Liebes Assassin´s Creed 3,

geht´s noch? Da kommst du nach drei Assassin´s Creed 2-Episoden endlich als offizielles Assassin´s Creed 3 um die Ecke, um dann doch nicht aus den Puschen zu kommen. Versprochen hast du mit dem Halbblut Connor einen strahlenden Helden im amerikanischen Bürgerkrieg, der aufregende neue Abenteuer erlebt und was bekommt man in den ersten knapp fünf Spielstunden? Den nicht sehr hellen Desmond, der im späteren Verlauf gerne mit angeschnallten Rucksack in den Animus steigt. Von Connor keine Spur, dafür lernen wir aber mit Herrn Kenway dem Älteren den drögesten spielbaren Assassin´s Creed-Typen aller Zeiten kennen. Und dann dein wirrer Einstieg! Viel mehr, als das am 21.12.2012 die Welt untergehen soll und die Templer die fiesen Bösen sind, bleibt bei mir jedenfalls nicht hängen. Und warum die seltsamen Vorläufer, die – jetzt zitiere ich dich, liebes Assassin´s Creed 3 – „die Welt beherrschten, zerstörten und verließen“, konnte mir noch niemand erklären. Nicht eins von den dreien. Kaum anders sieht es mit dem kitschigen Eden-Apfel aus, der so fein leuchtet und die Leute in den Wahnsinn treibt. Und dass du den unvergessenen Ezio Auditore da Firenze nur im Nebensatz kurz als „anderen Vorfahren“ von Desmond im Vorbeigehen erwähnst, nehme ich dir richtig übel. Das hat der alte Womanizer nicht verdient.

Und du, Assassin´s Creed 3, sollst also, sofern man dieses Mal deiner brachialen Marketingmaschine glauben mag, den Abschluss der (so genannten) Hauptstory erzählen und damit ein Final setzen in der prägendsten Spieleserie dieser Konsolengeneration? Hmm, irgendwie wird es schon weitergehen, nicht wahr? Deine Stärken sind ja unverkennbar: Grandios an dir ist seit Assassin´s Creed 2 dein abwechslungsreiches Gameplay, deine kleinen Geschichten und vor allem deine Charaktere (Ezio!). Das alles wirkt, obwohl deine Grundgeschichte beknackt ist und die Missionen an Redundanz kaum zu übertreffen sind. Das muss man erst einmal schaffen, Respekt! Die lebendige Atmosphäre und die Freiheit über den Dächern von Florenz, Rom und Istanbul habe ich in jeder Spielminute genossen. Und mich gewundert, dass du, Assassin´s Creed 3, nach einer kleinen Klettereinlage und einem feigen Dolch-in-den-Rücken-Attentat im Londoner Theatre Royal in einen ermüdenden Labermodus verfällst. Da sitzt man dann beinahe tatenlos mit dem Gamepad in der Hand auf dem Sofa, schaut sich nicht nur den steifen Mister Kenway an, sondern auch Desmond, wie er ins Koma fällt, nachdem irgendein abgefahrener Tempel zu ihm sprach. Nee, liebes Assassin´s Creed 3, mit der Realität stehst du weiterhin auf Kriegsfuß.

Atmosphärisch dicht ist die kleine, aber gameplaytechnisch erschreckend unspektakuläre Theatre Royal-Mission schon, bevor Assassin´s Creed 3 fünf Gänge zurückschaltet. Für einige Stunden.

Und dann geht´s auf´s Schiff rüber gen Amerika! Hurra! Assassin´s Creed 3, jetzt nimmst du richtig Tempo auf! Ne? Oder? Nicht? Erwartet hatte ich eine kleine Zwischensequenz, aber letztlich dauert es schon ein Stündchen, um mit Mister Kenway dem Älteren eine eher maue Verschwörungs- und Meutermission zu bestehen. Es wird auch wieder sehr viel geredet. Zwar darf man Teilen der Crew zwischendurch lecker eins auf die Nase geben und ein bisschen an den Seilen klettern, aber viel Abwechslung bietet diese seltsame Tutorial-Mission nicht. Immerhin gab es auf dem Schiff keine dumpfe Fallout 3-Gedächtnis-Schlossknacken-Aufgabe wie im Theatre Royal, die meine Erwartungshaltung bezüglich sich anbahnenden unvergesslichen Innovationen in deinem weiteren Verlauf, liebes Assassin´s Creed 3, merklich dämpfte.

A propos eins auf die Nase geben: Dank der neuen Anvil Next-Engine sollst du ja noch schicker aussehen, aber das bringt nicht ganz so viel, wenn du dein Kampfsystem seit deinem Urahnen Assassin´s Creed 2 einfach nicht weiterentwickeln magst. Es ist ja schon so, dass sich die Welt draußen weiter dreht und im Sommer mit Sleeping Dogs ein Spiel auf den Markt kam, dass dir, liebes Assassin´s Creed 3, in Sachen Timing und Anspruch dermaßen eindrucksvoll die Grenzen aufzeigt, dass du dich mit hochrotem Kopf für ein paar Minuten auf die Stille Treppe zurückziehen solltest. Und dann atmest du mal durch und es geht weiter in Amerika.

Die Crew muckt auf. Der stoische Mr. Kenway nimmt es nicht mit Humor, sondern packt direkt mal eine hakelige Combo aus. 

In Boston wird mal wieder geredet. Wir kennen das ja von allen Assassin´s Creed-Teilen: Man landet mit dem Boot am Schauplatz, wird vom neuen Buddy abgeholt und labert und labert. Aber dann starten doch die Missionen, die sich so wie die letzten aus deinen vorherigen Episoden anfühlen: Mr. Kenway klettert wie von Geisterhand und ohne Anspruch an den Spieler an den Fassaden entlang, verfolgt hier jemanden und belauscht dort andere. An jeder Ecke stehen wieder 20 Meter hohe Leitern herum. Synchronisiert wird auch, allerdings nicht oben an der Spitze monumentaler Türme, sondern auf derart mickrigen Minikirchen und dreistöckigen Häusern, das dieser Minimalismus schon wieder kreativ ist. Und du, liebes Assassin´s Creed 3, lässt uns schießen. Wobei das Zielen technisch ungefähr auf dem Stand eines unterdurchschnittlichen MMO einzuordnen ist. Markieren, schießen, treffen, nachladen. Und zwischendurch gibt´s was für die Bösen mit dem Schwert auf die Mütze. Das stilvolle Agieren mit der versteckten Klinge scheint out zu sein, was ich nur bedauern kann. Und so schleppt man sich dann durch deine Missionen, liebes Assassin´s Creed 3, in der Hoffnung, dass es richtig los geht, wenn es irgendwann mal los geht.

Nach rund 5 Stunden fehlt von deinem angepriesenen neuen Helden Connor weiterhin jede Spur. Das soll mal einer verstehen. Darf ich dein Tutorial, das längste und ausufernste seiner Art, als Versprechen für ein großes epochales Abenteuer verstehen? Ich gebe die Hoffnung nicht auf und mit Blick auf den Jubeltrubel der Fachpresse scheinst du ja noch auf´s Gaspedal zu drücken. Bis dahin, liebes Assassin´s Creed 3, habe ich wohl mehr Freude an deiner Cousine Aveline aus Assassin´s Creed 3: Liberation, die auf der Vita einen anderen Kurs fährt: Ohne albernen Storyballast und langatmiges Brimborium drumherum konzentrierten sich die Entwickler von Ubisoft Sofia einfach mal auf das Wesentliche. Und das ist das Gameplay.