Ob Remember Me wohl eher als artsy-fartsy Mainstream-Pleite oder ambitioniertes, intellektuelles Spielkonzept in die Geschichte eingehen wird? Remember Me von DONTNOD Entertainment und Publisher Capcom wirft jedenfalls viele Fragen auf und für ein Spiel sind es verdammt existenzielle. Etwa nach dem virtuellen (Er-)Leben im echten Leben, der Wahrnehmung der realen, aber unbefriedigenden Welt und der Macht, die Unternehmen mit gar nicht mal schlechten Ideen, aber ganz eigenem Interessen, auf unser aller Leben haben. Davon erzählt Remember Me und es erzählt sehr aufregend, künstlerisch ansprechend und klug, ohne dabei mit erhobenem Zeigefinger zu wedeln. Was auch unangebracht wäre, denn wer Remember Me erlebt, zieht schließlich gerade selbst ein virtuelles Abenteuer dem Leben da draußen vor. Aber ob eine hervorragende Grundidee gepaart mit einer fantastischen atmosphärischen Umsetzung reichen, um Remember Me zum Erfolg zu tragen, darf bezweifelt werden. Denn vom Gameplay werden die Wenigsten schwärmen.

Remember Me beginnt mit einem Werbespot der Memorize Corporation aus dem Jahr 2084, in dem Menschen unterschiedlichen Alters über ihre Erfahrungen mit Sensen (Kurzform für Sensational Engine), einem Produkt, dass Erinnerungen real fühlbar wieder aufleben lässt, berichten. Schon früher war ich fasziniert von Total Recall (ja, auch der jungen Sharon Stone) und der fiktiven Möglichkeit, positive künstliche Erinnerungen in gefühlt echte zu verwandeln, was dem Ganzen noch näher kommt als die virtuell-reale Wirklichkeit aus Matrix. Und da die Wenigsten mit sich, der Welt und den Regeln unserer Gesellschaft in völligem Einklang leben, öffnen Geschichten und Möglichkeiten der Wirklichkeitsmanipulation, wie sie Remember Me beschreibt, Türen in der Gedankenwelt, die wohl nicht nur ich gerne dann und wann mal öffne. Im Spot der Memorize Corporation freut sich etwa eine ältere Dame darüber, dass ihr verstorbener Mann durch Sensen zumindest für sie noch nicht ganz tot ist und sie dank Sensen schöne Stunden mit ihm genießen kann. Ein Paar durchlebt die ersten, romantischsten Momente in ihrer Beziehung immer wieder neu und auch mir fallen Erlebnisse ein, die ich zu gerne auf eine intensive(re) Art und Weise und vielleicht sogar ein Stück bewusster gerne noch einmal erleben würde. Zum Beispiel die Geburt meines Kindes. Aber: Natürlich wäre es nicht das wahre Leben, selbstverständlich gibt es nur einmalig diese Momente und die wahre Kunst liegt darin, sie zum richtigen Zeitpunkt auch als solche mit wachem Geist zu erleben. In der Geschichte von Remember Me braucht der Mensch nicht mehr aufmerksam zu sein. Erst will er es gar nicht mehr,  dann kann er nicht mehr, denn er ist nach Sensen süchtig.

Remember Me 1

Nilin, die Protagonistin und Gedächtnisjägerin aus Remember Me, vor der prachtvollen Skyline von Neo-Paris aus dem Jahre 2084.

Dass Erinnerungen nicht gleich Erinnerungen sind, wundert nicht. Es wäre schon seltsam gradlinig, wenn das künstliche Leben im echten nicht manipuliert wäre oder manipuliert werden könnte. Man ahnt, dass die Memorize Corporation mit Sensen eigene Interessen verfolgt und dass diese sicherlich nicht förderlich für die Gesellschaft sind. Schon ganz früh zeigt Remember Me die Konsequenzen einer machtvollen zweiten Wirklichkeit, die in sozialer Ungleichheit und einer destabilisierten, unsolidarischen Gesellschaft liegen. Unsere Helding Nilin setzt sich nicht nur für das wahre Leben ein, sondern sie verfügt über eine extrem interessante Fähigkeit, die den spielerischen Reiz ausmacht (bzw. ausmachen müsste/sollte): Nilin kann Erinnerungen remixen. Darauf muss man erst einmal kommen, das ist großes Kino von DONTNOD. Der Spieler wird zu Nilin´s Künsten sehr gemächlich geführt, denn erst einmal steht Neo-Paris im Fokus des Spiels. Die Remember Me-Welt aus dem Jahre 2084 wird uns ohne große Worte und geschwungene Reden, dafür mit vielen fantastischen Bildern und Kamerafahrten sehr eindringlich – und noch bevor das Spiel eigentlich richtig beginnt – gezeigt. Wer Wert auf Immersion legt und sich gerne in ein Spiel hineinziehen lässt, wird Remember Me wahrscheinlich für seine erste halbe Stunde feiern.

Remember Me: (nur) Großes Kino?

Bei aller Wucht der cineastischen Inszenierung kann schon mal entfallen, dass Remember Me eigentlich ein Spiel ist, bzw. sein soll. Oder sollte. Man weiß es nicht so genau und für den Fall, dass Remember Me die finanziellen Erwartungen von Capcom nicht erfüllen wird, dürfte die Tatsache, dass es spielerisch nicht annähernd so ambitioniert ist wie in seinem intellektuellen konzeptionellen Überbau, eine größere Rolle spielen. Aber: Wie kann gameplaytechnisch die intensive Atmosphäre etwa eines Viertels von Neo-Paris wie dem Slum 404, welches mehr an eine Kreuzung aus Jean-Pierre Jeunet´s „Stadt der verlorenen Kinder“ und Wong Kar-Wei´s „2046“ erinnert als an eine Game-Location und untermalt ist von einem hervorragend orchestralen Score von Olivier Deriviere, entsprechend weiterverwertet werden? Ich weiß es doch auch nicht, aber DONTNOD eben leider genauso wenig und wenn man dem Entwickler irgendetwas vorwerfen möchte, dann, dass er nach dem Publisherwechsel von Sony zu Capcom nicht darauf drängte, Remember Me wirklich gerecht zu werden und das Erleben der Spielwelt in den Vordergrund stellte – so wie es bei Dear Esther doch fantastisch (und kommerziell erfolgreich) funktioniert hat. Da ist es schon beinahe lachhaft, dass wir – anstelle mit offenen Augen und Geist über Neo-Paris und eine äußerst interessante Geschichte zu staunen – einen großen Anteil der Spielzeit damit verbringen, den Leapern und anderen mutierten Gesellen die Fressen mit verschiedenen Pseudo-Combos einzutreten. Das klingt jetzt arg prollig, aber ich finde es einfach unfassbar, dass eines der intelligentesten Spiele der letzten Jahre mit einem derart unangenehm schlichten Gameplay daherkommt. Aber dazu gibt es später noch eine bitterböse Extra-Review.

Remember Me 2

Wie aus einem futuristischen Bilderbuch. So schaut das Neo-Paris des Jahres 2084 aus Remember Me aus.

Es ist schon skurril, dass gerade Remember Me desöfteren aufgrund seines unpassend billigen Geprügels und Gehüpfes sowie dem streng linearen Leveldesign den Eindruck vermittelt, im falschen Film zu sein. Warum komplexe Geschichten und ein faszinierender intellektueller Überbau scheinbar in simpelsten Gameplay enden müssen, darf mir gerne mal ein Vertreter der Spieleindustrie erklären, denn von alleine komme ich da nicht hinter. Schon bei Bioshock: Infinite konnte man sich nur wundern, dass ein spaciger Multi-Universumsansatz mit annähernd unendlichen Realitäten mit einem frontal-brutalen Shooter-Standard-Gameplay verbunden wurde. Wem die Story nicht zusagt oder wer sie nicht kapiert, wird sicherlich weder Remember Me noch Bioshock: Infinite dafür lieben, dass es spielerisch einfältig daherkommt.

Und so ist Remember Me mehr Einstellungssache als Geschmacksfrage. Mich begeistert die Story ebenso wie das Setting und die künstlerische Umsetzung. Schön, dass es so Erlebnisse wie Remember Me heutzutage noch gibt. Spiele, über dessen Ideen und Konzepte es lohnt nachzudenken, die im Hinterkopf immer noch arbeiten, obwohl der Abspann schon längst vorbei ist. Das rechne ich DONTNOD sehr hoch an, diese Begeisterung ist bei mir nachhaltig (wie auch bei Bioshock: Infinite) und das stelle ich über das Gameplay. Auf seine ganz eigene Art und Weise ist Remember Me ein im wahrsten Sinne des Wortes fantastisches Kunstwerk. Aber ich kann es sehr gut nachvollziehen, wenn man dagegen zum Schluss kommt, dass Remember Me als Spiel weit unter seinen Möglichkeiten bleibt und auf ganzer Linie enttäuscht.