Eigentlich wende ich Kriterien wie „Spielzeit pro Euro“ bei Spielen ungerne bis gar nicht an, was prinzipiell auch für Metal Gear Solid V Ground Zeroes gilt. Bringt meistens wenig, aus dieser Richtung auf ein Spiel zu schauen. Aber manchmal geht es nicht anders. Vorausgeschickt ein Beispiel, bei dem das ökonomische Verhältnis oberflächlich gesehen nicht stimmt, aber das dennoch zu den ganz Großen gehört: Journey kommt auf gerade einmal zwei Stunden Spielzeit pro Durchgang bei einem Preis von etwa 15 Euro. Und wer spielte es wirklich mehr als fünf, sechs Mal? Trotzdem hängt Journey eingerahmt in meiner Hall of Fame, weil es ganz starke Emotionen weckte, mich tief berührte und nie so ganz losließ. Und jetzt schauen wir uns doch mal Metal Gear Solid V Ground Zeroes an: Es ist eine völlig überteuerte Quasi-Demo für 30 Euro mit 2+x Stunden Spielzeit und damit ganz nahe an einer Unverschämtheit; aber vor allem, weil es kaum noch zwischen den Zeilen vibriert, wie es beispielsweise noch ein Metal Gear Solid 4 tat. Wenig Spiel, kaum Seele, aber grundsolide konzipiert. Mag ja sein, dass ein Spiel, von dem man besonders viel erwartete, dann umso tiefer stürzt, aber auch davon mal abgesehen ist es in seiner Mechanik – wenn man die vergleichsweise offene Spielwelt außen vor lässt – in keiner Beziehung den in meinen Augen völlig unterschätzten Splinter Cell: Blacklist und Thief und erst recht nicht einem Deux Ex überlegen.

Metal Gear Solid zeichnete in der Vergangenheit, ähnlich wie auf seine Weise Deus Ex, ein ganz eigene Sprache und Haltung aus. Und eine spezifische Ideologie, die recht melancholisch bis fatalistisch und sehr wortgewaltig in ellenlangen Filmsequenzen vorgetragen wurde. Im Zentrum des Metal Gear Solid-Universums stand dabei bislang sehr prominent das Interesse von Staaten und Privatwirtschaft am modernen (Kalten) Krieg. Das zu kritisieren war ein schon beinahe pazifistisches Interesse von Mastermind Hideo Kojima. Deswegen war Metal Gear Solid ein Schleichspiel und kein Shooter und genau deswegen kotzte Snake in Guns of the Patriots noch, wenn er in (zu) kurzer Zeit zu viele Gegner erschoss. Mit dem Snake bzw. Big Boss aus Metal Gear Solid V Ground Zeroes setzt man sich – wenn man will, man muss nicht – an ein Geschütz oder in einen Panzer und mäht in Moorhuhn-Manier alles um, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Himmelherrgott nochmal. Snake hat damit kein Problem, ich schon. Verstehe das wer will, mir geht es nicht in den Kopf, warum Kojima Productions so frontal den Bruch mit seinem Aushängeschild suchte. Da passt es gut ins Bild, dass nun Kiefer Sutherland dem moralisch ramponierten Snake seine Stimme leiht.

Da hat der Hideo Kojima seinen Snake in Metal Gear Solid V Ground Zeroes aber schön im Regen stehen lassen.
Da hat der Hideo Kojima seinen Snake in Metal Gear Solid V Ground Zeroes aber schön im Regen stehen lassen.

Nach der vor Enttäuschung nur so triefenden Motzerei jetzt aber mal was richtig Nettes: Metal Gear Solid V Ground Zeroes ist eigentlich eine sehr gute Mission. Ja, genau. Mission. Nicht Spiel. Mission. Und, mal das Gift herausgenommen, es ist von Director Hideo Kojima glänzend inszeniert. Da macht dem Altmeister niemand was vor und ich freue mich darüber, dass er auch in seinem Nebenjob als Vice-President von Konami immer noch die Muße hat, sich anscheinend um jeden Kleinscheiß zu kümmern. Oder es gut zu delegieren. Das Guantanamo-ähnliche Lager wird im Intro von Metal Gear Solid V Ground Zeroes ganz beiläufig hervorragend wie spielrelevant vorgestellt und als dann Joan Baez mit Ennio Morricone´s „Here´s to you“ loslegte, setzte bei mir die Gänsehaut nicht nur vor Vorfreude ein. Was für eine Atmosphäre! Ohne mit dem Zaunpfahl um sich zu schlagen, weiß jeder, dass wir uns in den 1970ern befinden und aus welcher Stimmung und Zeitgeist heraus Snake mitsamt seinem Gefolge zu handeln hat. Das ist große Kunst, diese Verquickung von Film und Spiel ist weiterhin so etwas wie DAS große Markenzeichen der Metal Gear Solid-Reihe, aber möglicherweise neben dem typisch aufploppenden „!“ über den Köpfen der aufgeschreckten Gegner eines der letzten Charakteristika.

Metal Gear Solid V Ground Zeros: Jetzt mit Kassetten zum Sammeln!

Die Mission ist an sich ganz einfach: Paz und Chico befreien. Feierabend. Wer sind überhaupt Paz und Chico, mögen sich einige fragen und das sind vor allem die, die Peace Walker nicht kennen, was wohl nicht wenige sein dürften. Egal, man möge mir die Spieler zeigen, die, sofern nicht Betreiber eines Metal Gear Solid-Wikia, wirklich wissen, wann, warum und wieso wer was getan, wen verraten oder für wen gearbeitet hat. Was dann kommt, ist solide Schleich-Action, bei der jeder entscheiden kann, wie vorzugehen ist. Das bezieht sich nicht nur auf den Gebrauch von schallgedämpfter Pistole bis hin zum Panzer, sondern auch auf die Wege, die man wählt. Es gibt mehr als einen, aber wen überrascht das? Kreativer als bei Blacklist, Thief oder Deus Ex ist Metal Gear Solid V Ground Zeroes diesbezüglich nicht, auch wenn die Quasi-Open World mehr Freiheiten verspricht. Trotzdem gibt es bestimmte Abschnitte (auch als feste Speicherpunkte), nur ist es eleganter und unmerklich von Kojima gelöst worden, wenn man es mit Thief vergleicht. Dafür hatte Thief im Spiel selbst mehr Atmosphäre.

Snake inspiziert das Lager.
Snake inspiziert das Lager.

Obwohl ich Metal Gear Solid V Ground Zeroes nicht eine besondere Stimmung absprechen würde. Es wäre nur so viel mehr drin gewesen. Die Fox Engine leistet besonders bei Lichteffekten sowie Körper- und Gesichtsanimationen beachtliches. Hier spielt es sogar in der ersten PC-Liga mit, was nun nicht von jedem „Next Gen“-Titel auf der PlayStation 4 behauptet werden kann. Aber Technik ist nicht alles, und schon gar, wenn die Location dann so ein usseliges 08/15-Lager ist. Das „echte“ Guantanamo aus Blacklist versprühte da weitaus mehr Authentizität und Gefahr als diese MGS-Variante. Die Spielwelt ist einfach grauester Standard und deswegen enttäuschend, weil es ja nur diese eine Location in diesem Spiel gibt. Immerhin bieten die Nebenmissionen andere Witterungsbedingungen, was immerhin für ein Minimum an Abwechslung sorgt. Ansonsten: Schleichen und sich wundern, wie ewig lange die KI brauchte, um Snake zu enttarnen, der gerade mal wieder (aus Versehen) rückwärts mitten durch das Scheinwerferlicht kriecht. Was aber schon recht witzig ist, da ich zuerst Metal Gear Solid V Ground Zeroes sehr ernst nahm, indem ich das Lager ausführlich mit dem Fernglas inspizierte, mir Erklärungen von Kaz Miller dazu anhörte und den Dialogen der Soldaten lauschte. Geschossen habe ich übrigens in meiner ersten Runde so selten es nur ging und abgesehen von der letzten Sequenz der sogenannten Hauptkampagne ging das auch ganz gut.

Wenn das Finale den Bach runter geht…

Jetzt aber doch noch was zur KI: Ich ärgerte mich. Wirklich. Erst einmal war mir nicht klar, ob ich Chico nun an den Klippen beim seltsamen Treffpunkt liegen lassen musste oder nicht (ich nahm ihn mit) und dann, als ich auch noch Paz befreite, war es eine mühselige Rumtragerei der beiden, die ja nicht alleine auf eigenen Füßen stehen konnten. Und dann legte ich, weil sich von links und rechts Marines näherten, Paz aus der Not geboren ganz schnell einfach mal mitten am Hubschrauber-Landeplatz ab und nahm fest an, dass nun die Mission scheitern würde. Sollte eigentlich passieren, wenn man die befreite Ex-Gefangene perfekt sichtbar einfach mitten im hellsten Scheinwerferlicht auslegt. Aber: Die zahlreichen Marines interessierten sich nicht für sie und stampften sogar über sie hinweg (!). Denn es galt mit völlig unrealistischem Hin- und Her-Gehopse mein Snake-Ich zu finden, obwohl kein Alarm weit und breit zu hören war. Verstehe das, wer will. Nachdem mir Einsatzleiter Kaz Miller als Mann im Ohr mitteilte, dass Chico an meinem Versteck gefunden wurde, nahm ich meine Beine in die Hand und hechelte los, nur um Chico dort ganz unversehrt und mutterseelenallein vorzufinden. Ich schleppte ihn dann zum Hubschrauberplatz, an dem Paz immer noch im Scheinwerferlicht lag, rief konsterniert den Helikopter und schaute, dass ich Land gewann. So sah es aus und wäre nicht der verfilmte Epilog so gut gelungen (und der Abspann, wieder mit „Here´s to you“), hätte ich vor Entsetzen die Kinnlade angesichts dieses totalen Gemurkses des „großen“ Finales von Metal Gear Solid V Ground Zeroes nicht mehr geschlossen bekommen.

Auf der Flucht...
Auf der Flucht…

Überhaupt das Gameplay. Ja, das Ausrufezeichen gibt es noch. Und was noch? Neues vielleicht? Jein. Freischaltbares und Sammelbares. Aufnäher, es gibt in einem Metal Gear Solid tatsächlich XOF-Aufnäher zum Sammeln! Echt jetzt! Ey, Hideo, würde ich gerne rufen, lass´ doch mal ab von dem immer gleichen Mainstream-Kram, den alle anderen schon seit Jahren durchleiern! Mach´ dein eigenes Ding! Wie sonst auch! Aber nein, hier liegt eine Kassette und dort noch eine und drei langweilige Gebäude weiter ein Aufnäherchen. Keine Ahnung, ob und wie viele Spieler sich dadurch motiviert fühlen noch ein paar Minuten länger in Metal Gear Solid V Ground Zeroes zu verweilen, aber mich lässt das sowas von kalt. Ich finde sogar, dass dieser storytechnisch gesehen höchst unlogische Kassetten-Kram (warum sollten denn im Lager Kassetten von Chico herumliegen, wenn er im Käfig saß? Hallo?) eine Art Tritt in den eigenen Hintern von MGS ist. Scheinbar vertrauen die Macher nicht mehr in ihr Produkt bzw. in den eigenen Weg, den sie seit jeher einschlugen. Und dann diese Action-Zeitlupe, wenn Snake entdeckt wird! Zeit genug, dem Marine oder Wächter in aller Ruhe einen Headshot zu verpassen. Super Idee für ein Schleichspiel! Die Filmsequenzen sind denkbar kurz (aber dafür großartig, Prolog und Epilog!) und der gesamte Hintergrund, der pazifistische Grundton, die Kapitalismus-Kritik etc. finden nur noch in homöopathischer Dosis statt. Skandal! Würde ich da gerne rufen.

Der Kojima-Faktor

Nahezu konsterniert bin ich über die vielen gnädigen Kritiken, die Metal Gear Solid V Ground Zeroes einheimste, wie beispielsweise von Eurogamer. Thief bekam Fußtritte aus aller Herren Richtung, weil es kein absolutes Jahrtausend-Supidupi-Meisterwerk und deswegen angeblich ganz große Scheiße war, aber Metal Gear Solid V Ground Zeroes darf so vieles in so kurzer Zeit für soviel Geld falsch machen, ohne einen kräftigen Schlag an den Hinterkopf zu bekommen, den es aus meiner Sicht mehr als verdient hätte. Das sollte mal ein Entwickler/Publisher auf Steam wagen, so einen Quasi-DLC für 30 Euro auf den Markt zu werfen, wo schon ein Bioshock Inifinite-DLC zu 10 Euro massiv Haue bekommt. Ich verstehe das alles nicht. Die ganzen Probleme, die Metal Gear Solid V Ground Zeroes mit sich herumschleppt, werden sicherlich nicht durch den nicht zu verneinenden ganz eigenen Charme aufgefangen. Ich glaube da eher an den Kojima-Faktor. Er ist der Meister und fertig, aus. Soll er doch machen, ist super, da muss man gar nicht genau hinschauen. Aber vielleicht sollte man mal mehr hinfühlen, sozusagen, dann bemerkt man auch die fehlende Seele von Metal Gear Solid V Ground Zeroes und das ist keine Kleinigkeit. Keine Ahnung, ob das „richtige“ Metal Gear Solid V Phantom Pain den Turnaround bringt, vielleicht ja, aber ich bin skeptisch. Meister Kojima springt auf den Actionzug auf und es muss mit dem Teufel zugehen, wenn sich diese Richtungsänderung nur auf den Prolog beschränkt.

P.S.: Bei Metal Gear Solid V Ground Zeroes gibt es sogar Punkte, so wie bei Hitman Absolution. Ich finde, dass die Jagd nach einem Highscore nicht zu Metal Gear Solid passt. Es ist ein Jammer. Nach meiner zweiten Runde, als ich die Moorhuhn-Call of Duty-Gedächtnis-Action-Nummer wählte, war ich 3.000 Punkte im Minus. Traurig. Nicht wegen der 3000 Punkte, sondern früher, da hätte der Snake mir bei dieser Spielweise ins Gesicht gekotzt.