Natürlich wird Saints Row 4 nicht jedem gefallen. Es ist viel zu brutal, zu albern, zu sexistisch, zu grell und vielen technisch zu schwach, um sich auf GTA-Niveau im Mainstream breit zu machen. Für die einen ist es hirnlos-debiler Quatsch und für andere ist Saints Row seit jeher der intelligente Hofnarr des Spieleuniversums, der die Konkurrenz ironisch spiegelt und dabei Stärken und Schwächen des Mediums zwar völlig überzeichnet, aber auch schamlos direkt aufzeigt. Und Spaß macht. In der mittlerweile vierten Auflage von Saints Row, das wieder von Volition entwickelt und dieses Mal nach der THQ-Pleite von Deep Silver bzw. Koch Media vertrieben wird, gibt es sicherlich keinen Mangel am Kurzweil, aber leider einen an neuen Ideen und Kreativität. Saints Row 4 rutscht genauso in die vermeintliche „Nummer Sicher“-Schublade, in der schon Titel wie Dead Space 3 oder Resident Evil 6 einiges an Kredit verspielten. Da aber Saints Row 4 Satire und Gesellschaftskritik zugleich bleibt, geht das Konzept noch einmal auf. Obwohl die Matrix-Simulationsnummer ungefähr den Charme von dem duschenden Bobby Ewing versprüht.

Eingänglich ist Teil 4 jedenfalls nicht. Wer Saints Row nie zuvor spielte, wird im schlaff beginnenden, sich aber dann stetig steigernden Prolog sein blaues (bzw. violettes) Wunder erleben. Viele Spiele beginnen zwar mit einer 08/15-Schießerei, doch nur bei ganz wenigen hüpft man nur einige Minuten später auf einer fliegenden und scharfen Atombombe umher, um mit dem größtmöglichen Schleimpathos die Welt zu retten. Und bei welchem Spiel darf man schon zugleich Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und Gang-Leader sein? Genau, nur bei Saints Row und diesen Blödsinn liebe ich auch an Saints Row 4 – obwohl die Story anschließend ein paar Kapriolen zu viel schlägt. Jedenfalls: Wer Pierce und Shaundi und den Rest der Gang nicht kennt, wird nur ganz schwer in das Spiel finden und auch später seine Schwierigkeiten dabei haben, im Mass Effect 2-Style die einzelnen Gang-Mitglieder aus den Fänger des bösen Zin-Imperiums mitsamt seinem Oberfiesling Zinyak zu befreien. Die sich durch das Spiel ziehende Frage über die Bewertung der Saints – brutal-sexistische Psychopathen oder liebenswerte Schlitzohren – werden Spieler, die zum ersten Mal in das Saints Row-Universum eintauchen, möglicherweise anders beantworten als die Saints Row-Veteranen.

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Hintersinniger Humor der Marke Saints Row 4.

Größter Kritikpunkt: Im Vergleich zum fantastischen Saints Row The Third ändert sich in Sachen Gameplay und Spielwelt nahezu nichts. Das ist viel zu wenig für eine ernsthafte Fortsetzung. Nur weil für Volition die Story rund um den Angriff des Zin Imperiums auf die Erde angesichts der THQ-Pleite zu kostspielig für einen Saints Row The Third-DLC (namens Enter the Dominatrix) wurde, bedeutet es nicht, dass dieser Ansatz ein ganzes Vollpreis-Spiel trägt. Es ist wieder Open World, es ist die gleiche Hood, wenn man so will, es ist alles identisch zum Vorgänger. Nur nicht authentisch. Denn dieses Steelport ist eine Simulation. Braucht man das?

Same old Story: Chaos und Redundanzen auch in Saints Row 4

So abwechslungsreich die Nebenaufgaben in Saints Row 4 eigentlich sind: Wenn sie sich wiederholen und dann noch recht schamlos ein Teil der Nebenquests sind, zielt man nicht weit daneben, wenn man Volition vorwirft, durch Wiederholungen und Doppelcontent die Spielzeit künstlich zu verlängern. Es reicht, wenn man freiwillig all die schönen Aufgaben – vom Autodiebstahl über die Virusinfektion bis zu den Rennen – erledigt. In der ersten Hälfte des Spiels machte mir das typische Open World-Erkunden und das Erledigen optionaler mehr Spaß als die Story-Misssion. Bis ich dann feststellte, dass ich mehr als die Hälfte der Nebenquests schon erfolgreich beendet hatte, ohne es zu wollen oder gar zu wissen. Und plötzlich regnete es Upgrades und Superkräfte und ich wusste kaum wie mir geschah.

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Bei aller berechtigten Kritik an Saints Row 4 kann man sich ein Lächeln kaum verkneifen.

Und gerade das Wechselspiel zwischen „echter Welt“ und Simulation hätte durchaus seinen Reiz gehabt, wenn Volition nicht versuchen würde, neben dem Storydesign auch noch ein paar andere Merkmale vom Mass Effect-Franchise in Saints Row 4 noch schnell durch den Kakao zu ziehen. Denn hier vögeln wir mit allem, wenn wir nur wollen. Frau, Mann, Maschine. Das sind durchaus witzige Sequenzen, im Style angelehnt an die „erotischen“ Szenen aus GTA 4, aber dennoch ziemlich gewollt witzig. Wenn vor dem Dampfhammer das Florett kommt (oder andersrum) wirkt der Humor eindringlicher als wenn es sich auf den Dampfhammer beschränkt. Hier war Saints Row in all seiner Deutlichkeit sicherlich schon kreativer und intelligenter. Die gesamte „Echtwelt“-Geschichte bleibt blass, keine Ahnung warum, da war auf dieser Erzählebene deutlich mehr drin.

Die Shaundis in der Matrix

Bei den Charakteren tut sich wenig. Es möge niemand ernsthaft glauben, dass sich auch nur ein Charakter in irgendeiner Form weiter entwickelt hätte. Obwohl, mit ein wenig gutem Willen, ist Shaundi die Ausnahme. Denn die stets gestresste, schlecht gelaunte und zickende Dame trifft in der Simulation auf ihre lebensfrohe Dreadlock-Shaundi aus ihren frühen, extrem intensiven und lebensfrohen Partyzeit, was zu den besten Dialogen im ganzen Spiel führt. Die beiden müssen sich zusammenraufen und es war ein Vergnügen, ihnen dabei zuzuhören. Aber ansonsten bleiben die Protagonisten weit hinter ihrem Profil aus Saints Row 2 und The Third zurück.

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Technisch zwar schmal auf der Brust, aber zwischenzeitlich dennoch eindrucksvoll. Das Alien-Mutterschiff über Steelport.

Seltsam, dennoch spiele ich Saints Row 4 sehr gerne. An sich ist es ein gutes, rotziges Spiel. Nur unterscheidet es sich kaum vom Vorgänger. Umso mehr ich darüber nachdenke, desto mehr ärgere ich mich, aber beim Spielen selbst – und darauf kommt es ja an – habe ich durchaus auch meinen Spaß. Lautes Lachen und genervtes Meckern wechseln sich ab, aber noch schlägt der Pendel klar in Richtung Liebe, um es pathetisch auszudrücken. Nur kann es mit Saints Row nicht endlos mit der gleichen Formel weitergehen und es ist davon auszugehen, dass Koch Media und Deep Silver das wissen. Vielleicht kommt nach den erst einmal sehr ordentlichen Verkaufszahlen von Saints Row 4 direkt nach dem Release noch mal ein weiterer Klon heraus, aber trotzdem höre ich Deep Silver schon „Reboot, Reboot“ rufen und befürchte zugleich, dass Saints Row in Zukunft wohl „eingänglicher“ werden dürfte (neue Zielgruppen und so, ihr kennt die Erfolgsformel von Dead Space 3 und Resident Evil 6), was vielleicht im Vergleich zum Klon die noch schlechtere Lösung wäre.