zeitalter nach dem anderen. Brave New World, wenn man dich ernst nimmt, kann man mit einem Buch in der einen, Rotweinglas in der anderen Hand und gähnend im Ohrensessel sitzend sowie unter einem van Gogh-Gemälde leise Beethoven lauschend locker gewinnen. Herrschaftssieg oder nix, aber lieber blutig denn fein kredenzt wie es nun in Brave New World der Fall ist.

Brave New World 4

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne. Durch Strebertum und Kulturbeflissenheit kehrte aber schnell Langweile ein.

Besonders der Weltkongress entwickelt sich – wenn man selbst die Weltreligion und Weltideologie bestimmen konnte und sich ausgiebig bei den Stadtstaaten einschleimte – zu einem faszinierenden Abnickverein, der jeden Diktator zu feuchten Träumen führen würde. Als ich mehr Stimmen auf meine Abgeordneten vereinigen konnte alle anderen Staaten zusammen, konnte ich mir die Welt basteln wie ich wollte. Klingt durchaus attraktiv, ist in Brave New World aber Ausdruck eines schlechten Balancings und der Gipfel der Langeweile. Herrschaftssieg oder nix, aber irgendwie fühlte ich mich dabei schlecht, als ich meine Untertanen eroberte. So fühlte es sich an und das dürfte genau so nicht sein. Wenn jeder Sieg ein verkappter Kultursieg ist, handelt es sich um ein völlig anderes Spiel.

Und deswegen stört mich etwas an Brave New World. Der Kultur und Bildung mehr Gewicht zu verleihen und die jüngeren Epochen aufzuwerten, sind durch die Bank gute Ideen. Sie führen aber dazu, dass das Spiel einerseits zu friedlich und andererseits genau deswegen ein Herrschaftssieg schon beinahe zur Kinderkacke wird. Das muss man erst einmal schaffen, ein Spiel peu a peu so komplex ausarten zu lassen, dass es am Ende ein Witz ist sich durchzusetzen. Daher ist Brave New World für mich Erweiterung und Vereinfachung in einem und vielleicht, vielleicht, des Guten einfach zuviel, wenn man Ende zu wenig bei herum kommt.