Gäbe es am Ende des Jahres einen Preis für das „Beste Spiel des Jahres, das eigentlich keines ist“, könnte Telltale Games schon heute vorausschauend einen Platz für den Pokal in der Vitrine freiräumen. Die Diskussion um das (minimierte) Gameplay in Telltale-Spielen ist nicht neu, aber mit The Lost Lords, der zweiten Episode aus Game of Thrones, setzen die Kalifornier noch einen drauf. Ein paar inhaltlich völlig irrelevante Quicktime-Events, anfangs immerhin noch eine Balgerei brutalster Machart, ein bisschen nach links und rechts gehen – und das war´s dann auch schon. Abgesehen von den Klicks bei den Dialogen. Dagegen verkommt jede The Walking Dead-Folge zu einem wahren Action-Feuerwerk. Aber: Ich will mich ja gar nicht beschweren. Weil GoT: The Lost Lords eine ganz starke Episode ist. Bildlich gesprochen entwickelt sie sich über zwei Stunden hinweg zu den breiten Schultern, die voraussichtlich die ganze Staffel tragen. Was bedeutet: Kaum Game of Thrones-artige Adrenalinsschübe, dafür aber ein wenig Futter für das Gehirn.

Die Charaktere und die Story stehen demzufolge in GoT: The Lost Lords ganz massiv im Vordergrund. Ob das nun langweiliger und geschwätziger Mist oder hervorragendes Storytelling ist, bleibt jedem Freund und Feind der Telltale-Spiele in der Bewertung natürlich selbst überlassen. Ein wenig Freude an Erzählungen, die an verschiedenen Orten durch unterschiedliche Personen vorangetrieben und nicht ansatzweise zu einem Ende geführt werden, sollte der werte Konsument schon mitbringen. Mit dem erstmals spielbaren Asher Forrester, Gared Tuttle, Mira Forrester und, man höre und staune, dem Phoenix aus der Asche namens Rodrick Forrester teilt sich GoT: The Lost Lords in vier Perspektiven auf, die allesamt ihren eigenen Reiz haben.

GoT The Lost Lords Asher Forrester
Ein neuer Held: Asher Forrester. Durchaus zwielichtig, aber nicht unsympathisch.

Für den Actionpart ist Asher Forrester, der verlorene bzw. ins Exil geschickte Sohn zuständig. Er darf anfangs ordentlich die Axt schwingen, entwickelt sich aber nicht zu dem bestimmenden erzählerischen Zentrum von GoT: The Lost Lords – wie man es nach der ersten gespielten Viertelstunde noch erwarten konnte. Kriminell, brutal, aber scheinbar mit einem gewissen Familiensinn und einem Herz aus Gold gesegnet, macht sich Asher Forrester mit seinem Onkel und seiner Freundin von Essos auf den Weg nach Hause, um der Whitehallisierung des Forresterlandes, sozusagen, Einhalt zu gebieten. Der Game of Thrones-typische „Road-Movie“-Anteil entfällt also auf Asher und er scheint bei ihm gut aufgehoben zu sein. Was noch auffiel: Bei seinen Kämpfen verkürzte Telltale im Vergleich zu den anderen Serien die Reaktionszeit bei den QT-Events. Wird GoT: The Lost Lords dadurch anspruchsvoller? Nö.

GoT: The Lost Lords: Blut und Diplomatie

Während Asher Forrester die Axt zu schwingen weiß, ist Mira Forrester für die feinen Zwischentöne und die diplomatische Note zuständig. Wobei wir auch lernen, dass Mira anders kann, wenn sie muss. Aber ich will ja nicht zu viel spoilern, nicht wahr? Jedenfalls begleiten wir sie dabei, wie sie als Zofe von Margaery Tyrell die Interessen ihrer Familie zu vertreten versucht und obwohl es für uns als den, na, sagen wir mal Betrachter, in Mira´s Geschichte ein weiters Mal nur darum geht, uns clever durch die Dialogoptionen zu klicken, gefiel mir ihr Part in GoT: The Lost Lords weitaus besser als in der ersten Episode. Mira zeigt Format und das ist immer besser als nur schüchtern irgendwelche Wünsche daherzuflüstern.

(Beinahe) in GoT: The Lords von den Toten auferstanden: Rodrick Forrester.
(Beinahe) in GoT: The Lords von den Toten auferstanden: Rodrick Forrester.

So ein bisschen Bobby Ewing-mäßig geriet der Auftritt von Rodrick Forrester. Sowas mag ich nicht, eigentlich. Wer mir als tot verkauft wird, sollte es auch sein und Wunderheilungen sind auch nicht so meine Sache. Wie dem auch sei: Rodrick als neuer Lord Forrester macht keine schlechte Figur, die Kombination aus Willensstärke und körperlicher Gebrechlichkeit ist eine reizvolle. Wobei er wohl in den nächsten Episoden wieder an Power gewinnen dürfte. Trotzdem waren wir natürlich alle erleichtert, als der Arzt ihm seine theorerische Zeugungsfähigkeit bescheinigte…was  vor dem Hintergrund seiner gewünschten (Liebes-)Heirat nicht unwichtig ist, die aber auch strategisch von äußerster Wichtigkeit ist. Denn die Forresters planen sich eine Armee anzuheiraten, um die frechen, prolligen Whitehalls vom Hof zu vertreiben.

Gared Tuttle und Mr. Frostfinger.
Gared Tuttle und Mr. Frostfinger.

Gared Tuttle, neben dem gemeuchelten Ethan Forrester noch Hauptprotagonist  der ersten Episode, begleiten wir in GoT: The Lost Lords dabei, wir er seinen Platz an der Mauer findet bzw. sich erkämpft. Mit Frostfinger betritt dann ein ganz amüsanter Haudegen als Nebencharakter die Bühne. Gewisse Ähnlichkeiten mit Jon Snow´s Geschichte sind dabei nicht von der Hand zu weisen, aber die Mauer ist nun mal die Mauer und so schrecklich neue Geschichten lassen sich an diesem unwirtlichen Ort wohl auch nicht erzählen. Gared Tuttle´s Story ist die soziale, wenn man es so formulieren mag, mit ihm navigieren wir uns durch die Konflikte seiner kleinen Gang aus Neulingen der Nachtwache. Obwohl gar nicht mal spektakulär, gefiel mir auch diese Erzählperspektive. Und in meiner Top 3 der bekloppten Gameplay-Elemente aus GoT: The Lost Lords belegt er den Bronze-Rang. Es war schon nachhaltig beeindruckend, Gared spielen zu dürfen, als er ein Fass von A nach B trug. Platz 2 geht übrigens an Asher, dem wir mit kompetentem Drücken der Taste W dabei helfen, mit seiner Freundin auf ein Glas Bier anzustoßen. Zu Platz 1 komme ich gleich noch.

Ein altbekanntes Gesicht. Jon Snow im Plausch mit Frostfinger.
Ein altbekanntes Gesicht. Jon Snow im Plausch mit Frostfinger.

Eigentlich fügt sich Telltale´s Game of Thrones so dermaßen gut in den Kanon der Geschichte ein – kleine Ergänzung am Rande zur Irrelevanz, die das Spiel inhaltlich nur ist – dass altbekannte Gesichter aus der Fernsehserie annähernd überflüssig sind. In GoT: The Lost Lords betritt Jon Snow die Bühne, was nicht so ganz gelungen konstruiert wurde. Er scheint eine Art vaterfigürlicher Buddy von Gared Tuttle zu werden, was ja nicht schlimm ist, wäre ihre Verbindung nicht in Lichtgeschwindigkeit so intensiv geworden. Es reichte die Fahrt hoch auf die Mauer um dicke miteinander zu werden. Das passt weder zu Jon Snow noch zu Jared Tuttle, aber nun gut, damit kann ich leben. Der Auftritt des unvermeidlichen Tyrion Lannister hingegen ist storytechnisch besser aufgebaut – hier profitieren die Autoren davon, dass er schon in der ersten Episode als Mira´s halbwegs zugewandter Bekannter eine ordentliche Basis hat, auf die er in den paar Minuten, die ihm in GoT: The Lost Lords zugestanden werden, gewohnt agieren darf.

Er hier darf auch in GoT: The Lost Lords natürlich nicht fehlen.
Er hier darf auch in GoT: The Lost Lords natürlich nicht fehlen.

Nun aber zum versprochenen Platz 1 meines kleinen Rankings der bekloppten und völlig überflüssigen Gameplay-Elemente aus dieser GoT-Episode. Keine Ahnung, was Telltale geritten hat, uns bei der Beerdigung von Lord Gregor Forrester und Ethan Forrester mit einer ganz hirnrissigen „Entscheidung“ zu belästigen. Siehe folgender Screenshot.

Und wer soll als Erster brennen? Telltale im Gamplay-Vakuum.
Und wer soll als Erster brennen? Telltale im Gamplay-Vakuum.

Ohne einen albernen Pseudo-Skandal konstruieren zu wollen: Aber sich „entscheiden“ zu müssen, ob der Leichnam von Gregor oder Ethan Forrester als erster brennen soll, ist so überflüssig wie geschmacklos. Dieser Mist beweist wohl hinreichend, dass Telltale nicht nur auf ein Minimum an Interaktionsmöglichkeiten im „Spiel“ baut, sondern auch mit der sinnvolllen und erzählerisch relevanten Integration derselben zumindest in GoT: The Lost Lords arge Probleme hat. Von mir aus hätten sie den Quatsch weglassen können.

Abgesehen davon ist GoT: The Lost Lords eine großartige Episode, die beinahe ohne Schocker auskommt, auffallend auf leisere Töne und Charakterentwicklungen baut. Wobei ich eine ganz besondere Aufregung die gesamte Folge über hinweg nicht abstreifen konnte: Das immerwährende Gefühl, dass gleich eine Hauptperson drauf geht. Ist halt Game of Thrones. Schön, dass die Telltale-Autoren mit dieser „Tradition“ zu spielen wissen. Das werden sie auch in der nächsten Episode, wenngleich ich schon ahne, dass sie dort ganz andere Saiten aufziehen werden.

Epilog: Der Vollständigkeit halber, wie ich es immer bei den Telltale-Serien mache, hier meine, äh, Entscheidungen aus Episode 2 und 1. Ist Folklore, ich weiß.

Game of Thrones Episode 2 Entscheidungen

 Game of Thrones Episode 1 Entscheidungen