Mitleidige Blicke. Verständnislosigkeit. Mindestens. Wenn nicht sogar Fassungslosigkeit. Diese wunderbaren Emotionen lassen sich ganz einfach provozieren: Man lade ein paar Freunde ein und bitte sie darum, bei einer Runde Pro Cycling Manager zu assistieren. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass sie einen für nahezu bekloppt halten. Die Eingeweihten aber, zu denen ich mich zähle, freuen sich wie Bolle über den Release des Pro Cycling Manager 2014 von Cyanide und Focus Home Interactive. Der besten und irrelevantesten Nischen-Simulation aller Zeiten. Nicht zu verwechseln übrigens mit dem grottigen Tour de France-Ableger für die Konsolen aus gleichem Hause. Hier dreht es sich um die staubig-trockene, zahlenversessene, hochgradig spannende, faszinierende und traditionell bugverseuchte Hardcore-Simulation Pro Cycling Manager 2014 für den PC. Eine Serie, die sogar hardgesottene Pseudo-Experten in die Knie zwingt, wie zwei Beispiele beweisen: Das deutsche Wikipedia kapitulierte komplett mit der 2008er-Ausgabe (!) und die englischsprachige Variante druckst nur mit Kerndaten herum. Man scheint sich raushalten zu wollen aus diesem Metier und deswegen ist es keine Überraschung, dass auch der Pro Cycling Manager 2014 ein (unverdientes!) Nischendasein fristen wird.

Die Fans der Serie sind geduldig, leidensfähig und einfach zufrieden zu stellen. Mal abgesehen von dem optischen Sprung, den es letztes Jahr gab und der cleveren KI (auf höherem Schwierigkeitsgrad), die vor ein paar Jahren installiert wurde, halten sich relevante Neuerungen doch arg in Grenzen. Man muss schon erst einmal genau hinsehen, um zu erkennen, dass es die neue 2014er-Version ist. Und, ganz der langjährigen Tradition folgend, baute Cyanide zum Release mal wieder einige Bugs und Crashes ein und glänzt bei den 3D-Rennen mit Ladezeiten aus dem Datasetten-Zeitalter. Doch: Ist egal. Mir zumindest. Die Menüs sehen ordentlicher aus, die Übersichtlichkeit ist dezent verbessert worden und die KI spielt bei den Rennen ordentlich mit (soweit ich es bis hierhin beurteilen kann). Mal wieder fasziniert mich der Pro Cycling Manager 2014, ebenso wie seine Vorgänger, besonders in den Momenten, wenn ein Rädchen perfekt ins andere greift und das Team – vom Wasserträger bis zum Kapitän – perfekt funktioniert. Aber das muss man sich erst einmal erarbeiten und dabei haben die geneigten Manager dieses Jahr ein paar Stellschrauben mehr zu Verfügung, an denen sie drehen können.

Überbelichtet wie immer, nur jetzt mit Schlieren. Trotzdem macht die Optik beim Pro Cycling Manager 2014 einiges her.
Überbelichtet wie immer, nur jetzt mit Schlieren. Trotzdem macht die Optik beim Pro Cycling Manager 2014 einiges her.

Traditionell ist der Pro Cycling Manager 2014 zweigeteilt: Zum einen kämpft man mit den Aufgaben am Schreibtisch – von der Trainingslager-Planung über Vertragsverlängerungen bis zur Materialauswahl – und zum anderen als Teamchef während der Rennen und Etappen. Wenn man will und Lust auf den 3D-Modus hat. Abgesehen von den Zeitfahren habe ich Spaß daran und bin soweit sehr von den neuen Möglichkeiten angetan, die uns die Entwickler kredenzt haben. Auf dem zweiten Blick hat sich beim Pro Cycling Manager 2014 nämlich doch einiges getan. Hier sticht besonders die Unterscheidung zwischen kurzfristigen Aufgaben und Taktiken mit der langfristigen Strategie in den Rennen selbst ins Auge.

Pro Cycling Manager 2014: Weniger Frickelei in den Rennen

Angreifen, Sprints und Wasserflaschen holen sind Aktionen, die sich in einem überschaubaren Zeitrahmen abspielen. Besonders bei den Bergetappen ging es mir auf den Zeiger, bei jedem Fahrer einzeln am Energiebalken und der Taktik herumzuspielen. Nun ist es möglich, eine Folgetaktik anzugeben, die teilweise schon in den Vorgängern automatisiert war, aber nun mehr Freiheiten zulässt. Beispiel: Meine Nulpe im Team holt zum letzten Mal Wasser für die Kollegen und soll anschließend dabei helfen, die Ausreißer wieder einzufangen. Kann man jetzt machen. Das funktioniert ebenso für Fahrer, die ihren Kapitän so lange wie möglich beschützen sollen (siehe Screenshot). Besonders bei Kopfsteinpflaster-Rennen, wenn sich frühzeitig die Spreu vom Weizen trennt, fielen die Beschützer hinten rüber, wenn sie ihre Aufgabe nicht mehr erledigen konnten. Nun gibt man ihnen als Folgetaktik beispielsweise einfach nur „Position halten“ und kann sich anschließend beruhigt den Fahrern widmen, die um Glanz und Gloria kämpfen. Ebenso praktisch ist das neue Steuerungsfeld, mit dem von vorneherein automatisiert gefahren werden kann. Ich benutze es zum Beispiel bei den Bergflöhen, die bei den Etappen in der Ebene einfach nur ohne weitere Ambitionen mitfahren sollen. Hier schafft es also der Pro Cycling Manager 2014 den Blick auf das Wesentliche zu schärfen und dies auf eine recht elegante Art und Weise.

Das UI ist in den Rennen selbst beim Pro Cycling Manager 2014 weiterhin suboptimal. Die Leiste rechts, kaum zu erkennen, dient den Basiseinstellungen und nervt durch unnötige Frickeleien. Wohl dem, der seinen Monitor sauber kalibriert hat!
Das UI ist in den Rennen selbst beim Pro Cycling Manager 2014 weiterhin suboptimal. Die Leiste rechts, kaum zu erkennen, dient den Basiseinstellungen und nervt durch unnötige Frickeleien. Wohl dem, der seinen Monitor sauber kalibriert hat!

Das Sahnestück sind also die Rennen selbst und auch hier bleibt sich Cyanide treu. Die Rennen im leichten Schwierigkeitsgrad sind auch beim Pro Cycling Manager 2014 zu einfach und im schweren Modus zu schwer. Die Mitte macht´s. Es ist eine Freude zu sehen, wie die ambitionierten Gegner-Teams besonders bei den Kopfsteinpflaster- und anspruchsvollen Hügelrennen angreifen und auf Bergetappen gegen Ende dauerattackieren. Hier gilt es aufmerksam zu bleiben, denn bei aller Liebe zum automatisierten Verhalten einzelner Fahrer und dem Blick auf´s Podest sind es doch meistens drei bis vier Stellen, an denen es in den heißen Phasen eines Rennens brennt. Mir gefällt das sehr, es ist eine ganz besondere Form der Dramatik, die auch der Pro Cycling Manager 2014 wieder ausgiebig zelebriert. Ein Spiel als ausgefeilte Postkorb-Übung, wenn man so will.

Vom Excel- zum Powerpoint-Feeling am Schreibtisch

Optisch wurden die Menüs aufgebohrt. Der Schreibtisch-Anteil im Spiel ist nicht mehr ganz so dröge und ein stückweit übersichtlicher aufbereitet, aber letztlich von Revolutionen weit entfernt. Wer ernsthaft ein erfolgreiches Team aufbauen möchte, kommt nicht umhin in teilweise lästigem Klein-Klein jeden einzelnen Pups für jeden einzelnen Fahrer vorauszuplanen. Das effektivste Training vom effizientesten Trainer muss ganz nach individuellen Stärken und Schwächen eines Fahrers geplant werden, es muss auf dem Transfermarkt gehandelt und Personal eingestellt und ersetzt werden. Das kostet Zeit und aus meiner Sicht hat Cyanide es mal wieder verpasst, hier den richtigen Dreh zu finden. Im Grunde genommen hat sich bei den Schreibtisch-Aufgaben in den letzten zehn Jahren nichts relevantes geändert. Wobei: Eine sinnige Optimierung gibt es doch, die mir auch sehr gut gefällt. Mit Ausrüstern können Entwicklungsverträge geschlossen und neues Material getestet werden. Jaaa, yeah, hier ist der Pro Cycling Manager 2014 wieder gegen jeden Trend und Zeitgeist die totale Hardcore-Simulation. Aber mit gutem Grund: Ohne Tests weiß man wenig über Prototypen und wer mag, probiert die neuen Dinger halt aus (es lohnt sich) und wer nicht, geht auf Nummer Sicher und fährt mit den Rahmen und Rädern des Vorjahres.

Yeah! Das macht Spaß. Die Ziele eines jeden Fahrers müssen mit dem individuellen Training t und den Teamzielen abgestimmt werden.
Yeah! Das macht Spaß! Oder? Die Ziele eines jeden Fahrers müssen mit dem individuellen Training und den Teamzielen abgestimmt werden. Für eine ganze Saison.

Auf technischer Seite schießt Cyanide mal wieder den einen oder anderen Bock. Freezes beim Ladebildschirm, Abstürze kurz vor dem Rennstart und – auch ganz der Tradition folgend – wenn man von der achtfachen auf die normale Geschwindigkeit herunterschaltet. Das kennt man als Freund der Serie und hier macht der Pro Cycling Manager 2014 keine Ausnahme. Was ich noch nicht abschließend abschätzen kann, ist die Beseitigung der größten Fehlkonstruktion aus dem letztjährigen Manager. Und zwar das dahin schmelzende Budget, bei dem es keinen Unterschied machte, ob und wie viele Rennen man gewann. Spätestens in der zweiten Saison war das Team pleite. Hier halfen kleine, äh, nennen wir es Fan-Features, wie im Besonderen Lachi´s Editor, die Abhilfe schafften. Aber eigentlich ging das gar nicht, weder zum Release noch später. So einen Kernfehler darf ein Entwickler nicht machen und ich glaube (muss es aber noch verifizieren), dass Cyanide diesbezüglich beim Pro Cycling Manager 2014 eine bessere Arbeit ablieferte.

Denn der Pro Cycling Manager 2014 ist ein mehr als würdiger Vertreter der Serie. Optisch ist er ganz weit vorne dabei, was für die 3D-Rennen wie auch die Menüs gilt und spielerisch zeigt er sich durch die Automatisierungsmöglichkeiten erfreulich verbessert. Die Rennen lassen sich taktisch gesehen hervorragend beim Start vorausplanen und sind jederzeit variabel steuerbar. Wer will, kann sein Team aggressiv fahren lassen, etwa durch automatisierte Angriffe in den Bergen und es jederzeit gut sein lassen, wenn sich die Strategie nicht als optimal erwiesen hat. Ich nutze die Möglichkeiten zum automatisieren Fahren vor allem bei den Mitläufern und Wasserträgern und freue mich darüber, deswegen die Stars besser im Blick zu haben. Diese Freiheiten nehme ich mir und das kann jeder Teamchef und Manager halten, wie er lustig ist. Das gefällt mir. Und, ganz positiv: Einfacher wird das Spiel dadurch nicht. Nicht nur bei den 3D-Rennen, sondern insgesamt. Nur wer seine Saison akribisch plant und die Stärken und Schwächen von Fahrern und Team im Blick hat, wird erfolgreich sein können. Gerade ab dem mittlerem Schwierigkeitsgrad entwickelt sich der Pro Cycling Manager 2014 zu einer wahren Herausforderung, die nur der nachvollziehen kann, der diese Serie liebt. Und wenn dann im Rennen selbst alles wie am Schnürchen läuft, das Team glänzt und die frickelige und harte Arbeit seinen Sinn hatte, weil ein Rädchen ins andere greift, dann glänzt dieses Managerspiel.