Wie die Spielwelt in Gravity Rush präsentiert wird? Als perfekt vertonte und bebilderte braun-rot-grüne gehaltene Steampunk-Welt im Cell Shading-Look? So ungefähr trifft es das ungemein kreativ und stilistisch sicher kreierte Gravity Rush-Universum, in dem eine Katze die Schwerkraft aufhebt und unsere Heldin Kat hüpfend, fliegend und um sich schlagend versucht, die Welt wieder mit sich zu vereinen. Verantwortlich für das erste exklusive Open World-Abenteuer auf der PlayStation Vita ist Sony Japan, dass mit diesem Spiel aus dem Heimatmarkt (unter den Namen Gravity Daze) schon sehr erfolgreich war. Völlig zu Recht übrigens, denn Gravity Rush ist eine klare Empfehlung, obwohl es sich spielerisch gar nicht so sehr vom Durchschnitt abhebt.

Die Atmosphäre macht Gravity Rush zu einem besonderem Spiel. Und auch die beinahe magisch von der Hand gehende direkte Steuerung – was es definitiv zu einem Referenzspiel für die Vita macht. Wer als Core-Gamer skeptisch und/oder ideologisch vorbelastet ist und zweifelt, dass auf einem Handheld auch Core-Games funktionieren, sollte sich direkt und sofort und heute noch Gravity Rush zulegen (und natürlich die wunderbare PlayStation Vita gleich mit, wenn noch nicht vorhanden). Weder bei Infamous 2 noch bei Batman: Arkham City erhält der Gamer derart viele Freiheiten, seine Spielfigur mit einer großer Leichtigkeit über die Dächer einer Stadt schweben zu lassen. Das ist ganz großes Gameskino, besonders im Vergnügungsviertel Plaejeune – das nicht ohne Grund einen französischen Einschlag hat. Hier treffen kreatives Gamedesign und perfekte musikalische Vertonung – irgendwo zum Rummelplatz und Chanson – aufeinander.

Auf den Kopf gestellt. Was hier kompliziert aussehen mag, ist eher eine luftige Freudenrolle darüber, dass Gravity Rush uns das Fliegen so leicht macht wie kein anderes Spiel.

Die Steuerung: Schwerkraft aufheben mit R1, Schwerkraft wieder aktivieren mit L1, Gravitationskick mit Viereck, Raketenkick mit Dreieck, Stase mit Kreis und hüpfen mit X. Das ist es schon. Weder kompliziert noch ungewöhnlich. Außer das die Steuerung direkt ins Blut übergeht, was man zum Beispiel von einem Batman: Arkham City nicht gerade behaupten kann. Manchmal genoss ich gerade die Zeit zwischen den Missionen um ein wenig hin- und her zu fliegen, mal hier auf ein Kirchendach und mal da auf einen Turm. Das Panorama in Gravity Rush ist hervorragend und wunderschön, wenn nicht optisch und storytechnisch dieses Schwarze Loch über der Stadt stören würde. Eine Art Tor in eine andere Welt, das Stadtviertel und Familien voneinander trennt. Und weswegen unsere Heldin Kat irgendwie das Gedächtnis verlor und eine Katze als Begleiterin hat, die uns lehrt die Schwerkraft aufzuheben. Klingt seltsam und irgendwie auch überdreht japanisch? Yes! Ist aber nicht weiter schlimm. Wer bei Spielen oder Filmen nicht notorisch nach Fehlern und Storylöchern sucht, wird über die seltsame Geschichte – die davon handelt die Stadt wieder zusammenzufügen – hinwegsehen sehen können. Auch der direkte Humor, der sich auffallend oft frontal um das Aussehen der Heldin und der NPCs dreht, dürfte nicht jedermanns Sache sein.

Ob es bei Gravity Rush wohl Bossgegner gibt, bei denen leuchtende Stellen auf Schwachpunkte hinweisen? Ob wohl zusätzlich die kleineren Gegner abwechslungsarmer Weise uns mit den gleichen leuchtenden Punkte auf ihre Problembereiche aufmerksam machen? Ob das kreativ ist? Ein klares Nein zu letzterem, ein „leider ja“ zum Rest. Ob in den Missionen in den Stadtvierteln oder den Zwischendimensionen wird uns wenig Neues geboten. Eigentlich gar nichts Neues. Schade. Trotzdem: Gerade bei den Kämpfen machte es mir große Freude, aus luftiger Höhe per Dreieck mit dem Raketensprung gen Boden zu rasen und die Monster spektakulär das Zeitliche segnen zu lassen. Das geht perfekt von der Hand – auch wenn es an sich keine besonderen Fähigkeiten vom Gameplay her voraussetzt. Auch der Schwierigkeitsgrad hält sich zuweilen in zu engen Grenzen. Die Bosskämpfe und die Missionen sind recht leicht, die nicht wirklich zur Gravity Rush-Welt passenden zusätzlichen Herausforderungen dagegen nicht. Die Zeitrennen oder das von der Story unabhängige und nicht erklärte Eindreschen auf so viele Monster wie möglich lenkten mich vom Spiel ab, weswegen ich ab Mitte des Games auch die Herausforderungen links liegen ließ.

Ein Leben in vielen Dimensionen kann zuweilen spacig sein.

Story Durchschnitt, Missionen und Bosse auch. Trotzdem ein Must-have. Weil es soviel Spaß macht, sich federleicht in einer besonders künstlerisch wertvollen Welt zu bewegen – wobei künstlerisch wertvoll hier für besonders kreative Augenweide und nicht für pädagogisch empfehlenswert steht. Darüber hinaus ist Gravity Rush genau das Spiel, dass den Gamern und der Spieleindustrie beweist, dass auch auf einem Handheld hochwertige Open World-Core-Games nicht nur funktionieren, sondern manchmal sogar besser aufgehoben sind. Denn zum einem luftigen großen Abenteuer passt die Vita einfach besser als das Gamepad in der Hand und der klobige TV im Blick. Neben Uncharted: Golden Abyss ist Gravity Rush das zweite vollwertige Coreerlebnis für die Vita und hoffentlich für die Entwickler Anlass genug, um auf gleichem Qualitätslevel nachzulegen.