Eigentlich dürfte ich Trials Evolution gar nicht mögen, auch nicht die Gold Edition für den PC. Nach dem feinen Tiny Wings von Andreas Illnger war das Ende der Fahnenstange in Sachen Pseudo-Physik-Pace-Casual-Spielchen eigentlich erreicht. Außerdem: Was interessiert mich Motocross? Und dann nicht einmal als Rennspiel oder Simulation, sondern als Geschicklichkeitsherausforderung? Aufgeteilt in kleine Casual-Häppchen? Gar nicht interessiert sowas. Und das Trials Evolution, damals als es für die Xbox 360 erschien, im Ruf stand bockschwer zu sein? Pffft, dachte ich mir, was kann Trials Evolution dafür, dass es eine untalentierte Zielgruppe anspricht, für die Angry Birds das Nonplusultra in der Spielelandschaft ist? Wer zwei linke Hände hat, ist halt kein guter Handwerker, aber deswegen ist es prinzipiell immer noch nicht schwer einen Nagel in ein Brett zu hämmern. Gekauft habe ich die Trials Evolution Gold Edition aus einer erschreckend oberflächlichen Spielekaufrausch-Laune heraus, erwartete nichts und bekam das Demon Souls der Core-Casual-Games. Sogar den Begründer dieses verqueren Genres, wenn man so will.

Und warum soll ein Quasi-Physik-Motocross-Spiel (!) wie Trials Evolution nun plötzlich doch so großartig sein? Ganz einfach: Weil es in seiner Schlichtheit wirklich schwer ist. Weil die Entwickler RedLynx und Ubisoft Shanghai den Spieler einerseits fordern, ihn ernst nehmen und nichts schenken, aber andererseits nicht davor zurückschrecken, hemmungslos albern zu sein. Schlimm genug, dass extra erwähnen zu müssen, aber es ist doch schön, wenn der Entwickler und noch mehr der Publisher Ubisoft den Mut haben, dem Zeitgeist einfach mal den Finger zu zeigen. Aber vor allem vollbringen sie die Heldentat, die früh aufkeimende Frustration in einen unbändigen, schon beinahe ungesund werdenden „Noch-eine-Runde-Noch-ein-Versuch“-Wahnsinn zu transformieren, den ansonsten rundenbasierte Strategiespiele wie etwa das Civilization-Franchise für sich beanspruchen. Es sind eben die kleinen, knackigen Einheiten, die mich bei Trials Evolution bei der Stange halten. Eben das schreckliche Casual-Prinzip, das ich eigentlich nicht mag. Und nun bei einem Quasi-Physik-Motocross-Spiel geradezu liebe.

Trials 1

Der Looping aus der „Luftsprünge“-Map des Crash Country-Bereichs von Trials Evolution. Es ist ein fordernder Parcours, gilt aber als „mittel“. Haha.

Trials Evolution beginnt – aus dem Blickwinkel des mittlerweile erfahrenen und wackeren A-Lizenzinhabers – geradezu niedlich mit der D-Lizenzprüfung und den ersten Kursen, die nicht ganz ohne Grund unter dem Label Kinderspiel laufen. Im HD-Lagerhaus geht es mit den Anfänger-Strecken auch nicht herausfordernder zu. Denn: Erst einmal geht es darum, sich an das Tempo von Trials Evolution zu gewöhnen und ein bisschen auf die Landung nach dem Sprung zu schauen. Dass man sich nicht im Sturzflug im 180 Grad-Winkel und dem Vorderrad voraus auf die nächste Rampe stürzt. Eine fluffige, ganz casual-konforme Spielerfahrung für den iOS-Dilettanten ohne große Spielerfahrung. Und wer sich blöde anstellt, hat was zu lachen, denn die Stürze sind auffällig martialisch. Auch wenn ich es eher schätze, nach einer neuen Rekordfahrt mit Looping, zweihundert Meter weiten Sprüngen in drei Kilometer Höhe und wahnwitzigen Wippen-Gleichgewichts-Übungen ganz schmucklos nach der Zieleinfahrt gegen eine olle Euro-Palette zu krachen und, na ja, nicht mehr aufzustehen. Auch Medaillen werden in Trials Evolution nur posthum verliehen.

Trials Evolution: Makes you feel like a Lusche

Nach ein bisschen Springen und Landen wird es mit ein paar Ausreißern nach oben aus dem „einfachen“ Öl ins Feuer-Level nach der B-Lizenzprüfung bei Ultimatives Tempo auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad bei Trials Evolution ernst. Das Tempo muss den jeweiligen Hindernissen weitaus exakter angepasst werden und neben der Körperhaltung, die essentiell ist um das Gleichgewicht zu halten, muss auch der Winkel der Rampen im Blick behalten werden. Außerdem verstecken die Entwickler immer mehr Gemeinheiten nach dem Motto: Wer über Rampe 3 zu schnell fährt, kommt bei Rampe 5 schon ins Straucheln, weswegen er entscheidend an Geschwindigkeit verliert und als Konsequenz definitiv bei Sprung 6 zwanzig Sekunden später gegen eine Eisenstange krachen wird. Also: (Nicht nur) Der liebe Casualspieler muss sich überwinden und die Kurse auswendig lernen. Ohgottogott. Obwohl ich eigentlich glaube, dass der typische Casualspieler mittlerweile längst wieder Angry Birds spielt und von Trials Evolution schlecht träumen wird. Mich packte an dieser Stelle endgültig der Ehrgeiz in seiner fanatischsten Ausprägung. Versagen ist ok, von mir aus auch einhundert Mal am Stück – aber nur, wenn im Versuch danach dabei die Goldmedaille für den Kurs herausspringt. Koste es, was es wolle. Zeit, zum Beispiel.

Trials 3

AHHHHHHH! Was für ein Flug! Der die Gesetze der Schwerkraft sprengende Sturzfallsprung auf dem Kirmes-Kurs in Trial Evolutions.

Auch wenn das Versagen noch so groß ist, gibt Trials Evolution dem Spieler beinahe durchweg das Gefühl, ganz kurz vor dem Durchbruch zu stehen. Dieses Gefühl mag auch mal eine Stunde lang andauern, während man in Wirklichkeit keine 20 Sekunden ohne Sturz bleibt und das zweihundert Mal hintereinander. Das zeigt, welche Macht die Motivation hat, die Trials Evolution durch seine Spielmechanik heraufbeschwören kann. Davon fest überzeugt zu sein, die Goldmedaille im nächsten Versuch WIRKLICH JETZT zu schaffen, grenzt zuweilen an eine Illusion und Zauber. Wesentlich dafür ist neben dem sehr direkten Feedback (Stürze = schlecht, Goldmedaille = Held) das grandiose Belohnungssystem, das einem subtilen Beleidigungssystem nicht unähnlich ist. Ja, es ist ja schön, auf einer schnelleren Maschine zu sitzen, aber geschenkt kriegt man die nicht. Und wer glaubt, sich eine 450er ccm irgendwie ermogeln zu können durch Bronze- und Silbermedaillen, hat sich aber mal ganz tief geschnitten. Davon abgesehen kann ich niemanden erst nehmen, der sich mit einer Bronze-Medaille zufrieden gibt. Die bekommt man für´s Durchkommen, egal wie oft man auf die Nase fiel und wie lange der Spaß dauerte. Die Bronze-Medaille ist für jeden halbwegs ambitionierten Spieler mehr höhnischer Spott als Belohnung. Auch die Silbermedaille bekommt man mehr oder weniger hinterhergeworfen, denn stürzen darf man, muss aber mit der Maschine schneller das Ziel erreichen als es die Omma mit dem Rollator schaffen würde. Gold ist das, was glänzt.

Um eine Goldmedaille zu erhalten, muss eine recht enge Zeitvorgabe geschlagen und vor allem – und hier lauert die wahre Herausforderung – das Ziel sturzfrei erreicht werden. Spätestens beim Tal des Todes kommt da richtig Freude auf. Das Geld, dass man für Gedönskram in der Werkstatt eintauschen kann, interessiert dagegen recht wenig. Aber, und da sind wir wieder bei der perfekt-perfiden Mechanik: Nach dem Gold ist vor dem Gold. Es gibt in Trials Evolution einfach zu viele zu spektakuläre Kurse, um es nach einer perfekten Fahrt gut sein zu lassen. Also setzt man sich immer wieder auf sein Motorrad und peinigt sein Alter Ego mit hunderten von Genickbrüchen am Stück. Bis dann, ja irgendwann, jeder Parcours – sogar die bescheuert-albernen, aber ebenso bockschweren Technikkurse – im Crash Country und HD-Lagerhaus-Level bestiegen, äh, mit Gold gemeistert wurden. Dann kann man sich zurücklehnen, aber erst dann. Danke, Trials Evolution.