Eigentlich kann Telltale Games, Entwickler der Spieleserie The Walking Dead, mit dem Nachfolger The Wolf Among Us nur verlieren. Nach einem Meisterwerk erscheint selten direkt anschließend das nächste, wie uns der Blick in jedes beliebige Kulturgenre verrät. Und da sich das Grundkonzept von The Wolf Among Us bestenfalls in Nuancen von The Walking Dead unterscheidet, liegt es nahe, mit dem Finger auf den neuen Wein in alten Schläuchen zu zeigen. Es ist ja (wieder) so: Eine beliebte Erwachsenencomic-Serie wird adaptiert und endet als leidlich spielbares Adventure mit Pseudo-Entscheidungsfreiheit im Serienformat. Wo bei The Walking Dead die faszinierende Spielwelt, hervorragend erzählte Geschichten, große Emotionen und sorgfältig ausgearbeitete Charaktere für ein großes Erlebnis sorgten, muss sich The Wolf Among Us noch seinen eigenen Platz im Telltale Games-Universum finden. Das offensichtliche Gameplay-Leck und die recht angeklatscht wirkende Entscheidungen übertünchen noch ein wenig den interessanten Noir-Style und die eigentümliche Fables-Welt, in der wir uns befinden.

Kurz noch vorausgeschickt: Die Fables-Comics sagen mir gar nichts, weswegen ich mich beim Thema Werktreue vornehm heraushalte. Es dauerte bis ungefähr zur Hälfte der ersten Episode von The Wolf Among Us, bis ich mich zurechtfand und die spezielle Fables-Welt und ihre Geschichte im Spiel so nahm, wie sie ist. Mit im wahrsten Sinne des Wortes doppelbödigen Charakteren, einem sprechenden Wunderspiegel, einem fliegenden Affen, dem zentralen Thema des unauffälligen Anders-Seins inmitten der Gesellschaft und einem konventionellen Krimi-Storytelling mitsamt einem (noch unbekannten) Serien-Mörder. Das alles erleben wir in Person von Bigby Wolf, dem Sheriff von Fabletown, der geheimen New Yorker Enklave der Märchenwesen. Wobei er interessant spielbar ist: Ähnlich wie in The Walking Dead entscheiden wir in den Dialogen weniger über den Fortgang der Story als über den Stil, mit dem wir die Geschichte spielen. Bigby lässt sich als ziemlichen Arsch spielen und ich muss zugeben, genau dieser Verlockung gerade zu Beginn nicht widerstanden haben zu können. Aber natürlich finden wir unter der harten Schale recht schnell den weichen Kern. Trotzdem: Der Mann ist (auch) ein Wolf und als Ausgangslage für ein Spiel kann The Wolf Among Us durchaus punkten – für sich allein gesehen, aber gerade auch, weil die Fables-Welt so gar nichts mit The Walking Dead zu tun hat.

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Der Held von trauriger Gestalt. Bigby umweht in The Wolf Among Us eine leichte melancholische Aura, zumindest wenn er nicht den Wolf heraushängen lässt.

Natürlich glänzt Telltale Games in The Wolf Among Us mit interessanten Charakteren, wobei die Fables-Welt gute Vorlagen am Fließband liefert. Hier ist es eher die Kunst, die sprechenden Schweinswesen, Frösche und den fliegenden Affen nicht der Lächerlichkeit preiszugeben, sondern als erwachsene Charaktere stimmig in ein ernstzunehmendes Spiel zu integrieren. Das ist dem Entwickler hervorragend gelungen, ebenso wie der Noir-Style, der minimalistische Sound und die mysteriöse Grundstimmung. Aber: Mit diesen Zutaten lässt sich eine fantastische Graphic Novel produzieren, aber noch längst kein gutes Spiel.

The Wolf Among Us: Mitspielen dürfen wir auch

Und genau da setzt die Kritik an: Neben klassisch-konservativen und vom Anspruch her erschreckend simplen Pseudo-Adventure-Point & Click-Gameplay haben wir wenig zu spielen. Die Quicktime-Events wirkten recht hektisch und lieblos. Es ist schwierig, irgendwo in The Wolf Among Us einen gravierenden Fehler zu begehen, was auf Dauer arg unterfordernd ist. Und wenn ich es korrekt einschätze (nach einem zweiten Durchgang weiß ich mehr), gibt es wohl nur zwei oder drei konkrete Situationen, bei denen wir (temporär) über den Fortgang der Geschichte entscheiden – wenn auch dies wohl nur eher Nuancen sind, denn so oder so dürften wir bei dem immer gleichen (hervorragend gelungenen) Cliffhanger enden.

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Einer der großen Momente in der ersten Episode von The Wolf Among Us hat weniger mit Spielen als mit Erleben zu tun.

Auf der Suche nach dem Mörder oder der Mörderin von Faith wird Bigby von Snow unterstützt, die in der New Yorker Stadtverwaltung arbeitet und leidlich versucht, die Fables aus dem System heraus zu unterstützen. Auf mich wirkte sie wie eine erwachsene Clementine, aber gut, das ist nur mein Eindruck. Sie hat ihre Geschichte mit Bigby und die zarte Bande reißt Telltale Games herzerwärmend, gefühlvoll und dabei nie kitschig an.

Abseits des Gameplays spielt The Wolf Among Us seine Qualitäten aus

Der Einbruch der Gewalt, schon ganz zu Beginn und pointiert im weiteren Verlauf eingesetzt, wirkt wie ein Schlag ins Gesicht des Spielers. The Wolf Among Us ist zwischenzeitlich ein brutales Spiel, gerade wenn man es im Adventure-Genre einordnet. Trotzdem schafft es Telltale Games nicht den Eindruck zu erwecken, mit billigen Effekten ein Spiel spannender und aufregender zu machen als es ist. Konträr dazu überzeugen erst recht die ruhigen Momente, gerade die tragischen. Die Szene in der Wohnung von Prince Lawrence ging mir ans Herz; hier wurde ein eindrucksvoller Mix aus Gewalt und großer Liebe erschaffen, der sicherlich zu den besten Momenten des Spiels gehört.

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Auf dem Weg zum Cliffhanger. Bigby ahnt Böses.

Es ist auffällig, dass in The Wolf Among Us die besten Momente die unspielbaren sind, während es in The Walking Dead die moralisch knallharten Entscheidungen waren, bei denen es nur Verlierer gab. Mir gefällt der The Walking Dead-Weg besser, denn schließlich bewegen wir uns im Spiele- und nicht im Graphic Novel-Genre. Man darf gespannt sein, ob Telltale Games dieser passiven und tendenziell unbefriedigenden Gameplay-Minimierung treu bleibt. Über fünf Episoden hinweg könnte diese Konzeption ansonsten ermüdend wirken und auch manches handwerkliche Problem, wie einige nur vordergründig  relevante Entscheidungen ohne Storytiefe, einen noch faderen Beigeschmack erhalten.

Achtung, SPOILERALARM! Hier nun meine Entscheidungen aus der Episode 1 von The Wolf Among Us im Vergleich zur Community (Stand: 14.10.12).

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Einer der raren Momente zu Beginn „meines“ The Wolf Among Us-Spiels, bei denen Bigby freundlich war: Faith erhält mein Geld. Beast lernt dafür Bigbys rotzige Seite kennen. Bei der „Befragungs-Entscheidung“ wählte ich Toad – weil er mir im Unterschied zu Prince Lawrence schon bekannt war und ich daher eher daran interessiert war ihm zu helfen als einen Unbekannten zu befragen.

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Der Woodsman wäre zu einfach, ich habe die schrägen Zwillinge als Hauptverdächtige gewählt, auch wenn ich stark an ihrer Schuld zweifele. Mein Verdacht: Der wahre Täter stand noch gar nicht zur Wahl.

the wolf among us 3Und folgerichtig habe ich dann Dee eingebuchtet. Mein Gefühl sagte mir, dass der Woodsman noch nützlich sein könnte.