Dass Sucker Punch ein ambivalentes Verhältnis zu seinen Protagonisten hat, dürfte seit der Farce um den „neuen, schönen Cole“ aus inFAMOUS 2, anstelle des angeblich muffig-miesgelaunt daher kommenden Cole McGrath aus dem ersten Teil, noch einigen Spielern bekannt sein. Man könnte nun aber, mit Blick auf Delsin Rowe, meinen, dass Sucker Punch es einfach nicht besser kann. Sehr, sehr lange tanzte schon kein „Held“ derart intensiv auf meinen Nerven herum wie dieser Delsin. Pseudocool, pseudohip, pseudowitzig und überhaupt pseudo mit jeder Faser. Es ist geradezu erschreckend, dass sich sogar für diese seltsame Nase Cosplayer finden lassen. Oder vielleicht werde ich einfach zu alt für ein Spiel wie inFAMOUS Second Son. Neben dem unerträglichen Delsin spielt es sich ansonsten erschreckend konservativ und bieder. Mal abgesehen von der hervorragenden technischen Arbeit, die Sucker Punch leistete und dem ausgefeilten Blick für eine gewisse Ästhetik, ist Second Son ansonsten eines der überflüssigsten Blockbuster-Open World-Spiele seit einigen Jahren. Weil es nicht nur dem Genre nichts Neues gibt, sondern sich auch selbst unangenehm oft wiederholt. Würde das Gameplay nicht so wunderbar flutschen, hätte ich keinen Gedanken daran verschwendet, mir nur eine Sekunde lang den Abspann anzuschauen.

Mag ja sein, dass Sucker Punch halb Seattle für inFAMOUS Second Son annähernd originalgetreu nachbaute. Schön. Wirklich lebendig wirkt die Stadt trotzdem nicht. Letztlich grast man sie nur ab, um die Kampagne oder Nebenmissionen freizuspielen. Nebenbei dienen die Gebäude noch als Spender für die diversen Superkräfte von Delsin, aber verglichen mit dem Hongkong aus Sleeping Dogs oder Vice City sticht die Stadt nicht weiter heraus. Besonders bei einem exklusiven PlayStation 4-Spiels eines Sony-eigenen Studios hatte ich schon damit gerechnet, dass sie das Genre in Sachen Spielwelt voran bringen wollen, aber jede Innovation hielt sich ganz fern von Second Son.

Delsin: Krasser Held mit krasser Kette!
Delsin: Krasser Held mit krasser Kette!

Auch bei der Story bleibt sich Sucker Punch treu. Sie ist wirr, schwer nachzuvollziehen und dabei weder (genre-typisch) stringend erzählt noch sehr sinnig. Leider wurde, bis auf wenige und angepappt wirkende Ausnahmen, darauf verzichtet, die Lücken in der Story durch Comic-Sequenzen zu erzählen, was dem ersten inFAMOUS noch eine ganz eigene stilistische Note gab. In Second Son erhält Delsin ungewollt eine feurige Superkraft, die er dann total töfte und supidupi findet und sich dann in einer Art Polizeistaat zum Power-Conduit aufschwingt, dem es scheinbar mehr um immer neue und stärkere Kräfte geht als um Gerechtigkeit (oder so) – obwohl die Story vorgibt, dass es um mehr als Egoismen gehen könnte. Der Sidekick ist Delsin´s frontal-spießiger Polizistenbruder Reggie, der dem schrullig-trashigen Zeke aus den ersten beiden inFAMOUS-Teilen so gar nicht das Wasser reichen kann. Nun, die Brüder kämpfen sich im Namen der von der Polizei gebeutelten Einwohner ihres Heimatdorfes durch das Spiel und falls diese Geschichte wirklich irgend jemanden fasziniert, möge sich diese Person bitte melden!

Witzischkeit mit Delsin Rowe

Delsin ist ein Sprayer, unter anderem. Und leicht, sogar sehr leicht, zu begeistern. Hauswände werde in der simpelsten Form (und nicht weiter vom Spieler steuerbar) mit den unlustigsten Motiven ever besprayt, aber gut, gibt halt ein paar Prozente für die Viertel-Wertung, die kaum jemanden jucken dürfte. Wenn der Zeitgeist will, dass unsinniger Weise Punkte für jeden Scheiß verteilt werden, dann bitte schön, lässt sich ein Mainstream-Produkt wie Second Son natürlich auch nicht lumpen. Nun gut. Delsin hat, egal ob passend oder nicht, immer einen bemüht lockeren Spruch auf den Lippen. Delsin macht den gleichen Witz gerne drei Mal in einer Minute (Dank an Reggie für die Hilfe, obwohl er nicht aushalf) und findet das komisch. Delsin flirtet auch gerne und nutzt dafür, natürlich, seinen Humor (hüstel). Andererseits tappt unser Delsin mit aller Kraft in die Tomb Raider-Falle. Jagt er Polizeiautos in die Luft, führt dies oft genug zum Tode von Passanten, was dem „guten“ Delsin aber unverständlicher Weise recht schnuppe ist (den „bösen Delsin“ spielte ich nicht). Es mag sein, dass Sucker Punch darum bemüht war, einen Charakter mit Ecken und Kanten einzuführen – was auf ungute Art sicherlich gelungen ist – aber dann sollten sie seine Persönlichkeit nicht durch eine völlig fehlende Empathie konterkarieren.

Delsin gibt der DUP Zunder.
Delsin gibt der DUP Zunder.

Die Hauptmission ist ein halbwegs variantenreicher Mix aus Verfolgungs- und Ballermissionen mit den üblich zähen Bosskämpfen. Die Kampagne tut sicherlich nicht weh, sie ist auch nicht schlecht, aber so konturlos, dass ich mich an kaum etwas davon noch in einem halben Jahr werde erinnern können. Bei den Nebenmissionen schlunzte Sucker Punch dagegen mächtig. Es gilt geheime Kameras zu finden und zu zerstören, Audiotapes ausfindig zu machen, zu sprayen, Störsender wegzuballern und Energiescherben aus Scannern zu fischen. Das muss in jedem der rund zehn Stadtviertel erledigt werden, inklusive der Vernichtung einer mobilen Einsatzzentrale und dem Sieg in einem so genannten „Viertel-Kampf“, mit dem man den Stadtteil sozusagen „gewinnt“. Was das mit der Story zu tun hat? Nix.

Der Delsin mit den Powerkräften

Immerhin in Sachen Superkräfte ließ sich Sucker Punch erkennbar Neues einfallen. Strom ist kein Thema mehr, es gibt auch keine Rutscherei mehr über Hochspannungsleitungen. Neben den verschiedenen Feuerkräften (leichter Schuss, Granate, Flächenschaden etc.) schießt Delsin noch wahlweise und nach Freischaltung (Scherben einsammen!) noch mit Neon- und, äh, seltsamer Pixelpower aus Videowänden um sich. Letzteres manipuliert eher den Körper, während die Neon-Kräfte neben netten Schussübungen vor allem den Körper mehr Tempo und leichte Flugkräfte geben. An dieser Stelle gab sich Sucker Punch erkennbar Mühe und im Gegensatz zu den nervigen Nebenmissionen wird dem Spieler massiv Abwechslung geboten. Da jeweils nur eine Kraft verfügbar ist, wurde sogar ein Fitzelchen an Strategie in Second Son integriert, denn manchmal lohnen sich eben die Feuerkräfte mehr als Neon.

Ist schon nett anzusehen, wenn Delsin mit der Feuerpower um sich schlägt.
Ist schon nett anzusehen, wenn Delsin mit der Feuerpower um sich schlägt.

A propos Neon. Der Star des Spiels ist eindeutig die Optik. Sei es im kleinen mit der sehr detaillierten und kleinteiligen Darstellung der Krafteffekte oder dem Panorama. Second Son ist eine Augenweide und hängt optisch ein Killzone Shadow Fall locker ab. Für mich das erste AAA-Spiel, dass auf einer Next Gen-Konsole mit dem Current Gen-PC mithalten kann. Taucht das Spiel beispielsweise in die Abendsonne ein, ist es eine wahre Pracht, dass besonders mit Zusammenspiel mit den grandios animierten Kräften von Delsin die Kinnlade herunter klappen lässt. Aber dann macht Delsin einen Witz und der Zauber ist weg…

Lange habe ich nicht mehr so intensiv mit mir selbst vor Gericht gehen müssen bei einem Spiel, bei dem es in Sachen Missionsdesign und Charakterdarstellung so dermaßen viel zu meckern gab. Die Antwort ist dann doch ganz einfach: inFAMOUS Second Son flutscht als Spiel nur so runter, es ist der Casual-Core-Gipfel im Open World Genre. Wenn man mit Delsin durch die Lüfte und von Haus zu Haus fliegt und hier und da was explodieren lässt, fühlt sich das Spiel ganz leicht (in bestem Sinne!) an und wenn zusätzlich das Auge noch etwas geboten bekommt: Umso besser. Für mich persönlich reicht es für einen kompletten Durchgang, aber dann ist auch gut, denn abgesehen von dem Scheiß, den Delsin macht und erzählt, lassen sich erschreckend wenig Ecken und Kanten finden. Und Neues schon mal gar nicht. Wie schön, dass sich  PS4-Games so unkompliziert wieder verkaufen lassen!