Einer der positiven Aspekte des Episoden-Prinzips von The Walking Dead ist die andauernde Vorfreude auf den nächsten Teil, die nur für die wenigen Stunden unterbrochen wird, in denen die aktuelle Folge gespielt wird. Ähnlich wie nach der ersten und zweiten Episode benötigte ich nach Long Road Ahead ein wenig Zeit, um die Geschehnisse und meine Entscheidungen im Spiel zu verdauen, aber dann ging es schon wieder los mit dem bangen Blick auf den Kalender. Obwohl: Dieses Mal kam zu all den Emotionen auch eine neue und tiefere hinzu, die mit einem großem Kompliment an Telltale Games und speziell an die Autoren verbunden ist: Trauer. Das ist wirklich selten, dass es soweit geht in einem fiktiven Werk, aber bei dieser dritten Episode von The Walking Dead war es bei mir soweit. Und trotzdem zähle ich die Tage bis zum Release der vierten Folge. Oder gerade deswegen.

Dem bisherigen Spielprinzip bleibt Long Road Ahead treu und ich gehe davon aus, das Telltale Games der Serie auch in den nächsten Episoden keine gameplayrelevanten Neuerungen spendieren wird. Muss es auch nicht, The Walking Dead ist ein storygetriebenes Spiel und soll es bitte auch bleiben. Wir müssen leidlich komplizierte Rätsel lösen, ein paar QTE meistern, ganz viel reden und vor allem entscheiden. Das mag nicht wirklich spannend klingen für den, der sich bisher nicht an The Walking Dead versuchte. Aber wer er es kennt und liebt, weiß zu schätzen, wofür es gut ist, die an sich lästigen QTE zu lösen, warum man soviel reden muss und noch mehr, wie hart die Entscheidungen zu treffen sind, mit denen uns das Spiel konfrontiert. Schon in Episode 2 haute es mich desöfteren aus den Latschen, aber in der dritten Episode müssen wir uns in zwei ganz verzwickten Situationen (wieder mal) für eine Seite festlegen, obwohl ich weder diese Eskalationen wollte und schon gar nicht diese Konflikte lösen mochte. Es wäre nämlich schöner gewesen, es wäre gar nicht so weit gekommen. Und daraus zieht The Walking Dead seine Kraft. Nie hätte es so weit kommen dürfen, ist es aber, und jetzt müssen wir schauen, wie wir in dieser Anarchie klar kommen und weiterhin unsere schützende Hand über Clementine legen können. Das ist nämlich das Wichtigste in The Walking Dead, zumindest für mich.

Es beginnt unspektakulär. Das betrifft das Setting ebenso wie die ersten Rätsel und Dialoge. Aber dann müssen wir eingreifen. Was nichts Gutes verheißt.

Wer genau drauf achtet, wird feststellen, dass Long Road Ahead in vielerlei Beziehung die bislang düsterste Episode ist. Das fängt schon beim Wetter an, es beginnt bewölkt und es endet bewölkt. Kein Sonnenschein mehr wie auf der Farm in der zweiten Episode und man könnte beinahe daran glauben, dass Petrus da oben schon weiß, wann er das Licht anzuknipsen hat und wann nicht. Aus dieser Perspektive heraus müsste die dritte Episode eigentlich durchgehend bei Nacht spielen. Wobei in der ersten Stunde hier und da Blitze einschlagen würden. Was daran liegt, dass die Spannungen und Aggressionen in unserer Gruppe  zunehmen und unweigerlich auf eine Eskalation zusteuern. Man ahnt, es wird bitter und natürlich kommt es noch schlimmer als befürchtet.

Das liegt nicht zuletzt daran, das Kinder an Bord sind. Besonders wer selbst ein Kind hat, wird manche Passagen in Long Road Ahead kaum ertragen können. Umgekehrt wird ebenso ein Schuh draus: Denn die Beziehung zwischen Lee und Clementine ist die emotionale Mitte und gleichzeitig der Treibstoff in The Walking Dead. Im Gegensatz zu manch anderem eher geschwätzigen Dialog dürften Lee und Clementine von mir aus endlos miteinander sprechen. Mir geht da das Herz auf. Aber auch andere Charaktere wachsen (oder schrumpfen) an den Ereignissen und wurden von den Autoren hervorragend entworfen. Man kann ja Kenny vieles vorwerfen, aber nicht, dass er keine Persönlichkeit hat. Gleiches gilt für Lily. Und dass die äußeren Umstände – es ist halt nicht einfach mit Zombies – annähernd alle Charaktere zu Borderlinern macht, gibt Telltale Games viele Möglichkeiten, die Handlung und Personen kreativ weiterzuentwickeln.

Duck leidet. Katjaa auch, aber stumm.

Und wo liegen die Unterschiede zu den ersten beiden Episoden? Abgesehen von der fortgesetzten Erzählung? Long Road Ahead ist – man ahnt es mit Blick auf den Titel – mehr Roadmovie und nicht so stark auf einen Handlungsort fokussiert wie der zweite Teil. Die erste Folge sehe ich mittlerweile mehr als (unfassbar gutes!) ausgedehntes Tutorial an, denn als komplette Folge. Wie es sich auf Reisen gehört, lernen alle Reisenden sehr viel übereinander. Niemand aus der Ursprungscrew wird noch dem anderen nach dieser Episode etwas vormachen können. Und wer sich bewegt, entwickelt sich. Das sieht man besonders an Clementine, die zusehends reifer wird. Ähnlich wie bei einem Roadmovie wirkt es, als gäbe es auch nach diesem Teil von The Walking Dead nicht das eine absolute Ziel, das zuvor angepeilt wurde. Aber es werden sich dafür neue Türen öffnen.

Und in diese Räume hineinschauen zu können, wird mir eine große Freude sein. Mittlerweile zweifle ich nicht eine Sekunde daran, dass Telltale Games diese wunderbare Serie The Walking Dead nicht im Griff haben könnte. Vielleicht erleben wir eher die Geburtsstunde eines neuen Genres: Der Game-Serie, die wiederum viele neue Möglichkeiten zulässt. Von Science-Fiction über Romance-Comedy bis zum Sozialdrama wäre einiges möglich. Sofern die Kasse bei diesem Modell tatsächlich klingelt. Wer hätte das gedacht, nach dem Jurassic Park vom gleichen Entwickler von den Kritikern wie der Community bitter abgestraft wurde? Und auch Zurück in die Zukunft nicht wirklich einschlug?

Trotzdem: Auch Telltale Games haben noch Hausaufgaben zu machen, das möchte ich bei aller Begeisterung nicht unter den Tisch kehren. The Walking Dead: Long Road Ahead ruckelt. Zumindest die Steam-Version. Obwohl es eigentlich technisch ein veraltetes Spiel ist, das kaum Ressourcen verbrauchen sollte. Auch wenn zumeist nur Zwischensequenzen vom Ruckeln betroffen sind, muss ich gestehen, das mir die vielen ruckelnden Passsagen mittlerweile mächtig auf den Zeiger gehen. Wenn schon ein Episoden-Prinzip gewählt wird, dann sollte mindestens bei Teil 3 die Engine beherrscht werden. Warum das (immer noch nicht!) der Fall ist, bleibt mir ein Rätsel.

Hier geht es zur Review der ersten Episode von The Walking Dead

Hier geht es zur Review der zweiten Episode von The Walking Dead

Hier geht es zur Review der vierten Episode von The Walking Dead

Hier geht es zur Review der fünften Episode von The Walking Dead