Wer begegnet nicht der Need for Speed-Reihe mit einer über die Jahre aufgebauten, gehörigen Portion Skepsis? Most Wanted und Hot Pursuit waren zwar durchaus solide Racer, aber erinnerten vielleicht zu sehr an Burnout, um über einen längeren Zeitpunkt hinweg attraktiv zu bleiben. Bei Need for Speed Rivals schossen EA und das neue hauseigene Studio Ghost sozusagen aus der Hüfte und treffen sowas von ins Schwarze, dass mir persönlich wegen zu hohem Adrenalinspiegel ein paar Stunden Schlaf fehlen.

Das ist übrigens keine dumpfe PR-Floskel, sondern entspricht der Wahrheit. Das letzte Mal, dass ich wegen einem Spiel schlecht einschlafen konnte, war nach einer von Hackern durchgeführten, hinterhältigen Massenexekution in DayZ, bei der auch meine Spielfigur hingerichtet wurde und die noch ein paar Stunden nachwirkte. In diesem Fall liegt es nur am Racer-Adrenalin und basiert auf dem klug designten, hervorragend ausbalancierten und durchdachten Spielprinzip von Need for Speed Rivals. Der Karrieremodus und der Multiplayer von Need for Speed Rivals wurden derart perfekt miteinander vereint, dass ich mich schon fragte, warum niemand zuvor darauf gekommen ist. Wobei die Bezeichnung AllDrive dafür schon etwas aufgesetzt wirkt, aber so ganz ohne Label geht es scheinbar nicht. Unter dem Strich gibt es, wenn man so will, einen Soloplayer in einer Multiplayer-Spielwelt, was an sich schon eine grandiose Idee ist. Lachhaft übrigens, wie sich Teile der Fachpresse mit Technikfragen abmühten, um vor den Tests noch ein wenig herumschwadronieren zu können. Das Need for Speed Rivals „nur“ mit 30 fps läuft, ist (zumindest aus meiner Perspektive) sowas von schnurz und unerheblich wie der berühmte, umfallende Sack Reis aus dem Fernen Osten. Vor allem erklärte Ghost recht gut, woran es lag – wobei eine simultane Veröffentlichung auf allen fünf relevanten Plattformen (PS4, Xbox One, 360, PS3, PC) kein Zuckerschlecken sein dürfte.

need for speed rivals 1Gut, Promo-Material sieht halt besser aus als das Spiel „in echt“. Trotzdem macht Need for Speed Rivals optisch was her, auch wenn dem Spieler kaum Zeit bleibt, die ihn umgebende Natur zu genießen.

Das AllDrive-Feature ist im Grund genommen eine spitzfindige Erweiterung des alten, erprobten Autolog-Systems. Man kann nicht nur sehen, welche Zeiten Freunde und Feinde bei welchen Events gefahren sind, sondern fährt bei AllDrive in Need for Speed Rivals nun auch direkt gegen sie – sofern man dies in den Einstellungen zugelassen hast. Übrigens sehr vorbildlich von Ghost, den Spielern die Wahl zu lassen, ob man öffentlich, privat oder nur halböffentlich mit Freunden AllDrive nutzen möchte. Diese Flexibilität findet sich dann auch in der Spielwelt wieder: Wer mag, cruist einfach rum, rempelt KI- oder menschliche Mitfahrer an (womit dann automatisch ein Kopf-an-Kopf-Rennen gestartet wird), sucht sich spektakuläre Sprünge aus, lässt sich mit Highspeed von den unzähligen Radarkameras knipsen oder fährt gemütlich von Event zu Event. Wer will, kann aber auch aus den Verstecken heraus – so heißen in Need for Speed Rivals die Basisstationen für die Racer, im zweiten Modus als Cop wären es die Kommandostationen – direkt zu den Rennen springen. Es ist alles möglich.

Need for Speed Rivals: Cops im Nacken

Und soweit nicht neu, von AllDrive mit seinen Multiplayer-Freiheiten mal abgesehen. Der zweite besonders Reiz des Spiels liegt, wie es auch sein muss – in den Events selbst und hier bei der nächsten grandiosen Idee: Denn kaum ein Event steht nur für sich, wie ein Beispiel aus dem Racer-Modus zeigen: Beim Zeitfahren wie auch beim klassischen Rennen und erst recht beim Hot Pursuit, wo die Cops die gegeneinander fahrende Racer-Meute hetzt, muss man neben dem ersten Ziel, einem Sieg oder einer guten Zeit, immer die Polizei im Auge behalten. Die KI mischt sich nie zuviel, aber immer sehr intensiv in die Wettbewerbe ein und entwickelt sich zu einer Art Schicksalsfaktor. Man gewinnt auch mal ein Rennen, wenn die Cops den Führenden gegen die Leitplanke drücken, verliert aber natürlich, wenn sie einen selbst von der Piste schießen. Und man glaube ja nicht, dass die Cops aufgeben, nur weil der Spieler gerade Gold bei einem Rennen gewann: Nix da. Sie jagen einen unbarmherzig weiter und – was die Spannung ungemein fördert – können alles nehmen, was gerade an Speed Points (die XP bei Need for Speed Rivals) gewonnen wurde. Denn: Nur wer eines der Verstecke erreicht, behält auch die Punkte, mit denen man dann u.a. Upgrades und neue Autos kaufen kann. Und genau hier schoss mir das Adrenalin durch´s Blut. Oder das Blut durch das Adrenalin, wie es sich gegen Ende der Sessions anfühlte. Wenn man sich so gerade eben durch ein Hot Pursuit mit halb verreckter Kiste kämpfte und dann noch auf Fahndungsstufe 4 die Polizeimeute inklusive mit Nagelbrettern um sich werfende Helikopter im Nacken weiß, dann rutscht halt das Herz in die Hose. Und wer mal eine halbe Stunde erfolgreich Events bestritt und im Siegesrausch vergaß ein Versteck aufzusuchen, wird sich gehörig ärgern, wenn letztlich die Cops den längeren Atem haben. Dann war alles nichts.

need for speed rivals 2Mal kurz den roten Schlitten vor einem anstupsen (oder L1 drücken) und schon beginnt ein Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dem die Cops auch gerne mitmischen.

Es ist schon faszinierend, dass der Abgang eines Events – die beinahe obligatorische Flucht vor den Cops in Richtung Versteck  – dramatischer ist als das Event selbst. Mein Gott, hat mich das Nerven gekostet. Gut so. Bei Need for Speed Rivals stimmt es halt mit dem Balancing und das betrifft auch einen weiteren, nicht ganz zu 100 Prozent aufgelösten Kritikpunkt an der Reihe: Den Gummiband-Effekt. Eigentlich verliere ich lieber, wenn ich mich blöde anstelle, als eine zweite Chance geschenkt zu bekommen, aber bei Need for Speed Rivals hält es sich mit den unfreiwilligen Bescherungen halbwegs in Grenzen. Wer zu weit zurückfällt, hat Pech gehabt, allerdings meine ich doch das Gummiband nach einem Unfall zu spüren, da müssten die Gegner eigentlich noch weiter entkommen sein. Aber: Es ist dezent, dass gilt ebenso für die Verfolger-KI. Übrigens: Wie herauszulesen ist, bin ich eher ein Freund vom Racer-Modus als der Cop-Geschichte. Bei den Upgrades und neuen Autos bietet das Spiel dem Racer mehr Freiheiten, interessant sind aber beide Modi. Rein gameplaytechnisch betrachtet, denn die so genannte Story, die um Need for Speed Rivals gestrickt wurde, lädt eher zum Fremdschämen ein. Kann man aber ignorieren, ich habe kurz hingehört und dann länger weggehört. Auf der Piste zählt es. Und mir fällt kein Arcade-Racer der letzten Jahre ein, der Need for Speed Rivals in Sachen Gameplay und Multiplayer-Möglichkeiten das Wasser reichen könnte. Nicht einmal Blur oder Burnout.