Zugegeben, nach einigen Monaten Abstand fällt es mir nicht leicht, mal kurz die (Hintergrund-)Story von Bioshock Infinite aus dem Ärmel zu schütteln. Zwar brannte sich das universale “Es gibt immer einen Leuchtturm, immer einen Mann, immer eine Stadt”-Gesetz in mein Hirn (es klingt halt auch interessant), aber wenn es an die Details geht, wird es haarig. Wie war das etwa noch mal mit der Mutter von Elisabeth? Da könnte ich mich beliebig weiter in die Mangel nehmen und kaum detailliert antworten können. Daher blickte ich dem ersten Teil des Bioshock Infinite Story-DLC Burial at the Sea bzw. „Seebestattung“ in der deutschen Variante betitelt, neben einer gewissen Vorfreude auch mit einer Portion Skepsis entgegen. Zudem konnte ich mich mit dem Setting in Rapture aus den ersten beiden Bioshock-Teilen nicht wirklich anfreunden (neben der grässlichen Steuerung) und befürchtete eine Art Rückfall.

Warum Ken Levine wieder auf Rapture zurückgriff, bleibt mir auch nach dem Durchspielen ein Rätsel. Vielleicht ist es ein Dienst an die treuen Fans oder nur eine schnöde Kostenfrage. Da die Bioshock Infinite-Galaxie aus nahezu unendlichen Paralleluniversen besteht, in der überall die “Es gibt immer einen Leuchtturm, immer einen Mann, immer eine Stadt”-Regel gilt, geben Zeit und Raum dem Entwicklerteam alle Freiheiten, die Geschichte an allen Orten dieser Welt in denkbar jeder Epoche zu erzählen. Aber es ist Rapture und nicht der Wilden Westen, die Sächsische Schweiz oder China. Immerhin fühlt sich die Unterwasserstadt für meinen Geschmack nicht nur in Film noir-Art morbider und düsterer als in den Vorgängern an, sondern wurde an einigen Locations sehr fantasievoll und kreativ gestaltet. Passt ja auch zum Bösewicht von Burial at Sea namens Sander Cohen, einem entgleisten Künstler, der von Atlas wie folgt beschrieben wird: „I´ve seen all kinds of cutthroads, freaks, and hard cases in my life, but Cohen, he´s a real lunatic, a dyed-in-the-wool psychopath…“.

Burial at Sea SchneebestattungBei der Suche nach Sally spielt in Burial at Sea die dunkelste Seite der künstlerischen Freiheit eine gewisse, hin und wieder auch arg geschmacklose Rolle. Aber manchmal, wie hier, profitiert auch das Auge von den fantastischen Locations.

Kämpften wir in Bioshock Infinite zumeist um Elisabeth, kämpfen wir nun durchgehend mit ihr. Sie ist wieder Sparringspartner, Hilfe in der Not und Ratgeber in einer Person. Aber gleichzeitig härter, reifer und durchsetzungsstärker als im „großen“ Bioshock Infinite. Booker DeWitt ist in „diesem“ Rapture aus dem Jahr 1959 ein bekannter Detektiv und wiederum mit Schuld beladen, auch das scheint eine Konstante im Bioshock Infinite-Universum zu sein. Das Sally, nach der Elisabeth sucht, verschwunden ist, weiß Booker DeWitt nur zu gut und so decken sich in Burial at Sea Auftrag und Interesse von Elisabeth und ihm. Natürlich meldet sich bezüglich der Identität und der Entwicklung/Verwandlung von Sally recht schnell eine gewisse Ahnung, aber wie sich das alles genau auflöst, sehen wir erst im zweiten Teil. Das gilt auch für die exakte Zuordnung von „Mann“ und „Leuchtturm“ aus der universalen Galaxie-Regel. Zuvor gilt es erst einmal den Spuren und Fallen von Sander Cohen zu folgen, der Sally verschleppte.

Burial at Sea: Bioshock-Mix mit bekanntem Gameplay

Burial at Sea ist ein Story-DLC von Bioshock Infinite. Irrational Games fühlte sich daher so frei, dem Gameplay nichts Neues hinzuzufügen. Schade. Ein paar neue Bezeichnungen hier, ein paar minimale Änderungen dort, das ist dann schon ein wenig dünn. Auch Burial at Sea ist ein Shooter mit den bekannten Schwächen in der Steuerung, aber ein storybetriebener und das tut dem DLC sehr gut. Solide ist der mechanische Teil des Spiels, auch die KI, mehr nicht, aber die Atmosphäre und die übergeordneten Fragen – etwa wo hört Kunst auf und fängt der blanke Wahnsinn an – sind eher ungewöhnlich für das Genre und packend inszeniert. Die schon erwähnte Film noir-Stimmung gibt Burial at Sea zusätzlich noch ein gewisses Knistern, wozu auch die Kühle und Kälte, die Elisabeth umgibt, wunderbar passt.

Burial at Sea Schneebestattung 1Same old story. Booker DeWitt entschuldigt sich bei Elisabeth. In jedem Universum, an jedem Ort und natürlich auch in Burial at Sea.

Und so sind also die Atmosphäre, die Story, das Design und die Spannung zwischen den Zeilen die wahre Stärke, die Burial at Sea auszeichnet und für mich zu einem sehr lohnenswerten und guten DLC macht. Trotz der arg kurzen Spielzeit, etwa im Vergleich zum Schrei nach Freiheit-DLC von Assassin´s Creed Black Flag, das dagegen als nicht enden wollendes Epos daherkommt. Nicht umsonst belegte es Platz 6 im meinem GameExperience Ranking in der Kategorie Indie-Kreativ (?). Burial at Sea ist eine weitere Geschichte aus dem Bioshock Infinite-Universum und dessen sollte man sich vor dem Kauf bewusst sein. Wer es nicht spielen mag, verpasst (nach derzeitigem Wissensstand) auch nichts, was dem Hauptspiel eine andere Bedeutung geben könnte. Wer einen weiteren Blick in die zwar (z.T. übersteigert) brutale und gnadenlose, aber auch außerordentlich fantasievoll umgesetzte und großartig erzählte Bioshock Infinite-Welt werfen möchte, sollte sich zum Kauf ermuntert fühlen. Green Man Gaming, Fast2play & Co haben den Bioshock Infinite-Season Pass übrigens immer mal wieder günstig im Angebot. Wer hier zuschlägt, löst auch das ökonomisch durchaus fragwürdige Kosten-Spielzeit-Verhältnis zu seinen Gunsten auf.