Letztlich überrumpelten Dean Hall und Bohemia Interactive die DayZ-Fangemeinde dann doch mit dem Ende letzten Jahres so spontan wirkenden Release der DayZ Standalone-Alpha, die bei Steam weiterhin als Early Access-Version erhältlich ist. „Alpha“ steht für unfertig und noch mitten in der Entwicklung, was also bedeutet, dass die DayZ Standalone work in progress ist. Und sie dürfte wohl die riesige Community spalten: Denn wer die ausgefeilten Mods DayZ Epoch oder DayZero spielt, dürfte von dem kleineren Umfang der DayZ Standalone wenig begeistert sein und vorerst wieder auf die Mods umschwenken. Die anderen stürzen sich auf das „neue Chernarus“ und zu denen gehört auch meine Wenigkeit. Schon vor rund einem Jahr flog DayZ von meiner Festplatte, eigentlich weil ich mir ein paar Wochen pure Vorfreude auf die Standalone bewahren wollte. Nun ja, bis zum Release vergingen ein paar Monate mehr, aus Vorfreude wurde gelangweiltes Abwarten und nun ist es soweit und meine Begeisterung könnte kaum größer sein.

Denn die DayZ Standalone macht mit Blick auf die Mods einiges anders. Der Schwerpunkt liegt vorerst eindeutig beim puren Überleben. Wunderbar! Es gibt noch keine Fahrzeuge, das Loot ist ungleichmäßig verteilt und Schusswaffen sind ein rares Gut. Hunger und vor allem Durst sind unsere ständigen Begleiter, was gerade den Start ins Spiel zu einem dramatischen Ereignis werden lässt, wenn man mit einem Hauch von Nichts sein Glück in Chernarus versucht. Auch der medizinische Aspekt des Überlebenskampfes erhält eine größere Bedeutung. Wer zu viel verdörrtes Obst isst oder anderen Unsinn (ungewollt) treibt (siehe unten), kann an einer Vergiftung sterben, wenn er sich nicht adäquat behandelt. Wobei in meinen bisherigen Spielen die Ohnmacht dem Tod gleichkam, denn ich mag es nicht ewig auf den schwarzen Bildschirm zu starren und dann doch unmittelbar nach dem Aufwachen zu sterben. Davon mal abgesehen: Der Nervenkitzel ist immer dann besonders groß, wenn sich ein Mensch nähert. Freund oder Feind? Opfer oder Mörder? Dieb oder Tauschpartner? Was diese DayZ-typische Spannung, diesen unvergleichlichen Reiz dieses fantastischen Spiels betrifft, änderte sich prinzipiell nichts. Im Gegensatz zu einigen Gameplay-Mechaniken. Und, nicht zu vergessen, die Technik macht einen großen Sprung. Die DayZ Standalone sieht sehr ordentlich aus, vielleicht nicht ganz wie Arma 3 aus gleichem Hause, aber dennoch extrem ansehnlich.

DayZ Standalone 1Hach, diese Idylle! Schick sieht sie aus, die DayZ Standalone, aber der Frieden ist natürlich sehr, sehr trügerisch.

Spürbar große Fortschritte gelangen Dean Hall & Co mit dem UI. Was ging mir das Inventar in der DayZ Mod auf den Zeiger! Nun verschiebt man Bohnen, Thunfisch, Dosenöffner, Verbände und Blutkonserven ohne großartiges Herumhantieren zwischen Westen, Hosen und Rucksack. Ganz einfach. Mit einem Rechtsklick werden die Handlungsmöglichkeiten und/oder Infos über Sinn und Unsinn von Desinfektionsmitteln, vergammelten Bananen oder Klebeband (letzteres dürfte wohl zum Fetisch von DayZ-Sadisten gehören, denn nun kann man auch „Mitspieler“ fesseln, wenn man will und ein menschenverachtender Ars** ist) offen gelegt. Sofern man mit dem Mauszeiger den jeweiligen Gegenstand fokussieren konnte. Hier ist es noch ein wenig hakelig, aber wem das Maus-Feintuning nicht gefällt, der kann in der Nähe des Loots einfach die Taste F drücken und erspart sich den Ärger.

DayZ Standalone: Modifikationen, Neuerungen und Rückschritte

Ganz auffällig: In der DayZ Standalone ist man vergleichsweise fix unterwegs, wenn man keine Waffe in der Hand hält. Umso schwerer die Waffe, desto eher geraten wir außer Puste. Das macht Sinn und verleiht der großen Frage Flucht oder Konfrontation im Angesicht einer nahenden Untoten-Gruppe eine größere Dramatik. Wer eine schwere Firefighter Axe in Händen hält, sollte kämpfen und nicht rennen. Und wer die Waffe erst wegpackt um dann zu flüchten, dürfte nicht weit kommen (DayZ ist ein Echtzeit-Spiel) – auch wenn die Hotkeys die Inventarverwaltung beschleunigen und obwohl die Zombies einiges an PS verloren haben. Sie sind sehr langsam, noch nicht allzu zahlreich vertreten (abgesehen von den größeren Städten) und keine unmittelbare Bedrohung, wenn man eine Schusswaffe zur Hand hat. Es ist nicht mehr so, dass ein abgegebener Schuss im Zentrum von Chernogorsk einem Todesurteil gleichkam, weil man augenblicklich eine ganze Horde von Untoten auf sich aufmerksam machte. Manche mögen das als Schwäche oder Problem ansehen, so ganz bin ich damit auch nicht zufrieden, aber andererseits gewinnt damit die Survival-Note an Gewicht, was ich nur begrüßen kann.

map dayz standalone chernarusMit Blick auf die DayZ Standalone Map sieht Chernarus erst einmal seinem Mod-Vorbild zum Verwechseln ähnlich. Aber der Schein trügt, einige Städte und Dörfer sind kaum wieder zu erkennen. Rot steht übrigens für Waffen, Gelb für Kleidung, Blau für Nahrung und Grün für Equipment. Quelle: DayZDB

Mit Blick auf Chernarus als Setting könnte man, gäbe es einen Wettkampf zwischen der DayZ Standalone und den Mods, ein Unentschieden geben. Im Laufe der Zeit wurde die Mod auf vielerlei Art weiterentwickelt, neben Fahrzeugen und veränderten Zombie-Verhalten konnten Gebäude gebaut werden etc. Aber die Spielwelt an sich (sieht man mal von DayZ Fallujah & Co ab) änderte sich kaum. Das „neue“ Chernarus erhielt riesige Plattenbau-Siedlungen (z.B. zwischen Balota und Chernogorsk) und gefühlt rund neun von zehn Gebäuden sind nun begehbar. Mittlerweile findet man auch in mehr als neun von zehn Häusern Loot, was kurz nach Release noch nicht der Fall war, aber gerade bei den Schusswaffen braucht man trotzdem mehr Glück als Verstand um außerhalb einer Militärbasis eine zu finden. Wobei übrigens die Basen auch nicht mehr an gleicher Stelle zu finden sind wie zuvor. Aber, wie erwähnt, die Möglichkeiten sind in der DayZ Standalone mit Blick auf die Mods insgesamt noch beschränkt. Ebenso zu beachten: Das Chernarus der Standalone-Version lebt. Im Nordwesten entstanden mittlerweile eine neue Siedlung und ein Bahnhof. Darüber hinaus werden die Städte und Häuser aufgehübscht, die Stadtkerne individueller auf aufbereitet und das Gameplay erweitert. Neben der Vegetation, die noch ausgefeilter präsentiert wird, wurde bislang vor allem das Verhalten der Zombies, Gebrauchsgegenstände und Waffentypen modernisiert. Gut so!

Von der Sonnenbrille bis zur Armeejacke

Und es gibt Bücher, die ins Inventar übernommen werden können. Sehr interessant, doch trotzdem stellt sich die Frage: Warum? Was macht man damit…außer sie anzuzünden? Sehr provokant, äußerst provokant sogar; hier bin ich gespannt, was Dean Hall sich dabei nur gedacht hat bzw. noch plant (siehe Kommentar unten: Man kann die Bücher lesen… ;-)). Kleidungstechnisch startet man mit ollen Turnschuhen, einem T-Shirt und einer Jeans. Im Laufe des Spiels finden wir in den Häusern immer mehr Spielereien, aber auch funktionelle „Arbeitskleidung“. Von der Rocket-Gedächtnis-Ray-Ban-Proll-Sonnenbrille bis zur Cargohose ist alles dabei. Auch Motorradhelme, Mundschutz, Arbeitshandschuhe, Wollmützchen usw. und sofort. Sinnvoll sind all das Equipment und Kleidung, wenn sie entweder helfen Nahrung besser oder überhaupt zu sich nehmen zu können (Dosenöffner zum Beispiel, obwohl eine Sardinendose auch mit der Axt geöffnet werden kann), die Gesundheit schützen oder wiederherstellen (Blutpakete, 1. Hilfe-Koffer, Schmerztabletten, Verbände etc.) oder zusätzlichen Platz bieten, um all das verstauen zu können. In eine Cargo-Hose und Armeejacke passen halt mehr Gegenstände als in eine Jeans und T-Shirt. Natürlich sind Equipment, Kleidung und Medikamente in der DayZ Standalone keine Neuerung, aber wurden meinem Empfinden nach deutlich ausgebaut.

DayZ Standalone PlattenbauPlattenbausiedlungen sind neu in der DayZ Standalone. Hier die Schönheit nahe Chernogorsk. Und warum das ganz in Pseudo-Schwarz-Weiß? Der Herr Autor wurde bei diesem Screenshot schon von einer Lebensmittelvergiftung heimgesucht, die u.a. zu einer verfremdeten Optik führt.

Nochmal zu den Krankheiten, Hunger und Durst. Erst durch den Kommentar unten wurde mir so richtig bewusst, was für ein komplexes und ausgefeiltes System hinter der DayZ Standalone steht. Kurz gesagt: Es geht um ein gesundes Verhältnis von vollem Magen, Flüssigkeitsressourcen und Energie. Was genau was bringt und nützt, kann man sich in als Video hier anschauen und als Text beim German DayZ Blog durchlesen. Entsprechend dem forcierten Survival-Charakter der DayZ Standalone spielen sie jedenfalls eine wichtige und schon beinahe anmaßend präsente Rolle im Spiel. Beispiel: Der Spieler hat immer Durst. Ist im Inventar-Fenster „thirsty“ grün umrandet, ist es kein Problem, danach dann möglicherweise schon. Auch der Hunger meldet sich regelmäßig. Mit beidem hat man durchgehend zu kämpfen, wobei die Problematik signifikant abnimmt, wenn man ausreichend Platz im Rucksack und der Kleidung dafür hat. So richtig lohnt der Blick links unten auf den Bildschirm, wenn wir aus der Not oder Unkenntnis heraus verdorbenes Obst essen, denn mit einer Lebensmittelvergiftung ist nicht zu spaßen. Sollten wir andere Pläne gehabt haben, als in Krankenhäusern oder Gebäuden, in denen Medizin gelagert wird, nach entsprechender Hilfe in Tablettenform zu suchen, können wir nun neu planen. Wobei ich sagen muss, dass mir diese unscharfe, schwarz-weiße und locker an den Betrayer-Look erinnernde Optik durchaus gefallen hat. Mir sind vor allem neben den Standard-Befindlichkeits-Sprüchen I feel thirsty, I am thirsty bis zu I really need a drink hin zu den äquivalenten I am hungry, I want to eat something bis zum gefährlichen I feel worn-out leider noch andere Statusmeldungen gefährlicherer Art öfters begegnet, von denen es nun eine kleine Auswahl mit Erläuterungen gibt:

I´m starving: Der Hungertod naht. Schnell was essen, am besten nichts verdorbenes. Folgt auf Meldungen wie I am hungry, My stomach grumbles etc.

I´m going to vomit: Oje, es ist im wahresten Sinne des Wortes zum Kotzen. Es sollte erst einmal nichts mehr gegessen werden. Ich bin mir allerdings nicht sicher, was alles den Brechreiz hervorruft. Zuviel verdorbenes Essen dürfte ein Grund sein, ich glaube aber, dass sich die Magengeschichte beschleunigt und sensibler wird, wenn man schon vorher verwundet war.

I can feel blood dripping off my body: Klingt dramatischer, als es meistens ist, vor allem dann wenn man Verbände hat oder sie sich als Rags aus Kleidung bastelte. Wie stark die Wunde blutet, hängt logischer Weise von der Schwere der Verletzung ab. Wurde man nur einmal von einem Zombie gekratzt, ist das Ding schnell vergessen, aber wenn der Kampf härter war, kann der Blutverlust schwere Konsequenzen mit sich bringen.

My wounds are infected: Da wurde die Wunder nicht sauber gereinigt. Daher: Wer Desinfektionsspray findet, sollte damit direkt die Verbände aus Eigenherstellung säubern. Ist die Infektion da, hilft nur noch die Alcohol Tincture zur Desinfektion. Ansonsten kommt schnell die Meldung My wounds are seriously infected und dann das große, endgültige Finale. Bis zur Wiedergeburt im nächsten Spiel, natürlich.

I feel run-down: Wer das liest, nähert sich dem Endstadium einer Lebensmittelvergiftung. Wer nun nicht die Beine in die Hand nimmt und sich auf die Suche nach Charcoral Tablets (Kohletabletten) macht, dem ist leider nicht mehr zu helfen, denn auch dann warten Ohnmacht und Ewige Jagdgründe.

Wie geschrieben, sind die Meldungen nur eine kleine Auswahl, aber leider Gottes habe ich sie mehr als nur ein einziges Mal lesen müssen. Wer genaueres über alle Krankheiten, ihre Symptome und Heilungsmöglichkeiten wissen will, nimmt diesen kleinen Guide von Reddit zur Hand bzw. zur Kenntnis. Ist nur zu empfehlen. Denn ansonsten sieht die Welt schnell so wie auf dem nächste Screenshot aus.

DayZ Standalone TodDie letzten Sekunden vor der Ohnmacht, aus der ich nur für Sekunden erwachte. Der Nahtod, wenn man so will. Sieht schon aufregend aus, oder? Ganz tragisch ist an diesem Beispiel, dass ich den Tod aus Versehen und Blödheit selbst herbeiführte. Merke: Nie gleichzeitig telefonieren und die DayZ Standalone spielen. Dann könnte es nämlich passieren, dass man das Desinfektionsspray aus Versehen trinkt, anstatt die Rags damit zu reinigen. Da half kein Trinken und Essen mehr, keine Tabletten, da war dann trauriger Weise Schluss.

Und nach dem Tod geht es wieder von Neuem los. Der Weg ist das Ziel, der Mensch der Feind (und mal nicht), die Zombies noch nicht viel mehr als eine (un-)willkommene Abwechslung. Aber die DayZ Standalone funktioniert. Vielleicht ist in der Mod und all seinen Ablegern der Nervenkitzel ein wenig größer, dafür stirbt dort auch niemand an Durst – außer es stellt sich jemand selten blöd an. Im aktuellen Stadium wirkt es auf mich übrigens noch wie drei Spiele: 1. Auf dem Land gibt es das pure Survival-Abenteuer, weil Loot schon alleine aufgrund der geringeren Besiedlung vereinzelter zu finden ist und die Wege weit sein können. Davon bin ich extrem begeistert. 2. In der Stadt wird man fett und unsportlich, weil es alles im Überfluss gibt. Ja, so ist das bislang, wer aus einer Großstadt wie Chernogorsk oder Elektrozavodsk heil herauskommt, dürfte Rucksack und Taschen prall gefüllt haben. Es gibt in der Stadt aber einen anderen Reiz, sich nämlich als einsamen, gnadenlosen und breitbeinigen Zombie-Jäger aufzuführen. Zumindest beim ersten Mal in Elektro fand ich das spannend, auf Dauer dürfte die Ballerei aber ermüden. Bewaffnet mit der MP4 oder Mosin Nagant (es gibt wenige Gewehre, die sind aber im Inventar aufrüstbar durch Bajonette, Visiere etc.) abseits der Stoßzeiten auf den Servern über die Straßen zu schlendern und alle Zombies in die verdiente, endgültige Ruhe zu schicken, hat schon etwas, das muss ich sagen.

Und drittens: Wer die DayZ Standalone als verkappten Multiplayer-Shooter spielen mag, kann das auch weiterhin tun. Man logge sich in den Abendstunden in einen der zahlreichen überfüllten Server ein, hofft darauf, dass es nicht zu sehr ruckelt und schaut bei einer Militärbasis vorbei, etwa der nordöstlich von Balota. Dort dürfte man auf seine Kosten kommen. Auch wenn die Gefechte um all die schönen Fahrzeuge und Gebäude, die viele aus den Mods gewohnt sind, (noch) entfallen, reicht mir persönlich die Vielfalt der „neuen“ Version allemal. Eigentlich bin ich sogar so begeistert, dass ich mich dazu entschlossen habe, einen Chernarus-Wanderführer zu schreiben.

Alle Etappen des DayZ Wandertagebuchs auf einen Blick:

Tour 1: Solnichniy-Dolina-Shakhovka-Staroye

Tour 2: Staroye-Msta-Rog-Tulga-Kamyshovo

Tour 3: Kamyshovo-Pusta-Mogilevka-Nadezhdino

Tour 4: Nadezhdino-Novoselky-Dubky-Prigorodki-Cherno

Tour 5: Cherno-Chapaevsk-Balota-Komarovo-Kamenka

Tour 6: Kamenka-Pavlovo-Zelenogorsk-Sosnovka-Myshkino

Tour 7: Myshkino-Pustoshka-Lobation-Airfield-Grozovoy Pass

Tour 8: Grozovoy Pass-Neues Dorf Nordwesten-Vybor-Militärbasis Vybor-Kabanino-Grishino