Dass sich Bigby in The Wolf Among Us Episode 3 namens A Crooked Mile nicht zum Sonnenschein in einer luftig leichten Love-Story verwandeln würde, dürfte niemanden wirklich überraschen. Eine gewisse Dunkelheit sind die Freunde der Spiele/interaktiven Erfahrungen von Telltale Games gewohnt und erwarten diese Düsternis mittlerweile auch. Trotzdem überrumpelte mich die bleierne Schwere, Melancholie und Schwermut, die sich durch die The Wolf Among Us Episode 3 wie ein Roter Faden zog. Ich kann mich nicht erinnern, dass Bigby, Snow, Bufkin oder Holly auch nur ansatzweise in den rund 90 Minuten Spielzeit lächelten. Meist ging der Blick traurig, leer und/oder verzweifelt in die Ferne. Ausgenommen der Zorn und Hass, der manchen Fables ins Gesicht steigt, wenn Bigby die Bühne betritt. Andererseits ergibt die Melancholie natürlich einen Sinn: Es gibt in The Wolf Among Us Episode 3 nichts zu lachen, für niemanden. Es fängt bitterböse an und endet fürchterlich.

Natürlich geht es nicht so ganz ohne Spoiler, das schon mal vorweg. Wobei die Story gar nicht mal so große Sprünge macht. Wir tasten uns mit Bigby und Snow in Richtung von Ichabod Crane vor und wer schon beim Finale des zweiten Teils leichte Zweifel an dessen Eignung als perverser Serienkiller hatte, dürfte sich nun bestätigt fühlen. Was aber nichts daran ändert, dass Ichabod Crane eine ziemlich kranke Phantasie hat. Letztlich ermitteln wir aktiv nur ein klitzeklein bisschen mit – wie es nun schon mittlerweile Tradition bei The Wolf Among Us ist – und sind vielmehr damit beschäftigt, uns als Bigby in kniffligeren Dialogen durch das Minenfeld von verletzten Seelen zu kämpfen, ohne den ganz großen Schaden anzurichten. Knifflig ist hier aber nicht im Sinne von „schwer zu spielen“ zu verstehen, sondern als stilistische Herausforderung. Als Spieler hat man die Wahl, ob und was für ein Arsch Bigby ist.

Hexenjagd in The Wolf Among Us Episode 3...
Hexenjagd in The Wolf Among Us Episode 3…

So ein wenig  kann diese Folge die eigene Persönlichkeit spiegeln, zumindest in manchen Situationen und wenn man die Geschichte mit dem nötigen Ernst und den Charakteren mit Respekt begegnet. Wer im Alltag öfters mal hochschießt, leicht cholerisch oder nur sehr temperamentvoll veranlagt ist, dürfte mehr mit der Kampfmaschine in Bigby zu tun haben wollen als ein Mensch, der seine Aggressionen unter Kontrolle hat. In der Szene mit der Hexe und auch gegen Ende, als es zum Showdown mit den Tweedles kam, hätte ich mir Nachhinein ein wenig mehr Contenance gewünscht…aber…so bin ich nun mal halt.

The Wolf Among Us Episode 3: Herr über den Stil, aber nicht die Story

In frontalem Konflikt steht ein weiteres Mal die Wirklichkeit mit dem pseudomäßigen Versprechen von Telltale Games, dass man als Spieler wirklich irgendetwas  gewichtiges zu entscheiden hat. Hat man nicht, wird man auch nicht mehr. Zwar wählt man an zwei Stellen den jeweiligen Ort der Ermittlung aus – aber natürlich im Wissen, dass die Fäden eh am gleichen Punkt der Geschichte wieder zusammenfinden, ganz unabhängig davon, wo der Spieler Bigby zuerst hinschickt. In The Wolf Among Us Episode 3 störten mich diese Ketten und fehlende Handlungsfreiheit weniger, was daran liegt, dass die Geschichte von A Crooked Mile in jeder Beziehung großartig erzählt wird. Da bin ich dann gerne dabei.

Die Tweedles mit Bloody Mary, die eindrucksvoll die Bühne betritt.
Die Tweedles mit Bloody Mary, die eindrucksvoll die Bühne betritt.

Diese Passivität ist übrigens ein cleverer Kniff. Denn wenn es  doch so richtig zur Sache geht, wie etwa im großen Finale, dann ist die Wirkung umso intensiver. Konnte man sich bei den Attacken der fetten Tweedles kaum ein Lächeln verkneifen, sieht es mit dem grandiosen Auftritt von Bloody Mary anders aus. Was für ein (Manns-)Weib! Sich hier mit Bigby durch das gnadenlose Stahlgewitter zu kämpfen, während er sich in den Bösen Wolf verwandelt, war ein großes Erlebnis, bei dem ich gar nicht anders konnte als die Luft anzuhalten. Und es ist ja auch nicht so, als dass man wirklich wusste (und weiß), wer nun der Herr von Itchabod Crane ist – auch wenn er der Crooked Man ist. Nach jeder Antwort stellt sich eine neue Frage und da dieses Spielchen spannend erzählt wird, bleibe ich auch gerne am Ball.

Doch vorher musste ich erst einmal verkraften, dass The Wolf Among Us eine Krimi-Serie ist, bei der es für den Spieler nichts zu ermitteln gibt. Ob das wirklich Sinn macht, ist tatsächlich die Frage und hängt in diesem Fall von der Qualität der Story, den Charakteren und dem Stil ab. Und dabei punktet The Wolf Among Us ganz massiv und was die Atmosphäre betrifft, hängt es für meinen Geschmack auch die zweite Staffel von The Walking Dead ab. Was die beiden Telltale-Serien momentan eint, ist die faszinierende Aussicht, dass in beiden Geschichten die Dinge eigentlich nur schlechter als schlecht und trauriger als tragisch enden können. Und seltsam, dass dies auch Grund dafür ist, am Ball zu bleiben. Abschließend noch ein kurzer und kommentierter Blick auf einen Teil der Entscheidungen, auch wenn ich weiterhin der Meinung bin, dass man sich bei The Wolf Among Us diesen Überblick sparen kann.

Sinn oder Unsinn? Ein Ausschnitt aus der Liste der "Entscheidungen" aus The Wolf Among Us Episode 3.
Sinn oder Unsinn? Ein Ausschnitt aus der Liste der „Entscheidungen“ aus The Wolf Among Us Episode 3.

Wenn 97,4 Prozent die gleiche „Entscheidung“ trafen, war es eigentlich keine. Und auch eine der ganz irrelevanten Geschichten in The Wolf Among Us Episode 3. Ich tippe darauf, dass wir den Flycatcher noch prominenter im vierten Teil erleben werden – was aber trotzdem nichts daran ändert, das seine Präsenz bis hierhin völlig überflüssig ist. Bei Greenleaf sind die Gäule mit mir durchgegangen, da hätte ich mir einen ruhigeren Bigby gewünscht, der Snow (in friedlicher Absicht) ein wenig mehr Contra geboten hätte. Und die Frage nach Leben und Tod bei Tweedle Dum…hey…wer so losballert, hat es nicht anders verdient…oder? ODER???