Vorauseilende Trauer, größte Ungeduld, Schweiß auf der Stirn. So ungefähr war meine Gefühlslage kurz vor dem Ende der ersten The Walking Dead-Staffel. Wir wussten, wie schlecht es um Lee steht und das es enden wird, aber nicht im Detail wie sein Tod herbei geführt wird. Und Clementine? Und die Gruppe? Was wird aus ihnen? Viele Fragen, teils schon halb beantwortet, was aber eher die Spannung steigerte als sie im Keim erstickte. Und auch wenn ich mit der zweiten Staffel meinen Frieden machte, war die emotionale Ausgangslage zum Finale von The Walking Dead Season 2 eine andere. Was wird aus Clem? Was aus Kenny? Und sonst? Die Bindung zu den Charakteren ist – bei aller Kunst der Telltale Games-Autoren – nicht ansatzweise so eng wie in Staffel 1 und das sorgte zumindest bei mir für eine zu große Ruhe vor dem letzten Sturm. Und da eine Fortsetzung bereits angekündigt wurde, machte sich zusätzlich eine gewisse Gelassenheit breit. Diese zeichnet auch weite Teile von der mit No Going Back betitelten letzten Folge aus, wobei „auszeichnen“ nicht im Sinne von „Lorbeeren verteilen“ gemeint ist. Drei Viertel der fünften Episode von The Walking Dead Season 2 werden routiniert und extrem linear abgehandelt, bevor es dann doch noch zum großen Knall kommt.

Der Cliffhanger aus der vierten Episode hatte ja was tarantinoeskes: Viele Menschen zückten ihre Waffen, zielten aufeinander aus nächster Nähe und drückten schließlich ab. Das konnte nicht gut gehen, sorgte aber für einen bleihaltigen und, aus meiner Sicht, wenig atmosphärischen Start in diese Folge. Es stellt sich zudem die Frage, wer denn noch in No Going Back so alles sterben und verwundet werden soll, wenn es schon derart rabiat losgeht. Ich könnte jetzt böse spoilern, aber natürlich weiß ein jeder Freund von The Walking Dead, dass der Tod auch lieb gewonnener Charaktere ein zentraler Bestandteil der Serie ist. Manche Persönlichkeiten entwickeln sich weiter in dieser deprimierenden, kaum lebenswerten Welt, anders verlassen sie (Lee, zum Beispiel) und einige degenerieren charakterlich zu Wesen, die noch weniger Mensch sind als die Walker. Mit Blick auf all die verschiedenen Personen, die mittlerweile auf der TWD-Bühne ihren Auftritt hatten, kann ich der Serie aufgrund dieser Konstellation ihren ganz eigenen Reiz natürlich nicht absprechen – aber diese gewisse Routine, die entwickelt sich leider zu einem schleichenden Gift, dass die Treue zu TWD vielleicht schon in der dritten Staffel auf die Probe stellen könnte.

Clementine zeigt neue Talente. Und die Gruppe ist noch eine Gruppe.
Clementine zeigt neue Talente. Und die Gruppe ist noch eine Gruppe.

Schon im Zuge der ersten Staffel löste sich die Bande zur Gruppe. Für mich waren die beiden letzten und richtig großen Paukenschläge der Tod von Duck und Lee. Und scheinbar sehen die Autoren es ähnlich. Denn da keine der von uns gegangenen Charaktere der zweiten Staffel eine ähnliche Wucht entwickelten wie diese beiden, erhalten sie in No Going Back noch einmal ein wenig Raum, was der gesamten Staffel sehr gut zu Gesicht steht. Mit Kenny, dem alten Redneck, trieb es Telltale schon zu bunt: Diese abstrusen Stimmungsschwankungen in extremster Form und in kürzesten Abständen sind aus meiner Sicht ein wenig zu viel des Guten gewesen und konnten durch all die Verweise auf Katjaa und Duck zumindest ein wenig in Form gegossen werden.

Luke, Mike und Bonnie sind halt da, Arvo ebenso, aber nachhaltig als eigene Persönlichkeit tritt in No Going Back vor allem Jane auf, die in der letzten Episode noch das Weite suchte. Ihre Zerrissenheit wird angenehm subtil zur Schau gestellt, sie wirkt trotz all ihrer Toughness angemessen verletzlich. Zumindest über weite Strecken und besonders in den Dialogen mit Clementine, wenn sie sich selbst den Raum gibt authentisch zu sein. Eher konstruiert wirkt ihr Aufstieg zur veritablen Gegenspielerin von Kenny, aber den benötigt Telltale augenscheinlich irgendwie für das Finale von The Walking Dead Season 2 und damit gerät das TWD-Gemälde am Ende ein wenig aus den Fugen.

Unheil naht, man ahnt und wer hier meint wetten zu wollen, dass die Gruppe vollzählig bleibt, darf es gerne tun - sollte aber über ein gut gefüllte Portokasse verfügen.
Unheil naht. Wer hier meint wetten zu wollen, dass die Gruppe vollzählig bleibt, darf es gerne tun – sollte aber über eine gut gefüllte Portokasse verfügen.

Ganz, ganz selten dürfen wir mitspielen. Die Passage am vereisten See ist so eine Situation und sie entwickelt sich – wenn auch nicht bis ins kleinste Detail – doch (zu) sehr nach Schema F. Ja, so ein bisschen schlucken musste ich schon, aber das lag eher an Kenny, der sich den Russen Arvo massivst vorknöpfte.

Ansonsten bleibt der Adrenalinspiegel die meiste Spielzeit überraschend niedrig. Es wird viel geredet, was natürlich nicht tragisch sein muss. Aber: Im Verlauf von No Going Back wird sich noch herausstellen, dass in der gesamten zweiten Staffel nicht mehr so grandios miteinander gesprochen wurde wie in der ersten. Es gilt in den Dialogen Kenny irgendwie im Zaum zu halten und dann wiederum mit Jane zu sprechen und ehe man sich versieht, wird Clementine wiederum von der Gruppe gebeten, irgendwie Kenny im Zaum zu halten. Zu der Mutter-der-Nation-Rolle von Clementine komme ich noch, aber was mich störte, war das Relevanz-Leck in den Dialogen. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass es in No Going Back ziemlich schnurz ist, was ich sage und tue. So ein wenig wie in The Wolf Among Us, nur hier aus größerer Verlegenheit heraus.

Diese schicken Spiegeleffekte werden häufig in No Going Back verwendet. Ebenso wie die Krisengespräche mit Kenny, der konstant am Rande des Wahnsinns agiert.

Wahrscheinlich werde ich No Going Back ein zweites Mal spielen. Nicht nur aus dem unten genannten Grunde, sondern auch um zu schauen, ob ich mit meiner Vermutung richtig liege, dass es völlig irrelevant für die weitere Story ist, ob ich Kenny nun noch weiter auf die Palme bringe oder ihn, wie es MEINE Clementine tat, regelmäßig und nur temporär davon runterholte. Selbstverständlich erinnere ich mich daran, dass wir unabhängig von unseren Entscheidungen bei Handlungen und in Dialogen einem Roten Faden folgten – aber ich würde mich schon ärgern, wenn über rund 90 Minuten meine jeweilige Wahl nur virtuelle Relevanz hätte. Es scheint mir so und das würde mich ärgern.

The Walking Dead Staffel 2: Ungelenk dem Ende entgegen

Aber nun zu den Stärken von No Going Back: Ganz vorne sehe ich Clementine´s Dialog mit Lee. Yep, Lee. Richtig gelesen. Diese Sequenz ist herzerweichend. Die junge Clementine weiß direkt wieder zu rühren und dieser sanfte Umgang von Lee mit ihr bleibt in seiner Wirkung unerreicht. Es ist weit mehr als ein Flashback, es ist ein Fingerzeig auf die stärkste Seite, die The Walking Dead bis dato zeigte. Und auch wenn Clementine reifer und älter werden muss, zeigt sich hier doch überdeutlich, dass sie alleine gar nicht die Last des perfekten Zusammenspiels mit Lee tragen kann. Das ist vorbei und kann nur kurz, wie in dieser Quasi-Traumsequenz, wieder zum Leben erweckt werden. Das Tandem Jane und Clementine funktioniert auch auf eigene Art und Weise, aber überspringt nie die Hürde der Unverbindlichkeit, die Jane nun mal ausstrahlt und lebt.

Welcome back, Lee. Auch wenn nur für zwei Minuten.
Welcome back, Lee. Auch wenn nur für zwei Minuten.

Und, leider, leider, übertreiben es die Autoren mit der Reife von Clem. Sie muss wirklich nicht in diesem Alter die Mutter der Brigade sein. Dass sie, inmitten von erwachsenen Menschen, so annähernd jeden Streit zu schlichten hat, ist zu viel des Guten und fiel mir besonders in dieser Episode negativ auf.

Gewünscht hätte ich mir mehr Momente der Reflexion von Clementine. So manche(r) klagt ihr das Leid, aber was sie selbst denkt und fühlt, wird leider nur am Rande angerissen. Das ist schade und nimmt der gesamten Story ein hohes Maß an Tiefe – und das auch noch völlig unnötig. In Dialogen und Zwischensequenzen wäre „mehr Clementine“ ohne größeren Aufwand darstellbar gewesen. Und wenn es dann um Clementine selbst geht, sind es direkt die großen Sätze und Emotionen, fern der kleinen Zwischentöne.

No spoiler here.
No spoiler here.

Tiefere und größere Risse in der Gruppe und das aus den Fugen geratene Duell Kenny vs. Jane lassen frühzeitig erahnen, dass es nicht auf ein ruhiges Finale des Finales hinauslaufen wird. Und so kommt es auch. Nach einem kleineren, für mich storytechnisch gesehen komplett abstrusen (LKW-Sequenz mit Arvo & Co.) Paukenschlag nähern wir uns dem High Noon und positiv daran ist, dass wir uns tatsächlich zwischen grundverschiedenen Enden entscheiden können. Wer nicht alle Varianten ausprobieren mag, kann hier nachlesen, was so alles möglich ist. Nur soviel zu meiner Geschichte: Clementine handelt selbst und es ist kein Ende nach ihrem Geschmack.

Wo alles an Variationen möglich ist, drängt sich der Verdacht auf, dass diese am Ende natürlich wiederum ohne staffelübergreifende Konsequenzen sind. Und so muss es sein, anders geht es gar nicht, denn ansonsten würde uns Telltale mindestens vier verschiedene Versionen von Staffel 3 präsentieren müssen. Daher liegt es an uns, wie wir für uns diese Staffel und Geschichte jeweils zu einem Ende bringen. Natürlich keinem guten, das liegt in der Natur der TWD-Sache. Persönlich bin ich mit „meinem“ Abschluss zufrieden. Er hatte ausreichend Durchschlagskraft, um Spannung für die dritte Staffel aufzubauen. Aber das „Wie“, das gefiel mir nur zeitweise richtig gut in dieser Episode. Ansonsten wird sich Telltale überlegen müssen, ob es Sinn macht, das Gameplay immer weiter in Richtung Graphic Novel zu verschieben. Ich sehe da verdammt viel Luft nach oben: Nach der Reduktion an spielerischen Möglichkeiten in dieser Staffel sollte es in Season 3 wieder mehr Freiheiten geben. Die könnte Clementine in neuer Rolle auch gut gebrauchen.

Clementine in neuer Rolle.
The new Clementine.

Und wie immer gibt es abschließend den Überblick über meine Entscheidungen. ACHTUNG SPOILER!

The Walking Dead Season 2 Entscheidungen