Ein Spiel wie ein Traum und vielleicht spielt man in Fibrillation sogar einen Traum. Wer Dear Esther mag, sich auf surreale Abenteuer einlassen kann und ein kreatives Gameplay zu schätzen weiß, das mehr auf den offenen Geist als auf reine Fingerfertigkeiten setzt, der wird Fibrillation lieben. Der erst 23-jährige russische Entwickler und Künstler Egor Rezenov schuf eine ganz eigene und mutige Spielerfahrung, die sicherlich nicht frontal auf den maximalen Profit schielt, sondern auf ein intensives Erlebnis. Für die einen mag es eine Art Horror- oder Gruselspiel sein. Ich spielte es als spacige Traumreise mit erhöhtem Adrenalinspiegel und für andere könnte es das langweiligste Game der Welt sein.

Schon das atmosphärisch dichte Intro zeigt die Richtung, die Fibrillation einschlägt: Im Nichts entsteht ein hoher Turm, wir hören nur unseren Herzschlag und begeben uns im Turm auf Entdeckungsreise. Oder wo auch immer, denn Zeit und Raum folgen nicht unserer bekannten Ordnung. Also, Frage 1: Wo sind wir? Und daraus folgt die Frage 2: Und wie, um Gottes Willen, kommen wir hier wieder raus? Wenn man überhaupt einen Spielsinn definieren möchte, würde er wohl bei der Beantwortung dieser beiden Fragen liegen. Die Steuerung ist dabei simpel – wir springen mit Space, bewegen uns mit WASD und – was mir sehr gefiel – schließen mit der linken Maustaste die Augen. Wer es gruseliger haben möchte, kann in manchen Passagen des Spiels einfach die Augen schließen und sich rein akustisch auf die Spielwelt einlassen. Auch hier bietet Fibrillation eine ganz tolle, mal beängstigende und manchmal einfach nur fantastische Atmosphäre. Was die Optik betrifft, wurde ebenso ganze Arbeit geleistet: Für eine kleine Indieproduktion ist der technische Teil mehr als hervorragend gelungen. Und da das technische Wissen künstlerisch großartig umgesetzt wurde, ist Fibrillation für mich eines der atemberaubendsten Indie-Spiele der letzten Jahre. Denn schon alleine das Farbspiel – von schwarz-weiß bis zum grobkörnigen Sepia – quillt nur so über vor Fantasie und Kreativität. Man läuft von Gemälde zu Gemälde.

Die ersten Level aus Fibrillation wirken wie Gemälde aus der industriellen Frühzeit. Nur: Es ist ein Traumland, denn in diesen Fabriken und Komplexen gibt es nichts zu arbeiten.

Manchmal dachte ich während des Spiels: Und gleich kommt der Slenderman. Stimmt natürlich nicht, aber rein atmosphärisch erinnern die frühen Level in Fibrillation an die dunklen Gänge aus Hospice. Vor allem wenn das Bild sehr grobkörnig wurde, hatte ich Angst vor dem Blick zurück. Aber der Horror – sofern der Begriff überhaupt adäquat für das Spiel ist – liegt im besten Sinne im Unklaren. Denn es ist nicht immer so einfach (oder man macht es sich nicht einfach), von einem Level in den nächsten zu wechseln. Weil es eben keine „Drücke Schalter A und gehe in Raum B“-Rätsel sind, sondern zum Teil ganz einfache Handlungen erforderlich sind, die nur dann auf der Hand liegen, wenn man mitdenkt. Ein Beispiel: Es gibt die Passage einer nicht enden wollenden Treppe, die man hinuntersteigt. Diese Monotonie hatte schon was dumpf berauschendes, aber irgendwann fragt man sich doch, warum das Ende der Treppe nicht erreicht wird. Stellt euch einfach vor, was ihr „in echt“ machen würdet in einer solchen Situation – und dann hat man schon die Lösung gefunden.

Im Laufe des Spiels verlässt man mehr und mehr die beengten und beengenden Räume und Gänge und landet in größeren Arealen, die mathematischer strukturiert und von Quadern geprägt werden. Die Ordnung ist aber nur oberflächlich. Manche Level erinnern an ein Labyrinth, bei anderen muss der Weg mit ein wenig Gehirnschmalz gefunden werden und wie im gesamten Spiel geht es manchmal auch nur darum, sich fallen zu lassen. Da muss man auch erst mal drauf kommen. In den Außenleveln begegnen wir noch Vögeln und einem schwarzen Rauchwesen, dass so wirkt, als sei es ihm auf der Lost-Insel zu langweilig geworden. Aber so richtig Leben ist das nicht. Und auch das Herz, das wir hören, verstummt irgendwann. Warum und wieso darf jeder gerne selbst herausfinden. Aber dass das Herz eine besondere Bedeutung in diesem Spiel hat, verrät schon alleine der Titel.

Im späteren Verlauf geht es immer weiter hinauf. Man hat den Eindruck, es gibt in Fibrillation kein fest definiertes Oben und Unten.

Ganz wichtig: Spielt Fibrillation so, als wäre es Dead Space: Also im Dunklen und mit Kopfhörern. Dann entfaltet es ganz intensiv seine eigene Stimmung. Die nur zwischenzeitlich ein wenig durch den Sprecher getrübt wird, auf den meiner Meinung nach hätte ganz verzichtet werden können. Mir ist er eine Spur zu hysterisch. Und das Herzklopfen erzählt auch so schon Geschichte genug. Noch ein Hinweis: Es ist nicht möglich, bei Fibrillation zu speichern. Man muss es also in einem Durchgang durchspielen. Aber müssen ist relativ, es ist auch ein dürfen bei so einem grandiosen Spiel.

Fibrillation steht bei Desura für sehr günstige 1,99 $ zum Download bereit und kann auch für den gleichen Preis auf der Homepage von Entwickler Egor Rezenov bezogen werden. Bei Letzterem ist neben weiteren Infos zum Spiel auch eine kostenlose Demoversion von Fibrillation zu finden.

Außerdem kann für Fibrillation bei Steam Greenlight gevotet werden. Das Spiel hätte es verdient auch bei Steam gepusht zu werden!