Zombies! Schon wieder! In einem Spiel, angelehnt an eine Fernsehserie, die auf einem Comic basiert! Um Gottes Willen, ein Lizenzspiel! Lediglich als Download erhältlich! Und auch nur als Serie! Horror! Ja, und zwar vom Feinsten! Denn was Telltale Games mit dem ersten Teil der Spielserie gelang, ist eine der großen Überraschungen in einem sonst an Höhepunkten armen Spielefrühling (zur Review der zweiten Episode geht es hier).

Ist es überhaupt ein Spiel? Hier mögen sich die Geister scheiden. Als Quasi-Adventure, wie es angekündigt wurde, geht The Walking Dead nicht durch, dazu wird der Gamer viel zu aktiv in das Spiel gesogen und muss – wenn auch meist nur durch Quick-Time-Events – in das Geschehen eingreifen. Und für ein reinrassiges Action-Adventure gibt es dann auch schon wieder zu viel Point & Click-Elemente sowie zu viele und zu lange Dialoge. Sehen wir es als interaktiven Film, der lose an die TV-Serie und den Comic angelehnt wurde, aber sehr deutlich den Geist der Vorlage atmet. Als mutmaßlicher Verbrecher Lee entkommen wir der Polizei, treffen auf die kleine bezaubernde und hervorragend entworfene Clementine, mit der wir fortan versuchen, uns und unsere Wegbegleiter zu retten. Wo sich die TV-Serie öfters in der Visualisierung zurücknimmt, entschied sich Telltale Games dazu, dem Spiel einen Cell Shading-Look zu verpassen – der dem Spiel besser steht als gedacht. The Walking Dead atmet Atmosphäre und unterhält brillant mit einer guten Story, recht ausgefeilten Charakteren und dem unverbrauchten Genre-Mix.

Natürlich nur, wenn man sich auf das Spiel einlässt und der stetige Wechsel zwischen kurzen Action-Sequenzen, kleinen Schockern, Rätseln und vor allem langen Dialogen den Geschmack trifft. Das Kernteam, bestehend aus Lee und dem kleinen Mädchen Clementine, rührt in seinem harmonischen und nie kitschigen Zusammenspiel manchmal ebenso zu Herzen, wie manches QTE den Puls ansteigen lässt. Höhepunkte sind die Momente, in denen der Gamer Entscheidungsfreiheit genießt. Auch wenn diese in manchen Dialogen mehr simuliert als ernst zu nehmen sind, gibt es vor allem zwei Szenen, die noch lange in Erinnerung bleiben. Und zwar die Konflikte auf Hershels Farm und in der Drogerie.

In beiden Fällen müssen wir uns entscheiden. Und zwar zwischen jeweils zwei Charakteren, denn wir können nur einen retten. Und da die Autoren uns alle Personen durchaus als Persönlichkeiten präsentierten, fällt die Wahl nicht leicht. Vor allem, weil die Uhr tickt. Das Gefühl der Protagonisten im Spiel, hilfslos und brutal zwischen zwei schlechten Möglichkeiten zu entscheiden, wird hier eins zu eins auf den Gamer transportiert. Und zwar derart intensiv, dass ich gespannt bin, wovon ich heute Nacht träume. Es sind diese kurzen Momente im Spiel, die The Walking Dead ganz nah an Heavy Rain heranrücken lassen.

Gameplaytechnisch mag sich der eine oder andere Spieler unterfordert fühlen. Auch die Rätsel sind nicht besonders knifflig. Leider ist es in manchen Passagen cleverer, einfach dem linearen Weg zu folgen, als sich zu viele Gedanken zu machen. Begreift man The Walking Dead jedoch als interaktiven Film, verliert dieser Aspekt an Gewicht. Ebenso wie die kleinen Audio-Probleme und Ruckler in der PC-Version.

Dafür hält die Story locker mit der Serie mit und weiß in manchen Momenten, wie zum Beispiel in der Motelszene, auch zu durchaus zu schocken. Wer sich Zeit nimmt und den Dialogen aufmerksam folgt, fiebert nicht nur mit Lee und seiner tragischen Geschichte mit, sondern auch mit den Leiden der Charaktere, die nur kurz im Spiel auftauchen. Auch hier ist der Abschnitt im Motel – und dabei besonders der Abschluss – positiv hervorzuheben. Und sogar mit dem Cliffhanger machte Telltale Games alles richtig. Einerseits finden sie einen sauberen Abschluss für die Geschichte des ersten Teils und machen gleichzeitig mit einem kleinen Ausflug in Teil 2 Lust auf mehr.

Ob Telltale Games das hohe Niveau des ersten Teils halten kann? Das werden wir nach Abschluss der Serie im August wissen. Dieser interessante und spannende Mix, der irgendwo zwischen Heavy Rain und einem hervorragend inszenierten Adventure einzuordnen ist, verdient die weitere Aufmerksamkeit. Selten gefielen mir die Charaktere in einem Spiel so gut wie hier – und das inmitten eines Zombiespiels, das mit einem sympathischen aber doch leicht zwielichtigen Hauptcharakter sowie mit dem kleinen Mädchen Clementine als Duo mit Leichtigkeit in die Kitschfalle geraten könnte. Das dies nicht passiert, verdanken wir den hervorragenden Autoren. Leichte Abzüge gibt es leider auch. Mit der Technik hapert es noch, der erste Patch vermindert zumindest die Audioprobleme. Apropos Audio: Wer auf die deutsche Sprache nicht verzichten mag, sollte einen Bogen um das Spiel machen. Meiner Meinung nach funktioniert es aber prächtig im Originalton und mit zugeschaltetem Untertitel. Letzter Minuspunkt: Die Spielzeit von rund drei Stunden ist nicht berauschend, auch wenn wir The Walking Dead nicht auf diesen ersten Teil beschränken dürfen. Trotzdem hätte es gern mehr sein dürfen – was wiederum für dieses hervorragende Game spricht.

Hier geht es zur Review der zweiten Episode von The Walking Dead

Hier geht es zur Review der dritten Episode von The Walking Dead

Hier geht es zur Review der vierten Episode von The Walking Dead

Hier geht es zur Review der fünften Episode von The Walking Dead