Ein Spiel in einer Zwischenwelt, mehr Quasi-Adventure als Actiongame, dazu eingebettet in eine ausgefeilte und ungewöhnliche Story und das alles durch die sperrige Steuerung in Frage gestellt. Das klingt doch nach einem massiv gehypten Next-Big-Thing-Indie-Titel, der aber nach drei Monaten wieder komplett von der Bildfläche verschwunden ist – bis er beim nächsten Steam Sale für zwei Euro soundso verhökert wird. Murdered Soul Suspect ist aber nicht Indie, sondern Triple A. Und leider wird es bei den üblichen Verdächtigen in der Kritiker-Welt nach Mainstream-Kriterien bewertet, was leider dazu führen könnte, dass dieses wunderbare Abenteuer von Square Enix und Airtight Games tatsächlich fix vergessen wird, obwohl es exakt das nicht verdient hat.

Kurz mal zusammengefasst, was so als defizitär an Murdered Soul Suspect in die Welt posaunt wird: 1. 4players vermisst die Spannung bei der „Schleich-Action“ und beim Sammeln von Indizien und gibt 50 %. Wovon eigentlich genau? Egal. 2. Gamestar findet Murdered Souls Suspect nicht cool genug und beleidigt es als „seichte Unterhaltung“. Das ist dem Leitmedium eine so genannte und extrem fragwürdige „Spielspass-Wertung“ von 67 wert. Warum nicht 65 oder 69 %? Auch egal. 3. Insgesamt unausgegoren, steife Animationen und bestrafungsloses Ermitteln bemängelt Eurogamer und gibt 6/10. Liest man hier genau die Kritik und bemerkt dieses verschämte und unangenehm verkniffene „irgendwie doch gut finden trotz der Motzerei“-Gewürge, kann man sich nur wundern, warum Murdered Soul Suspect keine 8/10 erhielt. Tja, was nicht ins Schema passt, ist halt Mist, auch wenn es eigentlich gefällt. Der Tenor ist übrigens immer der gleiche. Rummäkeln hier und da, aber im Nebensatz dann mitteilen, das man doch nicht die Finger von Murdered Soul Suspect lassen konnte. Zu recht. Nur weil das starre Bewertungsschema mitsamt den albernen Noten und Spielspaß-Prozenten scheiße ist, gilt das nicht automatisch für ein Spiel, das sich diesen Kriterien verweigert.

Unter coolen Geistern und traurigen Lebenden. Gruppenaufstellung in der Klapse bei Murdered Soul Suspect.

Genug gemeckert. Mal abgesehen von der geisterhaften Zwischenwelt ist Murdered Soul Suspect am ehesten mit den Telltale Spielen der jüngeren Vergangenheit á la The Walking Dead und The Wolf Among Us vergleichbar. Konzeptionell, versteht sich, denn es fühlt sich erst einmal wie ein ganz normales AAA-Action-Adventure an. Und hier beginnen wohl die Missverständnisse, die dann zunehmend die Spielspaß-Prozentchen nach unten drücken. Generell gilt: Man kann sich Murdered Soul Suspect schön spielen, indem man es für voll nimmt. Ich habe mich wirklich für die Hintergrund-Geschichten zum Fall selbst interessiert, ich nahm die seltsame Story ernst und freute mich darüber, wie intensiv die Probleme in der Partnerschaft unseres Helden in das Spiel integriert wurden. Völlig optional. Und fern des Spielspaßes. Airtight Games hielt scheinbar eine gewisse inhaltliche Schwere für relevant, ist aber intelligent genug, sie den Spielern nicht frontal aufzudrücken. Hier und da werden die sechs Stunden Spielzeit bemängelt. Sechs Stunden? Bei mir waren es mit rund neun Stunden deutlich mehr, denn ich habe die Zettelchen gelesen und mir die Flashbacks angeschaut. Von Anfang bis Ende.

Murdered Souls Suspect: Unter Geistern

Schon das Szenario an sich ist hochinteressant. Der Held stirbt, er wird ziemlich kaltblütig ermordet und bleibt in einer Zwischenwelt hängen, weil er noch nicht fertig ist mit der Welt der Lebenden. Es muss ein (und nicht nur dieser) Mord aufgeklärt, aber auch ein Leben und eine Partnerschaft reflektiert werden. Letzteres ist optional, wie gesagt, aber mir gefiel dieser Wandel des Helden vom Quasi-Kriminellen zum Nicht-Ganz-100-%-Cop, der offensichtlich weder beruflich noch privat irgendwo richtig ankam. Seine Geschichte wird wohltuend unaufdringlich während des Spiels erzählt und wer irgendwas damit anfangen kann, dann und wann im Leben nur ein Bein auf dem Boden zu haben, dürfte Ronan O´Connor mögen. Trotz der Klischee-Tattoos, der immer brennenden Geister-Kippe im Mundwinkel und der Indiana Jones-Mütze.

Das, was in den Mainstream-Kritiken als uncoole Schleich-Action beleidigt wird.
Das, was in den Mainstream-Kritiken als uncoole Schleich-Action beleidigt wird.

Was mit einem scheinbar für sich stehenden stumpfen und brutalen Mord beginnt, wächst sich zu einer Story aus, deren Wurzeln Jahrhunderte zurück liegen und mit Hexenverbrennungen auch kein ganz so angenehmes Kapitel in der Geschichte sind. Während wir uns mit Herrn O´Connor durch dieses Dickicht von Verdächtigten und Verdächtigungen kämpfen, indem wir hier und da Indizien sammeln und kombinieren (und notfalls per Trial & Error zum Erfolg kommen), Morde aufklären und uns über manch extrem gelungenen Story-Twist wundern (und Beifall klatschen! Ich zeige mit dem Finger auf das hervorragende Finale!), könnte auffallen, dass Murdered Soul Suspect als Kriminalfall völlig ohne Waffen auskommt. Ein Unding, mag sich der Spielspaß-Bewerter denken und die Vorhänge zuziehen, bevor er weiterspielt, aber das Schöne daran ist ja, dass Schusswaffen einfach keinen Sinn gemacht hätten. Die vielfach bekrittelten „Action-Schleichereien“ sind im Grunde genommen weder Schleichereien und schon gar keine Action, sondern bestenfalls ein annähernd actionreiches, ein paar Sekunden andauerndes Anschleichen, bevor man einen Dämonen dahin schickt, wo er herkommt. Wobei: Die Dämonen machen keinen Sinn, aber als Auflockerung sind sie gut zu gebrauchen. Mich störten die kleinen schwarz-orangenen Racker jedenfalls nicht.

Ähnlich den Telltale-Games ist man bei Murdered Souls Suspect zu gleichen Teilen Spieler und Zuschauer zugleich. Bei ordentlich ausgearbeiteten Charakteren und einer dazu adäquaten Story passt dieser Mix auch, meiner Meinung nach. Das alles bietet Murdered Soul Suspect, macht es aber durch das AAA-Action-Adventure-Feeling einigen bestimmt nicht einfach. Nicht ohne Grund wissen die Wikipedia-Experten nichts annähernd tiefschürfendes zum Gameplay zu schreiben, was ich höchst amüsant finde. Es als „Action-Adventure-Stealth-Videospiel“ zu bezeichnen, ist schon eher süß als ärgerlich. Murdered Soul Suspect ist aus meiner Perspektive ein AAA-Adventure-Experiment, das sich sehr risikoreich und ambitioniert in einen Markt traut, der Altes gerne kritisiert und Neuem gegenüber nicht sehr aufgeschlossen ist. Und genauso wird Murdered Soul Suspect dann auch bewertet. Leider. Klar, die Steuerung ist manchmal unpräzise und das eine oder andere Rätsel zu leicht, aber wenn man so derart hart werten möchte, würde The Walking Dead bei jeder Episode eine Spielspaß-Wertung von 30 % bekommen. Oder 29 %. Zu einem nicht unerheblichen Teil ist es eine interaktive Erfahrung, wenn man so will, und das meine ich ausschließlich positiv. Das alleine ist für den Mainstream-Markt schon eine Sensation. Mal ganz abgesehen von ausgefeilten Charakteren und einer interessanten Geschichte. In diesen Kategorien hat Murdered Souls Suspect schon beinahe ein Alleinstellungsmerkmal, wenn man auf die jüngere Triple AAA-Historie schaut. Aber, who cares? Die meisten Leser von 4players, eurogamer und Gamestar wohl leider nicht.