Unabhängig davon, wie erfreut, gelangweilt oder genervt man dem GTA V  Hype gegenüber steht: Es gibt ihn. Sehr massiv sogar und ganz gleich, ob man GTA V mag oder nicht mag, ist es ein schlechtes Aushängeschild für das Medium. So langsam dämmert es mir, dass daran nicht nur die zumeist über Spiele oberflächlich berichtende Publikumspresse schuld sein mag, sondern zumindest zu einem Teil die Spieleindustrie selbst. Rockstar pusht und unterstützt seine Spiele traditionell mit einem glänzenden und auf den Punkt getimten Marketing, dass bei GTA V aus mehreren Phasen bestand und dankbar von den Offline- und Onlinemedien aufgegriffen wurde. Zuerst stand der allgemeine Gigantismus für die Fachjournale im Vordergrund (Größe der Spielwelt, 3 Hauptcharaktere), dann für die seriöse und die Publikumspresse direkt nach Release die Rekord-Absatzzahlen und daraufhin als Verstärker noch einmal die besonders leidige Skandalisierung, insbesondere durch die Folterszene.

Ein extremes Beispiel ist (natürlich) die BILD, die unter dem Label Folter, Sex und Amoklauf mit der Überschrift GTA V: Diese Szenen sind nur für Erwachsene vor allem wohl Kinder neugierig macht. Aber so geht das mit dem GTA V Hype. Ganz davon frei machen kann sich nicht einmal SPON, die einen frühzeitig publizierten Kurzzeit-Test mit Yoga, Tennis, Massenmord betitelten, bevor erst nach Abflauen des GTA V Hypes der reflektiertere zweite Artikel veröffentlicht wird. Zu diesem Zeitpunkt haben sich bei vielen, die sich für Spiele nur am Rande interessieren, wohl leider schon die vermeintlichen Skandal-Beiträge im Gedächtnis festgesetzt, wie etwa dieses unschön-schlicht betitelte Exemplar bei sueddeutsche.de mit der Überschrift Foltern mit GTA V. Eine unerfreuliche Konsequenz: Kulturell interessierte Menschen werden sich auch weiterhin einen Dreck für Spiele interessieren, wenn sie in ihren Augen immer noch (!) derart brutal und stumpf daherkommen. Ob GTA V ein gutes oder schlechtes Spiel ist, scheint dabei irrelevant zu sein und wenn Diskussionen – gerade in der Mainstream-Presse – in diese Richtung gehen, verlieren mehr als gewinnen können.

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Erwachsen geht anders. GTA V Promo-Material

Dabei verfolgt Rockstar natürlich nicht nur diabolische kapitalistische Ziele mit dem GTA-Franchise, sondern spiegelt manche Normen und Entgleisungen unserer Gesellschaft durchaus satirisch, knallhart und auch auf amüsante Art und Weise. Keine schlechte Mischung, auch wenn die traditionelle Portion Zynismus und Menschenhass nicht jedem gefällt. Nur leider taugt GTA seit jeher so gar nicht zum Citizen Kane der Spielewelt. Es wird auch nicht dazu gemacht, ist aber von der Medienpräsenz her ein ärgerlicher Platzhalter für das große Erlöser-Spiel, dass Videogames ENDLICH und dabei selbstverständlich künstlerisch-intellektuell ansprechend bis ganz tief in den (Kultur-)Mainstream schiebt. Mal abgesehen davon, dass dieser Citizen Kane wahrscheinlich nie erscheinen wird, wundert es, dass kein Spiel in den Jahren seit GTA IV in dessen Fußstapfen treten konnte. Und zwar weder mit anderen Mitteln als dem so leicht zu skandalisierenden Gewalt und Sex-Komplex noch mit den Instrumenten aus dem gleichen Baukasten. Es gelingt einfach nicht, erwachsene Spiele zu produzieren, die den Tellerrand des Mediums sprengen.

GTA V Hype: Und Omma regt sich auf

Vom GTA V Hype bleiben dann wieder nur hochgezogene Augenbrauen und massive Vorurteile derjenigen, die GTA V im Besonderen und Spiele im Allgemeinen zweifelnd gegenüber stehen. Möglicherweise hat das nicht einmal GTA V selbst verdient, aber das ist eine andere Geschichte. Ob Deus Ex, Gone Home, Journey und wie sie alle heißen: Schade drum, dass sie nicht das große Publikum haben, dass sie verdienen.

Und ärgerlich, dass die Entwickler bzw. Publisher genau dieser Spiele, die intensive interaktive Erfahrungen mit Gehirnschmalz kreuzen, nicht in der Lage sind, ihre Produkte dementsprechend offensiv, klar und verständlich zu kommunizieren und zu vermarkten. Selbstverständlich ist eine groß angelegte und wirkungsvolle PR nicht zuletzt eine Kostenfrage. Aber sie ist auch eine Frage der Ideen und Kreativität. Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass Spiele weiterhin nur für die Nische produziert werden. Ein Deus Ex ist gameplaytechnisch zu anspruchsvoll für den ungeübten Mainstream, Gone Home inhaltlich zu ungewöhnlich und Journey wohl spirituell zu abgehoben, um noch einmal auf die genannten Spiele zurückzukommen. Möglicherweise ist es der Industrie einfach noch nicht gelungen, das Leben so kreativ und eingängig zugleich in einem Spiel abzubilden, dass es mehr als den immer gleichen Kreis an Spielern interessiert. Verwunderlich, denn eigentlich sollte gerade ein interaktives Medium diesem Anspruch gerecht werden können. Und so lange muss man halt auf Publisher- und Entwicklerseite mit einem bestimmten Blick auf die Kasse schauen und greift dann für den ganz großen Profit zu den bewährten Mitteln, die da heißen Gewalt, eine Prise Macho-Sex und ein Gameplay, dass niemanden wirklich herausfordert. In diesem Sinne leistet der GTA V Hype – wie gesagt unabhängig davon, wie gut oder schlecht GTA V als Spiel ist – dem Medium mal wieder einen Bärendienst. Es wirkt so, als würde die Spielewelt stagnieren. Aber genau das tut sie nicht, eigentlich.