Neben all den aufgezwungenen Traditionen – wie etwa die jährlichen FIFA-, PES-, FM-, F1- und CoD-Ableger – bastelt man sich über die Jahre hinweg seine eigene Gaming-Folklore zusammen, wobei es sich dabei meistens um das Spielverhalten dreht. Die einen zocken Shooter generell nur am PC, die anderen Racer nur mit Lenkrad. Die einen spielen nur japanische Games und die anderen alles nur bloß nichts japanisches. Ich spiele Strategiespiele nur nachts, das ist meine Tradition.

Ob Civilization, Sim City, Die Siedler oder vor allem die Anno-Teile: Tagsüber finde ich kaum die Ruhe, mich richtig auf die Spielwelt einzulassen. Und dann hapert es mit der Identifikation. Wenn es einen nicht schert, dass gerade die eigene Zivilisation den Bach runtergeht, man keine Lust hat die Produktionsabläufe der mittlerweile viel zu knuffigen Siedler-Reiche immer weiter zu optimieren und es einem ziemlich schnuppe ist, ob das eigene Volk an Hunger leider und den Wein ausgeschenkt bekommt, nach dem es giert, dann: Sollte man es einfach bleiben lassen und so halte ich es auch tagsüber. Wobei: Im Winter, wenn es früher dunkel wird, zählt(e in Zeiten, in denen ich nicht arbeiten musste und studieren durfte) schon 16 Uhr zur Abendzeit. Dafür meine ich mit nachts nur nachts und vielleicht manchmal noch den frühen Morgen als Ausläufer der nächtlichen Dauerzockerei.

Ein lauschiges Küstenstädtchen aus Anno 1404. Übrigens sozial nicht sehr ausgewogen, der Reichtum hinter den Mauern steht in keinem positiven Verhältnis zur Armut im Südwesten. Das muss man ändern wollen, aber das kann ich nicht in der Mittagspause mal kurz machen.

Wichtig für ein Strategiespiel ist Ruhe. Und Zeit. So mal kurz eine Runde zwischendurch zocken macht bei Strategiespielen einfach keinen Sinn. Wir sind ja hier nicht beim CoD-Multiplayer. Ruhe, Zeit und die Lust, sich ernsthaft Gedanken über seine Stadt/Reich/Zivilisation zu machen, sind in dieser Kombination nur nachts realistisch (wobei junge Eltern das zurecht anders sehen, ich spreche da aus Erfahrung). Mir gefällt vor allem das Open End-Gefühl, wenn es schon ein Uhr nachts ist und man weiß, dass man alle Zeit der Welt hat, um die Karre aus dem Dreck zu ziehen/die Welt zu erobern/ein Straßennetz zu entwerfen/Rohstoffe zu finden/Handelsrouten auszuklügeln/Opernhäuser zu bauen/friedfertige Zivilisation brutal auszulöschen. Und dann meldet sich die Blase, der Hunger, der Durst und die Sonne geht schon auf und ein neuer Tag beginnt.

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