Mit The Walking Dead 400 Days wagt Telltale Games ein interessantes Experiment, welches mächtig hätte schief gehen können, dann aber auf ganz andere Art und Weise als erwartet überzeugt. In nur knapp 90 Minuten Spielzeit präsentiert uns Telltale Games fünfeinhalb hervorragend erzählte Episoden mit sechs grundverschiedenen, herausragend gezeichneten Charakteren und setzt damit weniger auf die emotionale Bindungen zu den Protagonisten, sondern beleuchtet ein Meta-Thema aus unterschiedlichen Perspektiven (Spoilerwarnung!). Anstelle mit Lee und Clementine zu leiden und mitzufiebern, steht in The Walking Dead 400 Days die Frage nach der Menschlichkeit und dem Verlust eines Grundvertrauens in seine Mitmenschen im Vordergrund. Daran arbeitet sich Telltale in allerbestem Sinne ab, schafft dabei eine dichte Atmosphäre und berührt Hirn und Herz. Dass das Gameplay kaum gewinnbringend weiterentwickelt wurde und auch die kniffligen moralischen Entscheidungen nicht ganz so zünden wie in der ersten Staffel, nehme ich Telltale Games zwar nicht übel, hoffe aber auf die eine oder andere Innovation in Staffel 2.

Hier geht es zur Review der aktuellen Episode A House Divided (Staffel 2, Episode 2), in der auch Bonnie mit von der Partie ist!

The Walking Dead 400 Days

Nach den spielbaren Charakteren Vince, Wyatt, Shel, Russel und Bonnie wurden die fünf Hauptepisoden in The Walking Dead 400 Days betitelt, die in beliebiger Reihenfolge gespielt werden können. Mit Becca und Tavia gesellen sich zwei Protagonisten dazu, die noch wichtig werden dürften.

In meinem Spiel [aufgrund der (relativen) Entscheidungsfreiheit innerhalb der Episoden sowie der wählbaren Reihenfolge darf doch personalisiert werden, oder?] begann ich mit Wyatt. Gewisse Parallelen zum Prolog der ersten Episode der ersten Staffel sind nicht von der Hand zu weisen – Dialog im Auto, kleiner Unfall – aber für meine Episodenauswahl kann The Walking Dead 400 Days nichts und außerdem entwickelt sich die Story eh in eine andere Richtung. Denn es stellt sich die Frage, inwiefern es nach einem Unfall nötig ist nachzuschauen, ob man gerade einen Walker oder Menschen angefahren hat und letzterer möglicherweise Hilfe benötigt. Dass sich Wyatt mitsamt dem Fahrer Eddie gerade auf der Flucht vor einem mysteriösen Pick-Ups befindet, es draußen neblig ist und genügend Walker ihr Unwesen treiben, verschärft das moralische Dilemma noch. Letztlich endet es bei mir damit, dass Wyatt Eddie zurücklassen musste (wobei ich mich ein wenig vom Spiel übertölpelt fühle, denn so war das nicht geplant…) und sich dabei offenbar ein mächtiges Trauma einfängt. Wyatt verfügt zwar noch über Moral und Anstand, ist aber nicht besonders mutig. Eddie vertraute Wyatt und hat nun den Salat.

Irgendjemand muss immer in The Walking Dead 400 Days zurückgelassen werden

Die Geschichte von Vince ist vergleichsweise schlicht, auch wenn sie sehr dialoglastig beginnt. Obwohl: Warum sollte nicht ellenlang über die Wall Street in einem Gefängnistransporter diskutiert werden? Es wird auch ein wenig gestritten, wobei Vince als Schlichter nicht sonderlich erfolgreich ist. Für den Bruch in dieser Geschichte sorgen die Walker und stellen uns bzw. Vince die Frage, wie weit wir gehen wollen, um unsere Haut zu retten. Unsere beiden Mitgefangenen vertrauen uns, aber wir können nicht beide retten. Hier geht es dann schon nicht mehr um einen Vertrauensbruch, sondern um eine Entscheidung, wen wir zum Tode verurteilen. Gäbe es nicht die Passage auf der Farm in der ersten Episode mit einem ähnlichen Konflikt, würde das moralische Dilemma tiefer treffen – aber an dieser Stelle fühle ich ein wenig The Walking Dead-Business as usual, was zeigt, dass nicht nur die Charaktere im The Walking Dead-Universum abstumpfen, sondern auch der Spieler (bzw. ich in diesem Fall).

The Walking Dead 400 Days 1

Da staunen Vince & Co, als der Walker angreift. Übrigens, diesen Transporter kann nicht jeder Insasse lebendig verlassen, dafür sorgt das Script.

Die Geschichte von Shel gefiel mir aus mehreren Gründen besonders gut: Zum einen ist es die reflektierteste und emotionalste Episode, die im Nebensatz sogar Bezug zur weiteren Entwicklung nach Ende der ersten Staffel nimmt (Vernon!). Waren die Stories von Wyatt und Vince noch eher spannenden Szenen, gibt es nun einen Handlungsbogen, der eng mit den Konsequenzen moralischen Handelns verknüpft ist und zeigt, dass „Gut-Sein“ leider oftmals mit „Naiv-Sein“ gleichgesetzt werden kann. Nur wo die Merkmale liegen, das eine vom anderen zu unterscheiden, zeigt uns The Walking Dead 400 Days nicht, sondern lässt es uns selbst erfahren durch unsere Handlungen und Argumentationen. Zudem betritt mit Becca – der Schwester von Shel – wieder ein Mädchen die Bühne, bei der Übertragungseffekte von „unserer“ Clementine erst provoziert und dann pulverisiert werden.

„This is who we are now“ (Shel)

Ausgehend von dem Blick auf ein gerade von einem angeketteten Walker ausgeweideten Hundewelpen, erinnert sich Shel an menschliche Beschützerinstinkte und verloren gegangenes Mitgefühl, als die Entscheidung ansteht, einen verletzten ausländischen Eindringling entweder zu verschonen oder gehen zu lassen. Völlig vom Welpen manipuliert und die martialisch-argumentierende Becca ignorierend, setzt sich „meine“ Shel – dem Kontext dieser Episode entsprechend – für das Mitgefühl ein mit der Konsequenz, dass zwanzig Tage später die Gruppe im zum Camp umfunktionierten Diner angegriffen und dezimiert wurde. Hier war also das Vertrauen in einen unbekannten Mitmenschen naiv und gefährlich. Wobei – und dadurch gewinnt The Walking Dead seit jeher seine Kraft – hätte sich die „gute“ Entscheidung auch als „gut“ herausstellen können. So, wie die Gleichung in der früheren Welt noch öfters aufging und ich ertappte mich an dieser Stelle mal wieder dabei, immer noch nicht ganz kapiert zu haben, dass die Welt in The Walking Dead am Arsch ist, in jeder Beziehung. Becca scheint das dagegen begriffen zu haben.

The Walking Dead 400 Days 2

So unschuldig, wie Becca in dieser Szene Gitarre spielt, ist sie nicht. Sie wächst in einer Scheißwelt auf und verhält sich dementsprechend.

Shel dagegen nicht, weswegen ich stark mit ihr sympathisiere, aber auch am schlechten Gewissen knabbere, da „meine“ Shel immerhin mitverantwortlich für den Tod des lieben Opas war, der sich mit ihr zusammen für den Eindringling einsetzte. Hier arbeitet The Walking Dead 400 Days böse in meinem Hirn und Herzen und leider Gottes muss ich gestehen – und diese Entscheidung bereue ich – dass sich meine Shel aus diesem schlechten Gewissen heraus nicht nur von der militärischen Grundstimmung im Diner, sondern auch von Beccas knallharter und nur bedingt menschenfreundlicher Argumentation anstecken ließ und das mit bewiesener Fluchtabsicht festgesetzte Campmitglied Stephanie um die Ecke brachte, anstatt sich einfach aus diesem Moralmoloch zu entfernen. Diese Möglichkeit gibt uns das Spiel nämlich.

Die verkappte Lovestory in The Walking Dead 400 Days

Mit Bonnie spielen wir anschließend einen Ex-Junkie, die eine zärtliche Bande zu Leland schlägt, der wiederum mit dem eher an einen Hausdrachen erinnernde Dee gebunden ist. Mein Gefühl sagt mir, dass diese Episode ihr Potenzial erst richtig in der zweiten Staffel zeigt, denn noch wissen wir nicht, warum wer Bonnie, Leland und Dee im Kornfeld jagt und was sich im mysteriösen Rucksack befindet, den Dee fand. Mich würde es nicht wundern, wenn sich die Hetzjagd als Missverständnis entpuppt, aber hier müssen wir uns erst einmal mit einem Unfall herumplagen, den Dee nicht überlebt und uns vor die Frage stellt, wie viel Vertrauen die Vertraute eines vertrauensseligen Menschen investieren solle, wenn sie dessen Frau gerade ermordete. Knifflig, nicht wahr? Ich entschied mich für die Wahrheit und ob das jetzt richtig und gut war, erfahren wir nicht, sorgt aber später an anderer Stelle dafür, dass sich Bonnie vertrauensselig auf die Seite der ominösen Tavia und ihrer seltsamen Versprechen schlägt.

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Gruppenbild mit Dame. Wir wissen nicht, wie unsere Charaktere überhaupt zusammenfanden und schon gar nicht, was Tavia im Schilde führt, aber vertrauen würde ich ihr wohl eher nicht, nach den Geschehnissen von The Walking Dead 400 Days.

Die Russell-Episode ist ein kleiner, actiongeladener Roadmovie, wobei der Protagonist aussieht wie der jüngere Bruder von Omid aus der ersten Staffel. Zudem scheint Nate, der prollig-durchgeknallte Pick up-Fahrer, nicht ganz ohne Grund in Bezug zur Wyatt-Episode zu stehen. Die Frage, ob man in Nate´s Auto steigt, würde sich in der normalen Welt kaum stellen, aber Russell bleibt kaum eine andere Wahl und als er sie im Diner nach der Actionpassage trifft, ändert das auch nichts daran, dass es Gnade und Menschlichkeit in dieser Welt nur noch als Spurenelemente gibt. Und mit dieser Einsicht geht es ins letzte Quasikapitel, bei dem alle Hauptdarsteller von The Walking Dead 400 Days plötzlich vereint und friedlich am Feuer sitzen, als sie mit den Heilsversprechen einer gewissen Tavia konfrontiert werden, von der wir wissen, dass sie genau diese Gruppe gesucht hat. Ihre Schilderungen eines sicheren Camps erinnerten mich an die dritte Staffel der TV-Serie und wer weiß, vielleicht gibt es auch in der zweiten Staffel des The Walking Dead-Spiels einen Governor – oder aber doch einen Helden, jemanden, der sich zwar an die neue Welt anpasst, aber dabei doch Mensch blieb. Er wäre der Erste seiner Art in The Walking Dead.

Uff, so ganz tief in den Sessel gedrückt fühlte ich mich nach The Walking Dead 400 Days nicht, aber intelligent unterhalten. Gerade die Shel-Episode wirkte bei mir noch einige Zeit nach und mit ein wenig Abstand gefielen mir auch die verschiedenen Ansätze in dieser vergleichsweise ungewöhnlich erzählte Folge. In Sachen Storytelling kann man Telltale Games nicht vorwerfen, dass sie sich wiederholen – was man aber beim Thema Gameplay nicht gerade behaupten kann. Keine Rätsel, kaum spielerischer Anspruch sowie hakelige Actionpassagen sorgten immer dann für leichten Frust, wenn es überraschender Weise mal darum ging, nicht zwischen verschiedenen Dialogmöglichkeiten auszuwählen. In der Dialog-Disziplin macht eh niemand Telltale Games etwas vor und ich hoffe nur, dass sie sich nicht auf ihren verdienten Lorbeeren ausruhen, sondern das Spiel in Staffel 2 intelligent und auch mit Blick auf das Gameplay weiterentwickeln.

Der Vollständigkeit halber hier meine Entscheidungen in The Walking Dead 400 Days sowie die Auswahl, wer bleibt und wer geht.

The Walking Dead 400 Days 4Kurze Erläuterungen dazu: Danny oder Justin fand ich gleichermaßen unsympathisch, hier habe ich innerhalb kürzester Zeit caesarenhaft die Münze geworfen. Böse, ne? Hätte ich gewusst, dass die Wyatt-Geschichte damit endet, dass Eddie zurückbleibt, wäre ich selbst gegangen. Nate ist ein Arsch, hier wundere ich mich über das Viertel, dass bei ihm blieb. Ebenso verwundert es mich, dass 75 Prozent der Spieler eher Leland anlügen, als zuzugeben, dass der Tod von Dee ein Unfall war. Und die Geschichte mit Stephanie…siehe oben…die bereue ich.

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