Und als der erste Schnee kam, bibberte nicht nur mein kleines Volk der Verbannten. Mir ging es genauso, nur aus anderen Gründen. Reichen die Vorräte, ist genug Nahrung vorhanden, hat jeder ein Dach über dem Kopf, wärmende Kleidung und ausreichend Feuerholz? Oder stirbt mein Volk den gnadenlosen Kälte- und/oder Hungertod? Zum Glück ging alles gut, mein erster Winter in Banished verlief friedlich, aber das änderte sich später noch. Denn Banished ist anspruchsvoll, clever konzipiert und für ein Strategiespiel, bei dem das Ressourcen-Mikromanagement eine durchaus große Rolle spielt, überraschend unnervig. Entspannend sogar, wenn man etwa die Ruhe dafür hat, seinem Volk über ein halbes Spieljahr hinweg dabei zuzuschauen, wie sie eine Steingrube ausheben. Oder ein Korb Fische quer durch´s halbe Dorf zum Lager getragen wird.

Das mag an Die Siedler in ihrer Urform erinnern und auf den ersten Blick tut man Banished damit nicht einmal Unrecht; es ist gar ein kleines Kompliment, denn damals funktionierte Die Siedler noch. Aber Banished ist trotz einiger Ähnlichkeiten alles andere als ein Die Siedler-Klon. Der militärische Aspekt findet beispielsweise gar nicht statt, zu Nullkommanull Prozent – was eine mutige, sympathische und dem Zeitgeist hervorragend trotzende Entscheidung ist. Und es geht um´s Überleben, nicht darum eine Imperium mit effizientester Waren- und Produktionskette aufzubauen. Nicht, dass letzteres unwichtig wäre, aber so einfach wie in anderen Strategiespielen wächst die Gesellschaft nicht, wenn man glaubt die richtige Formel gefunden zu haben. Das Verhältnis zwischen Bevölkerungsgröße, Geburtenrate, Gesundheit, Zufriedenheit sowie Nahrungs- und Ressourcenproduktion muss in Banished immer wieder neu austariert werden, wenn die Bevölkerung ansteigt. Wobei es der Entwickler Shining Rock Software dem Spieler recht schwer macht, denn letztlich weiß man nie genau, wer wann wovon wie viel verbrauchen wird. Banished funktioniert ab einem gewissen Punkt, wenn aufgrund der Größe des Dorfes die Verwaltung komplexer wird, über die Erfahrung, die man bis dato machte und ein wenig über das Gefühl. Das mag ein Zahlenfuchs oder Tabellenfetischist kritisieren, aber die sollten dann lieber Sim City spielen. Unbekannte Variablen gehören im Leben dazu und sie sind im Spiel ja trotzdem sichtbar. Ein Paar kann beispielsweise zwei oder vier Kinder haben oder gar keines. Man weiß es nur vorher nicht, wenn sie gerade in die Hütte einziehen. Aber man sieht es. Später.

Der Start im "normalen Modus". 5 Hütten, nicht mal zwanzig Bewohner und zwei Lager.
Der Start im „normalen Modus“. 5 Hütten, nicht mal zwanzig Bewohner und zwei Lager.

Zuerst einmal müssen in Banished die grundlegenden Bedürfnisse erfüllt werden. Bei höherem Schwierigkeitsgrad sollten erst Häuser gebaut werden, danach geht um die lieben Mahlzeiten – wobei das Angebot von Anfang an variabel gehalten werden sollte. Also nicht zehn Fischerhütten nebeneinander oder acht Obstplantagen und sonst nichts. Monokulturen machen sich übrigens negativ bei der Gesundheit bemerkbar, also sollte man sich den Start nicht unnötig erschweren. Zudem sollten die Produktionskapazitäten im Auge behalten werden. An Förstern (Forester) darf nicht gespart werden und auch mindestens ein Woodcutter (Baumfäller) sollte aktiv bleiben, damit die Gemeinschaft nicht im Winter ohne Brennholz dasteht. Ganz wichtig. Ist das alles sicher gestellt, bleibt es dem Spieler offen, ob er in großem oder kleinem Ausmaße expandieren möchte. Persönlich achte ich, dem Survivalaspekt von Banished entsprechend, vorrangig auf eine grundsolide Nahrungsproduktion und wenn der Winter gesichert ist, verstärke ich die Produktion oder den Ressourcenabbau.

Banished: Einmal Personalchef sein

Ganz wichtiger Tipp: Immer schön aufmerksam den Status quo im Auge behalten. Das Fenster für das Ressourcen-Lager (Comstow) sollte ebenso dauerhaft geöffnet bleiben wie das Professions-Fenster, das u.a. dazu dient, den Einwohnern schnell neue Aufgaben aufzutragen. Das Tempo bei Banished ist zwar gemächlich, aber darin liegt eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Wer lässig wird, verteilt und produziert Nahrung sowie Ressourcen nicht mehr vernünftig und wenn der Winter naht, könnte es schon zu spät sein. Denn von einer Annahme sollte man sich direkt frei machen: Dem locker erreichbaren Überfluss. Wer etwa die Produktion durch eine hohe Bevölkerung beschleunigt, darf sich nicht wundern, wenn als Konsequenz die vielen Mäuler nicht gestopft werden können. Und eine Hungersnot ist natürlich Gift für die Zufriedenheit der paar Überlebenden. Andererseits: Mein aktuelles Banished-Spiel lahmt, weil ich zwar bei niedrigem Wachstum kein Nahrungsproblem habe, dafür aber extrem lange darauf warten muss, dass neue Gebäude gebaut werden. Ressourcen sind knapp und bei mir äußert sich das in einem dauerhaften Mangel an Steinen (es läuft wohl doch auf einen Steinbruch heraus, der aber viel Platz wegnimmt). Durch die gesicherte Nahrungslage bei geringem Bevölkerungswachstum kommt nun die Befürchtung dazu, dass mein latenter Mangel an Kindern mittel- oder langfristig zu einer negativen Bevölkerungsrate führen könnte. Es gilt also wieder an den Stellschrauben zu drehen und hier und da zu versuchen, die Verbannten in eine neue Richtung und Zukunft zu schubsen. Später, wenn Hospital, Schulen, Handelsposten, Markt und Rathaus dazu kommen, muss man sich erst recht überlegen, in welche Richtung es gehen soll: Schnelles Wachstum mit einer nicht sonderlich qualifizierten Bevölkerung oder langsam machen mit hellen Köpfen. Ich versuche Letzteres, habe aber keine Ahnung, ob das langfristig hinhaut (20 Winter lang ging es immerhin schon gut). Und das macht Banished so spannend, denn bei aller Unaufgeregtheit lohnt es sich wachsam zu bleiben, denn man weiß nie, was die Zukunft bringt.

Links oben die relevanten Infotafeln, und ansonsten gebe ich den Blick frei auf mein kleines Dorf.
Links oben die relevanten Infotafeln, und ansonsten gebe ich den Blick frei auf mein kleines Dorf (aus dem Jahr 5).

Problematisch wird Banished, wenn es der Spieler mit der Realismusbrille analysiert. Ja, auch ich würde gerne wissen, warum eigentlich meine Leutchen verbannt wurden. Und wann und woher eigentlich? Und Banished müsste gar nicht Banished heißen, sondern könnte ebenso gut oder sogar besser unter dem Label Die Siedler laufen, wenn der Name nicht schon vergeben wäre. Hier wird eine Dramatik im Titel impliziert, die Banished gar nicht hergibt. Gut, dass das heikle Thema Inzest und seine Folgen kein Thema sind, ist geschenkt. Es ist ein Computerspiel. Dass mein Einwohner namens Thor aber innerhalb eines Jahres Förster, Fischer, Farmer und Laufbursche war und alles gleich gut und auch zu seiner eigenen Zufriedenheit erledigte, ist höchst fragwürdig. Und der vorletzte Kritikpunkt: Die Gesellschaft scheint sich nicht in Gänze weiterzuentwickeln, man bleibt im gefühlten Mittelalter hängen. Gut, zum Mond muss es ja nicht gehen, aber ein bisschen Moderne hätte ich mir gewünscht. Letzte Geschichte: Der fehlende Multiplayer, der aus meiner Sicht perfekt zu Banished gepasst hätte. Aber nicht aus Entwicklersicht, wie hier nachzulesen ist. Schade.

A propos Entwickler: Banished wurde von Luke Hodorowicz erschaffen und programmiert. Und zwar nur von ihm als One-Man-Team. Das verdient den allerhöchsten Respekt und ist dem Spiel nicht ansatzweise anzumerken. Daher verdient er in doppeltem Sinne sein Geld. Da es früher oder später Mods geben dürfte, sollte Banished auch langfristig attraktiv bleiben, weswegen ich nur empfehlen kann es zu erstehen. Erhältlich ist Banished entweder direkt auf der Homepage, bei Steam, GOG oder im Humble Store, wobei der Preis zwischen 14 und 19 Euro variiert. So oder so ist das Geld gut angelegt.