Der Slenderman ist zurück und mit Hospice und Sanatorium rückt er uns in direkt zwei Rip-Offs zu dem Indie-Hit Slender auf die Pelle. Beide Spiele laufen unter dem Label Slenderman´s Shadow und funktionieren nach dem bekannten Slender-Prinzip. Wir suchen nach acht Zetteln mit mysteriösen Botschaften und sollten uns dabei nicht vom bösen Slenderman erwischen lassen. Kein Blick zurück und wenn wir ihn trotzdem im Augenwinkel entdecken, heißt es Beine in die Hand nehmen und schauen, dass wir Land gewinnen. Wobei wir uns bei Sanatorium und Hospice nicht im Wald, sondern in endlos verschachtelten Fluren verlaufen.

Kann Angst, und zwar die blanke Angst, die einem den kalten Schweiß auf die Stirn treibt, nach dem gleichen Prinzip reproduziert werden? Das ist eine der Fragen, die sich mir stellten, bevor es an Hospice und Sanatorium ging. Die erste vorläufige Antwort lautet: Natürlich nicht. Ein Original bleibt ein Original mit originalem Schrecken. Das soll aber nicht heißen, dass (inoffizielle) Fortsetzungen nicht auch ihren eigenen Charme besitzen. Während Hospice das Slender-Universum gameplaytechnisch sogar leicht und sinnvoll erweitert, stellt sich bei Sanatorium leider die generelle Frage nach der Daseinsberechtigung.

Dunkel ist es im Sanatorium. Und karg. Und irgendwo ist der Slenderman.

Denn Sanatorium spielt sich zu 100 Prozent wie Slender und sieht aus wie ein schlechteres Hospice. Die Räume sind karg und die langen Flure wunderbar verschachtelt, aber es fehlt ein wenig der Flair eines abgeblätterten Sanatoriums. Zumindest wünsche ich mir mehr Details in Räumen und Zimmern, um eine adäquate und beklemmende Stimmung aufbauen zu können. Sanatorium könnte auch Anonymer Kellerirrgarten heißen und man würde es dem Spiel abkaufen. Trotzdem ist es gut, keine Frage: Spätestens ab dem Moment, an dem man die Orientierung verliert, das ungute Gefühl hat, wirr im Kreis zu laufen und schon ein bis zwei Mal dem Slenderman entwischt ist (und ahnt, dass es ein drittes Mal nicht gut gehen wird), greift eine ähnliche Mischung aus nackter Angst und purer Panik, die wir aus Slender kennen.

Es macht Sinn, erst Sanatorium und anschließend Hospice zu spielen. Ansonsten könnte bei Sanatorium ernüchtert vor dem Slenderman geflüchtet werden, was direkte und ungute Konsequenzen für den Spielspaß bzw. die Spielangst hat. Hospice sieht besser aus, ist detailreicher gestaltet und erlaubt sich sogar – hört, hört – einen kleinen Scherz. Denn in einem Raum, in unmittelbarer Nähe zu Liegebahren mit Fixiergurten, erblicken wir das Foto eines jugendlichen Let´s play-Teenies. Feine Idee, die glücklicherweise auch nicht zu sehr vom Spiel selbst ablenkt.

Hospice ist in bestem Sinne abgefuckt, die heruntergekommene Klinik ist dabei aber nicht nur grau in grau entwickelt worden, sondern bietet mit Graffitis, kleinen Lichtspielereien und geschmackvoller gestalteten Zimmern die atmosphärische Dichte, die auch Slender auszeichnet. Dort kauft man dem Wald ab, dass er ein Wald ist, in dem man sich schnell verlaufen kann. Und in Hospice kauft man der Klinik ab, das sie eine verlassene Klinik ist, in der sich der Gamer verlieren kann.

Hospice ist beklemmend, angsteinflößend, gibt uns aber Möglichkeiten zur Orientierung.

Dabei macht Hospice im Detail einiges anders als Slender und Sanatorium. Wir suchen nicht nur Zettel, sondern sollen (mit Hilfe von Zetteln…) ein Gedicht vollenden. Dafür muss man das Game durchspielen, was ich zugegebener Maßen nicht geschafft habe. Bei Slender und Sanatorium fand ich jeweils sechs von acht Zetteln, bei Hospice zwölf von 16 Zeilen, bevor mich der Slenderman entdeckte. So bemüht vielleicht die Geschichte mit den Gedichten sein mag, so dient sie zum einen dazu, einen Ansatz einer Story zu erzählen (was geschah mit der Tochter vom Slenderman?) und zum anderen lockert es das Spielprinzip oberflächlich ein wenig auf. Mehr Einfluss hat eine weitere Neuerung in Hospice: Die Leuchtstäbe, die wir an selbst gewählten Orten zur Orientierung auf den Boden legen können. Die Leuchtstäbe und die hellen Fenster nähren in der Tat zu Beginn des Spiel den Glauben, den Slenderman in den Griff kriegen zu können. Man weiß ja, wo es lang geht. Glaubt man und natürlich ist das nur eine Illusion und damit eine große Stärke von Hospice. Denn es gibt kaum eine Chance sich nicht in den langen Fluren zu verlieren. Was bekannt vorkommt, muss nicht bekannt sein. Und plötzlich steht man wieder im ersten Zimmer, hat keine Ahnung wie um Gottes Willen man dort landete, schaut sich um, erkennt den Slenderman und weiß, dass es zu spät ist. Großartig! Die Hospice-Erfolgsformel lautet also: Hochmut vor dem Slenderman kommt vor den Fall. War es in Slender die Unwissenheit und abstrakte menschliche Grundangst, die faszinierte, ist es in Hospice das Gegenteil, aus dem das Spiel seinen Reiz gewinnt.

Trotzdem sollte die Frage erlaubt sein, ob der Slender-Liebhaber die Slenderman´s Shadow-Reihe braucht. Meine Antwort: Nein. Slender braucht Hospice sicherlich nicht, Hospice aber umgekehrt Slender auch nicht, um zu funktionieren, was definitiv ein Kompliment ist. Hospice ist eine schöne Variation des Slender-Themas, was man von Sanatorium nur bedingt behaupten kann, da es eher wie eine Fingerübung wirkt, aus dem später das Hospice-Werk entstand. Offen bleibt, wann und ob die Slender-Idee zu Tode entwickelt wird. Oder ob es sich organisch und Schritt für Schritt in ein kommerzielles Produkt mit verschiedenen Leveln verwandelt, das sich aus den Slenderman´s Shadow-Szenarien zusammensetzt. Ich tippe auf Letzteres, hoffe aber, dass es die Entwickler gut mit dem Slenderman meinen und nicht die Angst vor ihm killen, bevor die Kasse klingeln kann.

Hospice und Sanatorium stehen hier und hier kostenlos zum Download bereit.

UPDATE: Wen die weiteren Variationen interessieren, den kann ich nur allerwärmstens Slender’s Woods empfehlen!