Wie der Shooter von der Stange gerne mit dem obligatorischen Hubschrauber-Absturz beginnt, startet das (Indie-)Mystery-Survival-Adventure von Format des öfteren mit dem einsamen Erwachen des Anti-Helden an einem Strand (oder Schloss oder Wald) – inklusive Gedächtnisverlust und diversen körperlichen Gebrechen. Ja, ich schaue euch an, liebes Amnesia, Enola, Fibrillation, Dear Esther, Miasmata und Co. Montague´s Mount, dass leider fernab der Aufmerksamkeit vieler Spieler still und heimlich erschienen ist, reiht sich nahtlos in diese Tradition ein, setzt aber bei der Präsentation, Story und Atmosphäre eigene Duftmarken. Das Beinahe-Ein-Mann-Projekt von Matt Clifton schultert künstlerische Brillanz mit Leichtigkeit, lässt aber leider spürbar Federn bei der Technik und ärgerlicher Weise auch bei der Story. Trotz einer gewissen Verärgerung spoilere ich nicht, zeige aber unerzogener Weise mit dem nackten Finger exakt auf das so genannte Ende.

Aber genug davon, denn Montague´s Mount schafft weitaus größere und mächtigere Emotionen als den Ärger, der zwischenzeitlich immer mal wieder auftritt – etwa weil das Spiel öfters abstürzt, man plötzlich von einer Sekunde auf die andere an einen unbekannten Ort teleportiert wird, das mangelhafte Speichersystem einen in den Wahnsinn treibt oder plötzlich nach dem Ladebildschirm das Inventar gänzlich entleert wurde. Wie man sieht, gibt es einige Beschwerden, die durch die grandiose Optik, den intensiven Sound und die sehr erwachsene Geschichte mehr als kompensiert werden. Das muss man erst einmal schaffen. Visuell zwischen Dear Esther und I am Alive angesiedelt, sorgt Montague´s Mount von der ersten Sekunde an durch das reduzierte Blickfeld, der (wörtlich zu nehmenden) düsteren Spielwelt und einem Sprecher (im Original), der offensichtlich auf den Brettern dieser Welt sehr erfahren ist, für eine ganz eigene, beklemmende Atmosphäre. Und das auf durchgehend hohem Niveau. Auf billige Schockeffekte und frontale Gewalt wird verzichtet, dafür das Adrenalin durch subtilen Grusel und konstantes, diffuses Unbehagen auf einem hohen Level gehalten.

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Eine Spielwelt wie ein Gemälde. Künstlerisch und atmosphärisch bietet Montague´s Mount eine besondere Spielerfahrung, die über manchen Mangel hinwegsehen lässt. Mich zumindest.

Wie oben angedeutet, erwachen wir also einsam und ziemlich gebeutelt am Strand und alles spricht dafür, dass wir Schiffbrüchige sind. Wobei sich schon hier in den ersten Minuten die leise Ahnung breit macht, dass die Geschichte nicht wörtlich genommen werden sollte, sondern wir uns auf sehr abstraktem und metaphorischem Terrain bewegen. Ich mag das. Der erste Gedanke („Ist Montague´s Mount etwa das inoffizielle Dear Esther 2?“) ist erst einmal kaum von der Hand zu weisen, bevor das Spiel einen anderen Weg einschlägt, den Myst-Pfad, wenn man so will.

Montague´s Mount: Dear Esther mit echtem Gameplay

Eigentlich sind die Rätsel nicht schwierig. Wer mit der englischen Sprache nicht auf Kriegsfuß steht, wird selten Probleme haben. Aber: Aufmerksamkeit ist gefragt und neben einem offenen Geist ist das Adlerauge eine der Anforderungen, die uns Montague´s Mount stellt. Adventure-Freunde sind hier sicherlich klar im Vorteil; bei mir persönlich schlägt es zwischenzeitlich sozusagen auf die Immersion, wenn ich mehr mit der nervigen Sucherei in Trümmern nach irgendwelchen Gegenständen beschäftigt bin, um Rad A 30 Grad nach links bewegen zu können, damit sich Tor B öffnet, als die Spielwelt genießen zu können (deswegen verehre ich ja Dear Esther, da hält mich das nicht vorhandene Gameplay nicht vom Nicht-Spielen ab). Dazu kommt die schon erwähnte düstere Spielwelt, die das Auffinden von Gegenständen (unnötig) erschwert. Nebenbei bemerkt: Wer Lust hat, sich genau diese Schwierigkeiten anzuschauen (Achtung, Spoiler!), schaut sich mal diesen „Walkthrough“ von Montague´s Mount an, der noch vor Ende des Prologs abgebrochen wird. Ich bin gespannt, ob der Herr Let´s Play noch weiter macht oder frustriert die Webcam aus dem Fenster geworfen hat.

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Klassische Rätsel machen in Montague´s Mount einen Großteil des Gameplays aus. Wer aufmerksam spielt, hat wenig Probleme, wer nur in der Spielwelt lässig umher schlendert, beißt sich daran die Zähne aus.

Ob Montague´s Mount gefällt oder nicht, ist weitaus mehr als bei anderen Spielen eine Frage der Perspektive. Es ist ein Experiment, auf vielerlei Art verspielt (das sehr irische Setting etwa), dabei aber auch schwer zu verdauen und keine leichte Kost. Reisen in die Psyche eines Menschen macht man nun mal nicht mit dem Luxusdampfer in Vollpension, sondern hat hier das bittere Glück – wenn man sich darauf einlassen mag – in einem interaktiven Medium intensive Erfahrungen machen zu dürfen. Bei Montague´s Mount trifft künstlerische und literarische Ambition auf ein ernsthaftes Gameplay, dass sicherlich keine Innovationspreise gewinnen wird, aber der verlockenden, „simpleren“ und reinen Erzählweise etwa von Dear Esther widerstehen kann. Ja, mein Gott, dann rauft man sich halt die Haare zwischenzeitlich aufgrund der Bugs hier und da, aber letztlich ist es doch bei anspruchsvollen Spielen genau wie im Kino: Lässt einen das gesehene (und gespielte) nach dem Abspann einfach nicht los und sucht sich seine Gehirnwindungen, um dort weiter zu wirken, hat man seine Zeit sehr sinnvoll und sinnstiftend investiert.

Montague´s Mount ist derzeit bei GOG für rund 7,30 Euro und bei Get Games für 7,19 (inkl. späteren Steam Key) als Download für Windows und Mac erhältlich.