Unser Held weiß nicht viel von der Welt. Trotz des mit Adrenalin angetriebenen Chips im Superhirn. Obwohl er als Agent etwas Besonderes zu sein scheint. Unser Held erkennt aber leider nicht einmal die Flasche Bier auf dem Tisch. Er identifiziert nicht einmal den Tisch als Tisch. Dafür braucht er offensichtlich Hilfe. Um die Umwelt ordentlich wahrzunehmen, lädt sein Sci-Fi-Gehirnchip eine Art Erkennungsprogramm, dass die Bierflasche scannt und diese – zu unser aller Erleichterung – auch völlig korrekt wahrnimmt. Schick sieht das aus, wie nach einem Blick auf einen Gegenstand ein Ladebalken startet und das Mobiliar scannt. Braucht man das für einen Shooter? Nö. Treibt es die Story voran? Nein. Wirkt der Held als Held, wenn er ein bisschen blöde ist? Klares Nein. Kann man Syndicate deswegen direkt zu den Akten legen? Zum Glück wieder ein Nein.

Syndicate ist ein Spiel mit schwieriger Vorgeschichte. Es wird eine alte und beinahe vergessene Marke herangezogen und annähernd zur Unkenntlichkeit verändert. Ja, es ist eindeutig die Syndicate-Welt, aber es ist auch ein gradliniger Shooter. Sei´s drum, schließlich legte das Entwicklerstudio Starbreeze nach eigenem Bekunden einen großen Wert auf eine gut erzählte und erwachsene Story. Erwachsen mag die Story sein, gut erzählt ist sie allerdings leider nicht. Weder verfügt sie über besonderen Tiefgang, noch gibt es überraschende Twists oder erhellende Momente, die zum Nachdenken anregen. Cyberpunk ist an sich nicht automatisch intelligent oder besonders hintersinnig, sondern gibt den Autoren und Entwicklern viele Möglichkeiten und Freiheiten, ein düstere Zukunftsvision zu erschaffen. Diese Chancen muss man aber nicht nutzen. Kurz: Syndicate ist kein eingängigeres Deus Ex: Human Revolution. Schade. Auch technisch bietet es auf der PS3 nicht mehr als Deus Ex. Es ist aber ein richtig guter Shooter. Sofern man nicht L3 drückt, dazu aber später mehr.

Im Intro wird uns die Hintergrundstory recht frontal vor den Latz geknallt. Durch den Gehirnchip erreicht die Kommunikation eine neue Evolutionsstufe, weswegen zum Beispiel Smartphones & Co. ihren Sinn und Reiz verloren haben. Die Implantate bestimmen über die Klasse des Menschen. Wer keines hat, ist nichts mehr wert. Weltweit übernehmen Unternehmen die Macht von den Staaten und damit  bekommt auch die Industriespionage einen ganz neuen Stellenwert. Und wer ist für die Spionage zuständig? Agenten natürlich, und ein außergewöhnliches Exemplar ist unser Held. Weniger außergewöhnlich ist der Spielbeginn. Begannen Shooter noch in den letzten Jahren gerne mal mit einem Hubschrauber- oder Flugzeugabsturz, muss nun die Verhörsituation seit Black Ops als neuer Mainstream-Opener hinhalten. Trotzdem gelingt der Einstieg. Schnörkellos lernen wir von Kampagne zu Kampagne neue Fähigkeiten, erweitern diese und können sie – wenn auch eher oberflächlich – unseren Vorlieben anpassen. Die Spezialfähigkeiten sind im Kampf selbst sehr kreativ, wie beispielsweise die Suizidfähigkeit, die Gegner die Waffe auf sich selbst richten lässt.

Abseits der Kämpfe bleibt es banal. Wer hackt, sollte dafür mehr tun müssen als einfach nur auf einen Knopf zu drücken. Besonders wichtig ist für einen ordentlichen Shooter aber eh etwas anderes: Das Schießen geht leicht von der Hand und die verschiedenen Waffen geben gute Rückmeldungen. Das Deckungssystem ist im Vergleich zu manch anderem Genrekollegen nicht annähernd so hakelig und funktioniert ordentlich, auch wenn es zum Beispiel an Ecken und Kanten genau diese selbst auch in der Funktionalität zeigt. Die KI agiert zuweilen arg ruckelig in seinen Bewegungen – aber handelt schlüssig und auf hohem Niveau. Der Gewaltgrad ist hoch, aber das ist natürlich Geschmackssache. Meiner Meinung nach wäre weniger mehr gewesen, aber da dreht es sich nur um Details wie die Reaktionen auf Schüsse aus nächster Nähe. Doch bei all den Missionen, die sich vordergründig um Datendiebstahl und sonstige Industriescharmützel drehen, findet Starbreeze eine gute Balance aus Herausforderungen und ruhigeren Passagen sowie aus Bosskämpfen und Einer gegen Alle-Situationen. Auf dem reinen Shooterterrain spielt Syndicate mit der Solomission vorne mit, auch wenn sechs Stunden Spielzeit leider etwas kurz geraten sind. Und wenn…Starbreeze nicht mit dem Liquidierungsmodus sein eigenes Spiel ad absurdum geführt hätte. Ich kann jedem nur davon abraten, L3 zu drücken. Nicht nur, dass ein Knopfdruck reicht, um einen in unmittelbarer Entfernung positionierten Gegner per Würgegriff zu erledigen – nein, auch die Energie steigt. Es ist leider einfacher die Gegner zu liquidieren als sie im Bleihagel zu besiegen. Die Kombination von beiden – erst Energie aufbauen und dann schießen – macht auch aus dem herausfordernsten Bosskampf ein Kinderspiel. Also, Finger weg von L3! Spielt, wie man einen Shooter spielen muss!

 

Syndicate wurde zu groß und in jeder Beziehung zu umfangreich angekündigt. Es ist ein frontaler Shooter im Cyberpunk-Gewand und kein tiefgründiger Cyberpunk-Thriller, bei dem ihr auch schießen müsst. Damit verdient sich Syndicate trotzdem ein Alleinstellungsmerkmal auf dem Markt, dass offensiv hätte verkauft  werden können. Jedoch befürchte ich, dass viele Gamer und besonders Shooter-Freunde dem Spiel nicht die volle die Aufmerksamkeit schenken, weil sie es in einer anderen Schublade verorten. Bei allen Stärken in seinen Kernkompetenzen wäre mehr Tiefgang durchaus möglich gewesen – ohne dabei das Tempo nachhaltig zu verlangsamen. Cyberpunk-Szenarien sollten mehr als nur eine Kulisse sein. Das sind Chancen, die leichtfertig vergeben wurden. Von dem L3-Debakel ganz abgesehen. Diesbezüglich würde ich gerne mehr über Qualitätssicherungsprozesse von Starbreeze erfahren. Trotzdem: Betrachtet man Syndicate „nur“ als Shooter, macht es sehr viel richtig und nur wenig falsch.

7,5/10

[PS3-Version, nur Solomission. Koop wurde für die Rezension nicht berücksichtigt]