Kennt noch jemand das alte Rauhbein Jeff Strasser? Der ehemalige Bundesliga-Spieler vom 1. FC Kaiserslautern und von Borussia Mönchengladbach begeisterte anno dazumal mit diesem wunderschönen Bonmot: „Ich werde mir Mühe geben und ab jetzt versuchen, nur noch sympathisch zu grätschen“. Ein heldenhaftes Vorhaben, dem auch die FIFA-Freunde auf dem PC, den Next Gen- und Old Gen-Konsolen folgen sollten. Denn mit der FIFA 15 Demo holt EA Sports doch tatsächlich wieder die gute alte Grätsche als wirksames Abwehrinstrument aus der Mottenkiste. Und das in einer äußerst filigranen Variante, das sei schon mal vorab bemerkt. Ansonsten gibt es, wie auch in den letzten beiden Jahren, in der FIFA 15 Demo auf den ersten Blick viel Bewährtes (um es diplomatisch zu formulieren) und auf den zweiten Blick doch überraschende Neuheiten zu entdecken, die meiner Auffassung nach eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf die Spieldynamik haben dürften. In Kürze: FIFA 15 wird ruhiger. Die Verteidigung basiert weniger auf Stellungsspiel als auf Konfrontation, dafür können Angriffe gezielter und wirkungsvoller durch Pässe in die Spitze vorgetragen werden. Und, als Futter für die Ästheten: So schrecklich einfach wie in FIFA 14 lassen sich in der FIFA 15 Demo nicht mehr Flanken-Kopfball-Tor-Angriffe fahren.

Zumindest auf dem PC macht die FIFA 15 Demo einen ganz großen Sprung nach vorne. Dank der Ignite Engine spielt nun auch zum ersten Mal die PC-Version in der gleichen Liga wie die Next Gen-Konsolen, was der Spielerfahrung massiv zu Gute kommt. Ganz generell setzt EA Sports bei Immersion, Spielerlebnis und Authentizität einen Schwerpunkt. Die Spielermodelle sehen noch einmal realistischer aus, die Animationen sind geschmeidiger und die Kämpfe auf dem Rasen hinterlassen genau dort und bei den Spielern ihre Spuren. Mir gefällt das, denn ganz abseits des Gameplays schraubt EA Sports mächtig an seiner FIFA-Reihe und schafft schon mit der FIFA 15 Demo ein derart intensives Spiel wie nie zuvor. Natürlich, ganz klar, erfinden sie weder den Fußball noch das FIFA-Franchise neu. Die Optimierungen bei Animationen, Modellen und Dynamik legitimieren alleine auch kein neues Vollpreisspiel – aber das Gefühl,  immer stärker an das reale Stadionerlebnis heranzurücken ist schon ein Fortschritt. Mit neuen Fangesängen und Kommentaren, und das sogar variabel dem jeweiligen Spielstand entsprechend, dürfte EA noch mal einen drauflegen. Wenn das so stimmt, was Electronic Arts vollmundig ankündigt, denn in der FIFA 15 Demo war davon noch nicht ganz so viel zu hören (ist ja auch nur der britische Originalton verfügbar).

Jetzt auch mit der Ignite Engine. Die FIFA 15 Demo macht auf dem Rasen wie auf den Rängen eine gute Figur.

Das Drumherum im und während des Spiels nennt EA Sports großspurig Emotional Reactions bzw. Dynamic Match Presentation. Und das ist schon eine gute Sache, auch wenn mir diese Marketingbegrifflichkeiten massiv auf den Sack gehen. Das gilt übrigens genauso für Total Ball Control, Dynamic Pitch und Man-to-Man-Battles. Wobei Letzteres ebenso wunderbar anzuschauen wie zu spielen ist. Es geht um die oben schon erwähnte Grätsche als altes und neues Abwehrinstrument. Bemerkenswert, wie die Verteidiger (bei gutem Timing!) irgendwie den Stürmern noch in äußerster Not den Ball vom Fuß spitzeln und dann auch noch, zumindest manchmal, den Gegenspieler vom Leibe halten dank wunderbarer neuer Rangelei-Animation. Besonders die Dribbelkönige unter den FIFA-Freunden dürften deswegen bei der FIFA 15 Demo einen geschwollenen Hals bekommen. So einfach ist es nicht mehr durch die Reihen zu tänzeln. Wobei jetzt auch noch, dank der Next Gen Torhüter, plötzlich ein halbwegs ernst zu nehmender Goalie in den Weg stellt. Es sieht jedenfalls so aus. Die Bewegungen sind realistischer und die Paraden definitiv spektakulärer – aber ob die Torhüter nun wirklich besser halten, da bin ich mir mal nicht so sicher. Jedenfalls mit Blick auf die FIFA 15 Demo. In der Releaseversion mag das vielleicht anders aussehen. Wobei es schon eine schöne Idee ist, eigentlich, mit der RB-Taste das Team nun beim Abstoß weiter nach vorne schicken zu können, wenn, ja wenn der Ball dann nicht in neun von zehn Versuchen direkt beim Gegner landen würde.

FIFA 15 Demo: Auf dem Kriegsfuß mit der Taktiktafel

Besonders die Liebhaber von Sega´s Football Manager, und zu den innigen Fans gehöre ich nun mal, wünschen sich nur ein Quäntchen von dessen taktischer Spieltiefe in der FIFA-KI. Im als Team Management bezeichneten Feature sehe ich davon nicht viel. Von den angekündigten sechs verschiedenen Teambögen und neuen Spielanweisungen im Spiel selbst habe ich in der FIFA 15 Demo nichts gesehen. Es ist weiterhin so, dass mit dem Steuerkreuz die generelle Strategie (Sehr Offensiv-Offensiv-Ausgeglichen-Defensiv-Sehr Defensiv) ebenso bestimmt werden kann wie die in der Vorwärtsbewegung (z.B. Hoher Druck oder Ballbesitz) oder im Rückwärtsgang (Pressing, Konter). Im Menü selbst werden die Einstellungen für die einzelnen Spieler zwar eleganter gelöst, aber hier sind die Fortschritte doch gering mit Blick auf das gesamte Teamverhalten. Wobei Experten sicherlich Vorteile aus einem maßgeschneiderten Verhalten von Außenstürmern und -verteidigern ziehen dürften. Ich denke, im „richtigen“ FIFA 15 werden wir in Sachen Taktik und Einstellungen noch ein wenig mehr erleben dürfen als in der FIFA 15 Demo.

Schöne Funktionen im aufgeräumten Management-Menü.

Kommen wir zu den Team Tactics: Angeblich erkennen  nun die KI-Mitspieler und -Gegner den Spielkontext. Das klingt sehr intelligent und das wäre es auch, wenn es denn wirklich in dieser Form stimmen würde. In der FIFA 15 Demo konnte ich nicht zweifelsfrei behaupten, dass meine Mitspieler nach dem Rückstand einen Offensivgang hochschalteten. Gefühlt war es wie immer, und das ist ja nicht schlecht, aber nicht so wie angekündigt. Nachdem Barcelona in meinem letzten Testspiel nach einem 0:1 Rückstand den Spieß umdrehte, war es nicht ansatzweise so, als würde sie nun dynamisch zur Taktik Abwehrriegel wechseln. Die haben weiter so angegriffen wie beim 0:0 oder 0:1 oder 1:1. Zumindest kam es mir so vor. Hier hoffe ich wirklich auf eine Verbesserung von Demo auf Release-Titel, denn ein dynamisches und dabei intelligentes KI-Verhalten würde die Immersion und die Spannung im Spiel noch einmal ganz ordentlich steigern. Und damit macht man dann doch die an sich geringeren Innovationen im Spiel wett.

FIFA 15 Demo: Grätschen und dann der Pass in die Tiefe

Neben der guten alten Grätsche wärmt EA noch den Pass in die Tiefe auf. In FIFA 14 war es DAS Instrument für den technisch gelungenen und eigentlich gut gedachten Fehlpass. Nun kommen die Dinger meistens an. Wobei „meistens“ in realistischen Sinne gedacht ist. Magie gibt es auch in der FIFA 15 Demo nicht. Mal einen Zauberpass vielleicht, das schon, aber wer bei seinen Leisten bleibt, kann nun mit dem Steilpass wieder schöne Konter fahren und gleichzeitig den mörderischen Grätschen ausweichen. Aber auch klein-klein funktioniert immer noch wunderbar. Nur, wieder mit Blick auf die Grätschen, sollte man sich nicht im Tiki-taka verlieren. Die FIFA 15 Demo spielt sich bedächtiger und belohnt den Spieler mit dem Blick auf den freien Mann und offenen Raum. Wobei es hierbei positiv ist, dass die Ballannahme nicht nur schicker aussieht, sondern ebenso wie die Ballführung bei niedrigerem Tempo besser und geschmeidiger funktioniert. Übrigens auch in der 90. Minute, trotz dem Feature Dynamic Pitch.

Yep, der Acker ist zerpflügt.
Yep, der Acker ist zerpflügt.

Ein sich der Spieldauer anpassender Rasen ist so eine der Neuerungen, bei denen man sich erst fragt, warum sie nicht schon immer Standard waren. Und dann, was das soll, wenn es derart generisch umgesetzt und fern jeder Gameplay-Konsequenzen ist wie in der FIFA 15 Demo. Das brauche ich nicht. Klar, auch das tiefe Geläuf fördert die Immersion – aber erst so richtig, wenn es zu spüren und nicht nur zu sehen ist.

Und sonst? In der FIFA 15 Demo dribbelt die Gegner-KI für ihr Leben gerne und versucht auffallend oft per Bauerntrick sich zum Tor zu schlängeln. Das ist nicht so ganz realistisch. Aber davon mal abgesehen macht das neue FIFA in der Vorabversion einen sehr soliden Eindruck. Wem die Grätsche als Stilmittel gefällt, der wird der veränderten Dynamik im Spiel einiges abgewinnen können (zur Jürgen-Kohler-Fraktion zähle ich), der Techniker dürfte stöhnen und verstohlen zu FIFA 14 hinüber schauen – jedenfalls so lange, wie sich das Balancing nicht ändert. Den Dribblern unter uns stößt sicherlich neben der Grätsche noch das verringerte Spieltempo auf, das in Verbindung mit dem Pass in die Tiefe die alten FIFA 14-Events in ein körperbetontes FIFA 15-Rasenschach-Match verwandelt, was ich persönlich aber nur begrüßen kann. Und zum Abschluss noch die Antwort zur obligatorischen Ist-EA-(wieder)-der-geldgierige-Teufel-und-das-neue-FIFA-lohnt-nicht-Frage: Ich glaube, als Vollpreisspiel geht FIFA 15 in Ordnung, wofür nicht zuletzt das ordentlich ausgebaute Drumherum sorgt. Nur, diese Nummer scheint in FIFA 15 zu ziehen, bei einem FIFA 16 wäre das nicht so, das muss dann auch beim Gameplay mal wieder mehr passieren als der Griff in die verstaubte Grätschen-Retrokiste.