Schluss, Aus, Vorbei, denn mit der letzten Episode der ersten Staffel von The Walking Dead endete das spannendste Spieleprojekt dieses Jahres. Auch wenn ich versuche nichts vorwegzunehmen, muss ich natürlich trotzdem eine SPOILERWARNUNG aussprechen. Es bleibt nicht aus, dass einiges aus dem The Walking Dead-Finale in und zwischen den Zeilen herauströpfelt. Wobei unspoilerhaft festgestellt werden kann: Eine konventionelle Review zur fünften Episode namens No time left macht kaum Sinn, weil sich im Gameplay und der Mechanik des Spiels nichts mehr geändert hat. Die letzte Folge verdichtet „nur“ alles, was The Walking Dead auszeichnet. Die Story und natürlich die Beziehung zwischen Lee und der kleinen Clementine.

Hier geht es zur Review von The Walking Dead: 400 Days

Abgesehen von einem extrem ärgerlichen Bug in der Steam-Version, der mir tatsächlich alle bisherigen Spielstände löschte (!) und leider das The Walking Dead-Erlebnis kurzzeitig schmälerte (denn meine vorherigen Entscheidungen wurden damit überfällig), konnte der Abschluss der Staffel alle meine Erwartungen übertreffen. Die Sorge, dass Telltale Games die Geschichte am Ende noch verbrezelt, ist aus heutiger Sicht geradezu lächerlich. The Walking Dead blieb sich treu, die Autoren folgten dem Pfad und ließen einer großartigen Geschichte mit viel Herz, die in einer beschissenen Welt spielt, in der alles nur noch beschissener wird, ihren Lauf. Wer nah am Wasser gebaut ist, darf sich richtig ausheulen und wen die Geschichte um Lee und Clementine bisher schon nicht berührte…bitte schön, dem ist eh nicht mehr zu helfen. Letztlich spielen wir eine Coming out of Age-Story der ganz brachialen Sorte über ein Mädchen, dass in einer fürchterlichen Welt aufwachsen muss, in der die pure Lebensfreude leider keinen Platz mehr hat. In der Menschen gegen Menschen und gegen Zombies kämpfen, sich vertrauen, verraten und töten müssen. In den fünf Episoden von The Walking Dead erleben wir das Ende einer Kindheit und mit Clementine ein unschuldiges Wesen, dass für mich eine der wundervollsten Charaktere ist, die Spieleautoren bisher kreierten.

Verblüffend an The Walking Dead ist (unter anderem!) das perfekte Zusammenspiel einer herausragenden Geschichte mit den Entscheidungen und sichtbaren Einflussmöglichkeiten des Spielers. Und mit Entscheidungen meine ich harte, brutale Entscheidungen, die niemand treffen möchte. Und so, wie die Menschlichkeit der Charaktere im Spiel mehrmals auf das brutalste auf die Probe gestellt wird, kommt man als Spieler nicht umhin, selbst seine eigenen Werte in Frage zu stellen. Wer aus The Walking Dead nichts mit ins normale Leben nimmt und etwas über sich lernt, saß schon sehr stoisch vor dem Bildschirm. Da ist es dann auch nicht weiter tragisch, dass die Freiheit des Spielers nicht ganz so weit geht wie simuliert wird und viele Dialoge und Entscheidungen eher atmosphärisch denn für die Story relevant sind.

Goodbye, Clementine!

Überhaupt die Atmosphäre! Wie wundervoll und schrecklich zugleich doch dieses The Walking Dead-Universum ist. Wie unbarmherzig das Gefühl, dass alles nur noch schlimmer wird, von Folge zu Folge eindringlicher auf die Spitze getrieben wurde. Oder rechnete jemand mit einem Happy End? Erzählerisch spielt The Walking Dead nun mal in der allerobersten Liga, was auch daran liegt, dass Telltale Games so mutig war, neben den harten Entscheidungen und Schockeffekten viele ruhige, emotionale Gespräche und Bilder einzubauen. Ob Kenny, Duck oder Lily – auch die meisten Nebencharaktere erhielten ihren Raum und wurden sehr respektvoll behandelt. Und daher wurde es so hart und eindringlich, wenn wieder ein liebgewordener Mensch aus The Walking Dead gehen musste.

Was so lebendig und eindrucksvoll wirkt, kann eigentlich kaum nur ein Spiel sein. Ist es auch nicht. The Walking Dead als Serie zu entwerfen, war aus vielerlei Gründen ein grandiose und stimmige Entscheidung. Es wurden Spannungsbögen und Charakterentwicklungen umgesetzt, die ansonsten in dieser Tiefe heutzutage nur in der Literatur oder den hochwertigen TV-Serien á la Mad Men, Boardwalk Empire oder natürlich auch The Walking Dead zu beobachten sind. Ein Spiel, dass den Gamer über viele Monate berührt, bietet eine hervorragende Fläche zur Identifikation mit den Hauptcharakteren wie hier Lee und Clementine – nur muss man solch eine Vorlage auch erst einmal verwandeln. In dieser Hinsicht machte Telltale Games ein Fallrückzieher-Tor von der Mittellinie in den Winkel, um unpassender Weise die Fußball-Sprache zu bemühen.

Und was bleibt? The Walking Dead mag ja nicht Telltale Games erster Versuch einer Spielserie sein – aber es ist ein wohl auf lange Zeit unerreichbarer Monolith im Games-Universum wie es auch DayZ auf seine eigene Art und Weise ist. Spiele, die einer Kulturgattung etwas substanziell Neues hinzufügen und ein eigenes Genre begründen. Schön, dass es so etwas noch gibt! Und wie wird es wohl weitergehen mit The Walking Dead? Ich hoffe, die Qualität wird in der zweiten Staffel nicht dem Goldesel geopfert und die Qualität hochgehalten. Schön wäre es, wenn die Geschichte von Clementine weiter erzählt werden würde. Aber bis dahin wir mir die Kleine fehlen. Hoffentlich hält sie sich fern von den Städten, bleibt in Bewegung und vergisst nicht was, was Lee ihr mit auf den Weg gab.

Hier geht es zur Review der ersten Episode von The Walking Dead

Hier geht es zur Review der zweiten Episode von The Walking Dead

Hier geht es zur Review der dritten Episode von The Walking Dead

Hier geht es zur Review der vierten Episode von The Walking Dead