Erst 2009 wurde der Begriff Fremdscham in den Duden aufgenommen. Wer hätte das gedacht? Womöglich begann RTL damals das Nachmittagsprogramm mit all den wunderbar gescripteten Hartz IV-Sozialdramen zu veredeln, wer weiß, irgendeinen Grund muss es haben, dass die Fremdscham plötzlich dudenrelevant wurde. Spätestens mit dem Musikantenstadl hätte sie eigentlich in aller Munde sein sollen. Nun, die Fremdscham ist auch den Videospielen sehr nahe und interessanter Weise begegne ich ihr persönlich vor allem bei den großen, teuren und optisch ausgefeilteren Produktionen. Dieser ganze unangenehme Militärsprech, die klebrigen Treuebekenntnise etc., das ist in Call of Duty & Co. so schlecht geschrieben wie gesprochen. In Out of Time, der zweiten Episode von Life Is Strange, kämpfte ich mit einer besonderen Form der Fremdscham, die ich zuletzt bei InFamous: Second Son verspürte: Der sogenannten Pseudocoole-Teenies-sind-hölzern-möchtegerncool-Fremdscham, die sich in Life Is Strange Ep. 2 vor allem in den Dialogen zeigt. Und das ganz kräftig.

Max Caulfield, die sensible Heldin, die plötzlich an der Uhr dreht, trifft daran noch die geringste Schuld. Sie wirkt relativ glaubwürdig, abgesehen natürlich von der waghalsigen Lässigkeit, mit der sie ihre neue Kraft annahm. Abgefedert wird diese kleine, unglaubwürdige Charaktereigenschaft durch die gewisse Skepsis, mit der sie der Nachhaltigkeit ihrer Powerkraft begegnet. Das ist schon so ok, im Großen und Ganzen, und vielleicht gerade deswegen, weil es mit Blick auf ihre alte und neue Freundin Chloe außerordentlich geerdet rüberkommt.

Max und Warren in Life Is Strange Ep. 2.
Max und Warren in Life Is Strange Ep. 2.

Chloe nervt mich. Das ganze Konstrukt Chloe geht mir massiv auf den Zeiger. Chloe ist die Rebellin mit den blauen Haaren aus gestörtem Elternhaus; sie ist punk, sie ist verletzlich, sie will nur Spaß, aber ist eigentlich doch ernsthaft veranlagt und sie ist unvernünftig und viel zu abenteuerlustig, weil sie in Wirklichkeit so viel Angst hat. Deswegen nimmt sie auch Drogen. Blabla. Und sie erzählt unfassbar großen Schrott. Max´ neue Kunst ist für sie voll die coole Superkraft, die sie nicht eine einzige Sekunde lang hinterfragt. Die Zeit manipulieren zu können ist nun mal einfach krass, ey, und so. Wie uns Dontnod in Life Is Strange Ep. 2 die pseudowilde Chloe und ihre Dialoge mit Max präsentiert, ist weder zum Hinhören noch zum Hinschauen und führte für mich zu der beschriebenen Fremdscham. In ganz hoher Dosis.

Life Is Strange Ep. 2: Die gute Geschichte ist noch besser versteckt

Leider tragen Max und Chloe episodenübergreifend das Spiel, was keine gute Nachricht ist. Die verschwundene Rachel war schließlich der Lückenfüller in der wechselhaften Sis-Beziehung der beiden und ihrem Schicksal werden wir in den nächsten Episoden sicherlich verstärkt auf den Grund gehen. In Life Is Strange Ep. 2 wird dagegen vor allem sehr viel gesprochen, leider, und einige Rätsel auf Telltale-Games-Niveau gelöst. Letzteres ist okay. Ersteres eigentlich auch über kleinere Strecken hinweg. Die Beziehung von Max und Warren ist ganz nett geschrieben, bislang zumindest. Gespräche mit den anderen Nebencharakteren funktionieren dagegen ebenso nicht so recht: Sei es mit dem College-Direktor, dem oberfiesen Nathan, dem noch oberfieseren Sicherheitschef und Stiefvater von Chloe, der amüsanten Zickenbande oder mit Mr. Jefferson, dem hippen und mir sehr verdächtigen Lehrer. Die Gespräche mit ihnen verlaufen hölzern hoch zehn und es stellt sich die Frage, ob der gewisse Qualitätsverlust im Vergleich zur ersten Episode nur ein Ausreißer nach unten oder ein unschönes Zeichen für die weiteren Folgen ist. Möglicherweise ist das System, dass unsere Entscheidungen storyrelevant erscheinen lässt, doch gewiefter als gedacht und bremst den natürlichen Umgang der Personen zueinander. Wobei Dontnod noch beweisen muss, ob Entscheidungen wirklich einen mehr als kurzfristigen Effekt haben. In dieser Frage dürfte die dritte Episode hilfreiche Auskünfte geben.

Auf dem Weg zum durchaus dramatischen Finale dieser Episode.
Auf dem Weg zum durchaus dramatischen Finale dieser Episode.

Die letzte Viertelstunde von Life Is Strange Ep. 2 ist dagegen ein Beispiel dafür, das sich Videospiele durchaus ernsthaften Themen annehmen und sie auf eine entsprechende Art und Weise umsetzen können. Kate´s Video bleibt uns zwar erspart (oder ich habe nicht gerafft, wo/wie man es sehen kann…), aber auch ohne schlüpfiges Bildmaterial ist intensiv nachzufühlen, wie übel sie von ihren Kommilitonen gemobbt, bloßgestellt und der Lächerlichkeit preisgegeben wurde. Max´ Rolle als die vielleicht einzige Vertraute von Kate lastet schwer auf den letzten Spielminuten und endet – bzw. kann enden, wenn man es richtig/falsch anstellt – dramatischer als es sonst in Spielen üblich ist. Hier entstehen in Life Is Strange ungewöhnlich große Gegensätze zwischen der Fremdscham-Beziehung von Max und Chloe auf der einen Seite und der Geschichte von Kate auf der anderen. Mir schwant, dass unterschiedliche Autoren am Werke sind.

Hätte sich Dontnod bei der zentralen Beziehung zwischen Chloe und Max nicht so peinlich verrannt, wäre diese Episode vielleicht ein wirklich gute geworden. So verwischt es ein wenig das erfreuliche Bild, dass die erste Folge hinterließ. Was ich schade finde, denn Life Is Strange bleibt ein für heutige Zeiten ungewöhnlicher und begrüßenswerter Ausflug in spielerische Donnie Darko-Gefilde – der nur leider zurzeit eine kleine Krise durchlebt.

In guter alter Telltale-Tradition gibt es nun „meine“ Entscheidungen. Achtung, Achtung, es lauert hier natürlich übelste SPOILER-Gefahr. Gespannt bin ich, wie sich unterschiedlichen Handlungsstränge bei Kate auf den Fortgang der Story auswirken. Hier hätte ich nicht gedacht, dass das Finale tatsächlich eine positive Wendung haben könnte. Interessant.

Life is Strange Entscheidungen