Mit hundert Sachen schlängele ich mich durch enge Waldwege, sehe vor mir meine erste Kurve der Klasse Eins und denke mir: Kein Problem, ist ja nur DiRT. Auch dass es bergab geht und die Piste buckelig ist, pfft, geschenkt. Drei Sekunden später schaue ich auf den Bildschirm und staune über den Bloodborne-Flashback. Gestorben, sozusagen. Unsereins rauscht mit großem Kawumms gegen einen Baum, die Karre ist platt und das Event beendet. Upps. Das ging aber schnell. DiRT Rally ist also kniffliger als gedacht und als ich es von der Serie gewohnt bin. Sehr schön. Und das bedeutet: DiRT Rally, vor kurzem PC-exklusiv als Early Access bei Steam erschienen, dreht die Uhr zurück in selige Zeiten, in denen Rallyspiele noch echte Rallyspiele und kein Casual-Event-Schnickschnack waren. Goodbye DiRT Showdown & Konsorten und hello anspruchsvolle Rally-Pseudo-Simulation.

Wie es sich für ein unfertiges Early Access gehört, ist der Umfang noch überschaubar. Wie auch die Bugs und Ruckler, erfreulicher Weise. Noch besteht DiRT Rally „nur“ aus drei Locations (mit insgesamt 36 Kursen): Wales, Monte Carlo und Griechenland. Der Karrieremodus ist bescheiden und lehnt sich an das alte DiRT-Zeitleisten-Konzept an. Es geht in den 1960er-Jahren los und endet in der Gegenwart. Einem „echten“ DiRT 4 wäre noch ein Science Fiction-Modus inklusive futuristischer Karren und Kursen aus der Zukunft zuzutrauen – was sicherlich auch reizvoll wäre, aber schon zwangsweise derart zugänglich sein müsste, dass es wiederum keine bodenständige Beinahe-Simulation mit knackigem Schwierigkeitsgrad sein könnte. Bei DiRT Rally als pisseligen PC-only-Early Access zum Beinahe-Vollpreis traut sich Codemasters also den Griff in die anspruchsvolle Retro-Kiste zu – offensichtlich wohl, weil profittechnisch mit dem bisherigen Aufwand wenig schief gehen kann.

DiRT Rally 2
Neuerdings mit Drohne im Startbereich: DiRT Rally in der Cockpitperspektive auf der ersten Griechenlandetappe.

Mein erstes Karriere-Event in Griechenland endete auf dem letzten Platz. Shit happens. Da es in DiRT Rally begrüßenswerter Weise keine Rückspulfunktion gibt, versagte ich mir selbst direkt noch unaufgefordert die Freiheit, eine Etappe noch einmal neu starten zu dürfen. Daher habe ich leider, leider, das Griechenland-Event nicht beendet und kam in Wales und Monte Carlo irgendwo unter ferner liefen an. Nicht schön, aber ungeheuer motivierend. Übrigens auch dann, wenn es nicht so läuft. Bei einem aus vier Etappen bestehenden Event darf das Auto nur nach der zweiten Etappe repariert werden und gerade zu Beginn, als ich keine Crew hatte, war an eine vollständige Reparatur nicht ansatzweise zu denken. Es scheppert wie sonstwas, irgendwas schleift auf dem Boden, die Spur war alles, nur nicht gerade und die Bremsen, nun, ein bisschen funktionierten sie noch. Da ist dann schon der Blick auf die Zielfahne ein Erfolg und was kaum zählt, ist die Platzierung.

Das gilt natürlich nicht für jede Location. Schon annodazumal, bei Bleifuß 2, war ich auf den eisigen und verschneiten Kursen (damals Schweden…hach ja…) der Konkurrenz eher voraus als auf den sandigen Etappen. Folgerichtig hat es mir Monte Carlo bei DiRT Rally besonders angetan, wobei die Etappen tückisch sind. Viel enge Kurven, viele Serpentinen und damit viele, viele Möglichkeiten die Karre komplett zu schrotten. Trotzdem: Nach kurzer Eingewöhungszeit fahre ich in Monte Carlo um Podestplätze. In Wales und Griechenland brauchte ich dafür einen längeren Anlauf. Aber so sollte es auch sein. Bei DiRT 3 beispielsweise musste man sich schon besonders anstrengen, um ein Rennen nicht zu gewinnen. Kinderkram war das.

dirt rally
Nicht so heimelig, wie es ausschaut: Der Blick auf eine Monte Carlo-Etappe aus DiRT Rally.

Ein Rennspiel, das schwierig zu meistern ist, muss nicht automatisch eine Simulation sein. Und mit strengem Blick ist DiRT Rally sogar viel weiter von einer Simulation entfernt als es nach ein paar Minuten Spielzeit wirkt. ABS und Traktionskontrolle sind frei einstellbar, aber schon beim Setup macht es uns DiRT Rally mit Schieberegeln recht einfach. Dass die Fahrphysik realistisch daherkommt, ist trotzdem viel wert, auch wenn das Spiel diesbezüglich noch Luft nach oben hat. DiRT Rally fährt sich für meinen Geschmack noch zu sehr wie WRC von der italienischen Konkurrenz, was bedeutet, dass der jeweilige Untergrund kaum spürbar ist. Leichtes oder schweres Geröll erkennt man am Anblick, aber nicht während des Fahrens. Hier macht nur Asphalt einen nennenswerten Unterschied.

Gewöhnungsbedürftig und lediglich bedingt realistisch sind die Streckenabgrenzungen geraten: Ob Felswand, Lehm, lockere Erde oder ein bisschen pulvriger Schnee: Es fühlt sich an, als würde ich gegen eine Wand fahren. Hier ist Feintuning bitter nötig, zumindest wenn der immersive Eindruck, ein echte Rallyetappe zu fahren, irgendwann im Verlauf der Entwicklung erreicht werden soll. Denn, und das ist schon bemerkenswert und Zeugnis der verdammt guten Arbeit von Codemasters bislang: Die Kurse sehen „echt“ aus, vor allem die griechischen und walisischen. Mit den Eiswänden als Absperrungen wurde bei Monte Carlo ein wenig übertrieben, aber mein Gott, was soll´s.

Schick gemacht, aber mit Vorsicht zu genießen. DiRT Rally bei Nacht. Fährt man scheiße, sind die Scheinwerfer im Eimer und dann wird es richtig kompliziert.
Schick gemacht, aber mit Vorsicht zu genießen. DiRT Rally bei Nacht. Fährt man scheiße, sind die Scheinwerfer im Eimer und dann wird es richtig kompliziert.

Die Gefahren, eine Etappe in den sprichwörtlichen Sand zu setzen, variieren von Etappe zu Etappe. Überall lauert der Fall in den Abgrund, aus geografischen Gründen natürlich eher selten in Wales. Ansonsten machen Kehren nach heftigen Abfahrten und in Kombination mit wunderbaren Bodenwellen ebenso Probleme wie diverse Hindernisse am Wegesrand. Und damit sind nicht nur Bäume gemeint. In Wales navigieren wir uns an gefällten Baumstämmen vorbei, in Griechenland und Monte Carlo an geparkten Autos und immer mal wieder müssen wir uns durch verengte Straßen schlängeln, was besonders auf unebener Piste und bei hohem Tempo schief gehen kann. DiRT Rally ist aufgrund dieser kleinen Nickeligkeiten durchgehend fordernd, weil neben dem Reaktions- und Koordinationsvermögen eine gewisse Aufmerksamkeit in den bis zu sieben Minuten langen Etappen eingefordert wird. Wer mit dem Kopf woanders ist, sollte erst gar nicht DiRT Rally starten und diese Bedingungslosigkeit mag ich und gibt dem Spiel eine gewisse Wertigkeit.

Momentan bin ich mit dem Karriere-Modus glücklich, mehr bräuchte ich nicht. Da trifft es sich doch ganz gut, dass DiRT Rally kaum mehr zu bieten hat. Die Online-Events haben mit einem Multiplayer leider noch nichts zu tun, sondern bestehen bei dem täglichen und wöchentlichen Event aus einer einzigen Etappe und beim Monats-Event aus mächtigen 24 Kursen, bei denen man sich mit der weltweiten Konkurrenz misst – was aber noch nicht so recht funktionieren mag. Egal. Bei den individuellen Events kann man sich Rennen nach eigenem Geschmack zurechtzimmern, aber, wie gesagt, der Karrieremodus macht den Sound und nicht das Gedöns drumherum.

dirt rally (1)
Kurz vor der Ende der Etappe klappert die Kiste mächtig und, wie zu sehen ist, hat es auch die Windschutzscheibe erwischt…

Trotz Early Access macht DiRT Rally also schon früh einen hervorragenden Eindruck. DiRT Rally hat mit seinen eher casuallastigen Vorgängern wenig gemein, glücklicherweise, sondern versucht sich als beinharte Beinahe-Simulation. Die momentan verfügbaren Kurse in Griechenland, Wales und Monte Carlo sehen mehr als ordentlich aus, sind herausfordernd und abwechslungsreich genug, um den Spieler nicht schon nach wenigen Etappen zu langweilen. Fahrphysik und -verhalten sind heute schon top – wenn man mal davon absieht, dass sich die unterschiedlichen Bodenverhältnisse noch zu ähnlich anfühlen. Aber daran schraubt Codemasters vielleicht noch, ebenso wie an einem Multiplayer, den ich noch vermisse. Aber das alles ist kein Meckern, sondern sind nur Wünsche. Denn DiRT Rally hält aktuell das Versprechen nach einem realistischen Rallyspiel, dass Codemasters seit DiRT 2 regelmäßig gebrochen hat. Wenn DiRT Rally sich weiter so positiv entwickeln sollte, dann, wer weiß, gebe ich sogar Codemasters´ Flagschiff namens Formel 1 eine Chance. Den sie scheinen mit DiRT Rally tatsächlich dazugelernt zu haben.