Wenn ich mir einen Ort vorstellen müsste, der irgendwo zwischen Phantasie und Alptraum läge, wäre dies sicherlich nicht die Hölle. Es scheint wohl darauf anzukommen, wie sehr man selbst der „Typ Sonnenschein“ ist, im realen Leben wie vor dem geistigen Auge. Alptraum ist Alptraum, da kannste nicht viel machen. Aber an der fantastischen Schraube zu drehen ist möglich und das tut das OhNoo Studio und platziert sein sehr, sehr düsteres Point & Click-Adventure namens Tormentum – Dark Sorrow in einer Welt, bei der Hades der Big Boss sein könnte. Optisch zumindest, für meinen Geschmack. Jedenfalls verorten die Entwickler die Heimat ihres Spiels genau an dem oben erwähnten Ort und spätestens jetzt sollte sich jeder unschuldige Deponia-Fan drei Mal überlegen, ob er Lust hat auf diesen dunklen Ritt. Ansonsten pfeift Tormentum – Dark Sorrow erfreulicher Weise auf den Zeitgeist und stellt keine Ansammlung an Pseudo-Entscheidungen in den Vordergrund, sondern ganz Old School die guten, alten Rätsel. Was den Deponia-Liebhaber dann doch wiederum freut.

Eine Begrüßung mal anders: Tormentum ist alles, aber sicherlich kein Knigge.
Eine Begrüßung mal anders: Tormentum ist alles, aber sicherlich kein Knigge.

Für klassische Adventure-Liebhaber ist der Look von Tormentum sicherlich gewöhnungsbedürftig, die hartgesottene RPG- und Action-Adventure-Ecke dürften sich dagegen eher zu Hause fühlen. Im besten Sinne, denn Tormentum ist visuell herausragend gut gelungen, wenn auch mit einem großen Schönheitsfehler, der hoffentlich nur der Beta geschuldet ist, die ich spielte (woran ich aber nicht glaube, ich befürchte, das ist ein Feature) und gleich noch zu komme. Laut den Entwicklern ist Tormentum – Dark Sorrow von den Arbeiten von Zdislaw Bekinski und H.R. Giger beeinflusst und das sieht man dem Spiel an allen Ecken und Kanten an. Das klingt sehr wohlig kunstbeflissen, wie ich finde, muss aber zugeben, dass ich die Google-Bildersuche bemühte und kann jedem Bekinski- und Giger-Nicht-Experten nur empfehlen, ein Mal hier und ein Mal dort zu klicken.

Tormentum sieht im morbiden Sinne also sehr hübsch aus. Leider, und da sind wir beim erwähnten Schönheitsfleck, macht es Tormentum dem Spieler unnötig schwer, sich die kleinen und größeren Kunstwerke in voller Pracht anzuschauen. Bestenfalls 720p dürften es sein, eher noch SD im Pseudo-4:3, und das ist alles natürlich nicht tragisch, aber so manches Gemälde würde weitaus intensiver wirken, wenn es nicht so verwaschen wäre. Besonders dann, wenn OhNoo Studio eine zweite Ebene einbaut, die mit der Maus bedient wird, wären mehr Details wünschenswert gewesen. Und wenn ich schon meckere: Die Dialoge werden in Tormentum recht unglücklich umgesetzt. Man schaue oben auf den Screenshot: Auf den ersten Blick wirkt es so, als würde ein Soldat mit dem anderen sprechen, was er natürlich nicht tut, sondern mit unserem Helden, der sich ganz links im Bild versteckt. Auch die seltsamen Aufstellungen der Personen in den Dialogen sind kein Verbrechen, rissen mich aber manchmal aus dem Spielfluss.

Nun, wer möchte dieser Einladung nicht folgen?
Nun, wer möchte dieser Einladung nicht folgen?

Und damit sind wir beim Gameplay und den Rätseln. Erfreulicher Weise besteht Tormentum nur zu einem geringen Teil aus kaum nachvollziehbaren Kombinations-Aufgaben. Tormentum ist klassisches, solides und gelungenes Adventure-Handwerk in seinem Point & Click-Teil. Nicht zu einfach und nur selten richtig schwierig. Wer Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis hat, dürfte an mancher Nuss heftiger zu knacken haben. Einige Rätsel erstrecken sich über fünf bis sechs Räume und wer den Faden verliert, muss ein wenig heftiger an der Lösung basteln. Es bleibt aber nicht nur bei klassischer Point & Click-Rätsel-Kost: Tormentum bietet eine größere Bandbreite an Aufgaben, die bewältigt werden müssen. Schalterrätsel, Logikgeschichten etc.

Das ist alles nicht neu, aber abwechslungsreich präsentiert. Beim oben schon bemühten Deponia langweilte ich mich gameplay-technisch dermaßen, dass ich kopfüber vorneweg mit der Stirn auf der Escape-Taste landete, bildlich gesprochen. Das passierte mir bei Tormentum nicht. Hin und wieder ging mir mal ein Rätsel auf den Senkel, aber diesbezüglich nehme ich die Schuld auf mich. Das Spiel kann nichts dafür, wenn ich spät am Abend meinte mich im Standby-Modus durch Tormentum schlawinern zu müssen.

Ein Beispiel für einige der Rätsel abseits der Benutze-A-mit-B-Aufgaben.
Ein Beispiel für einige der Rätsel abseits der Benutze-A-mit-B-Aufgaben.

Wahre Adventure-Helden bleiben da natürlich konzentrierter am Ball und dürften, sofern sie sich für das Setting begeistern können, mit Tormentum – Dark Sorrow ihre wahre Freude haben. So ganz wenige Fans dürften es nicht sein, denn Tormentum wurde z.T. durch eine erfolgreiche Kampagne bei indiegogo finanziert. OhNoo Studio liefern also und in Zeiten der Crowdfunding-Melancholie sogar richtig gut. Wem ansonsten Adventures zu bunt, fröhlich oder lebensbejahend daherkommen, sollte ebenso einen Blick auf Tormentum werfen. Auch wenn die vom Entwickler beschriebenen Demon Souls-Anleihen recht weit hergeholt sind und nur durch den visuellen Stil gerechtfertigt sein mögen, können Spieler, die sonst eher RPGs und Action-Adventures zugetan sein, mit Tormentum – Dark Sorrow einen befriedigenden Ausflug in ein ansonsten eher verschmähtes Genre wagen. Sie werden es nicht bereuen.

Anmerkung: Für diese Kritik nutzte ich einen von OhNoo Studio freundlicher Weise zur Verfügung gestellten Steam-Betakey, um den ich aber nicht gebeten hatte.