Und dann greift das kleine Mädchen zum ersten Mal ins prall gefüllte Medikamentenglas und es fallen plötzlich Rinderlappenartige Fleischstücke vom Himmel, die Wände des Therapiezimmers sind blutverschmiert und anstelle des düster-melancholischen Sounds sorgen wilde Störgeräusche dafür, dass mein Körper auch das allerletzte Tröpfchen Adrenalin aus sich heraus presst.* Himmelherrgott, das Intro, in dem das Trauma aus der Perspektive des Mädchens erzählt wird, ist schon nichts für schwache Nerven, aber diese völlig abrupte Verwandlung des Therapiezimmers in ein Blutbad, das wäre beinahe schon zu viel des Guten gewesen. Auch weil ich gar nicht ahnte, was für ein nervenzerfetzender Ritt dieses erste Alpha-Kapitel von Fran Bow sein würde. Ja, gehört hatte ich davon, mal so nebenbei als ein düsteres und noch in Entwicklung befindliches Point & Click Adventure. Aber das es so intensiv, direkt, gnadenlos und dabei im späteren Verlauf noch so feinfühlig, klug und emotional würde, das war mir nicht klar. Die „Heldin“,  dieses kleine, geschundene und doch so starke Mädchen ist Clementine für die ganz Harten, wenn man es zuspitzen mag. Und wer sich dem nicht gewachsen fühlt, sollte wirklich seine Finger von Fran Bow lassen.

Von der Optik her ähnelt Fran Bow erst kurz an eine schwarze Variante der Wohlfühl-Wimmelbild-Apps von wonderkind (wenn man das heftige Intro erfolgreich überstanden und verdrängt hat), die meine Tochter eine Zeitlang gerne spielte. Als es aber Schinkenstücke und Blut regnete, war es endgültig vorbei mit irgendwelchen sonnigen und kindgerechten Vergleichen. Schon der Dialog zuvor in der Szene zwischen dem Therapeuten und Fran Bow gab ausreichend Hinweise darauf, in was für einer kranken Umgebung dieses kleine Mädchen aufwachsen muss. Ziel ist es, Fran Bow auf dem Weg nach draußen zu begleiten, dabei müssen wir Hinweise und Gegenstände aus der Realität an der Oberfläche (so trifft es im Kontext des Spiels die dargestellte Wirklichkeit vielleicht noch am Besten) mit denen aus der durch Medikamente bewusst herbeizuführenden Halluzinations-Horror-Realität kombinieren. Untersuchen, kombinieren, benutzen; so gesehen ist Fran Bow ein klassisches Point & Click Adventure. Aber sonst nicht.

Fran BowDie Krankenakte von Fran Bow.

Denn draußen – was und wo immer dieser Ort „wirklich“ ist, wartet Mr. Midnight, Fran Bows geliebte Katze, die jedoch in irgendeiner noch heraus zu findenden Beziehung zu dem Dämonen steht, den wir – spoilerfrei formuliert – so nachhaltig aus dem Intro in Erinnerung behalten haben. Wobei Dämon möglicherweise noch untertrieben ist, so ein bisschen was hat er vom Teufel höchstpersönlich.

Fran Bow: Schlüssel aus dem Hier, Nadel aus dem Dort

So, das Ambiente von Fran Bow dürfte ausreichend beschrieben sein. Mit Blick auf das Gameplay gibt es sich überraschend klassisch, mal abgesehen davon, dass wenige der Rätsel nur in einer einzigen Dimension zu lösen sind. Aber im Vordergrund stehen eh mehr die Themen (etwa kindliche Traumata, Unverständnis der Erwachsenen gegenüber den Emotionen von Kindern, künstlich und eigenmächtig gesetzte Grenzen/Normen durch Erwachsene bzw. Schutzbefohlene), die phantastische und wunderbar individuelle Spielwelt sowie Fran selbst als die „Kombiniere Gegenstand A mit Gegenstand B“-Aufgaben. Das Point & Click-Korsett macht Fran Bow zwar zum Spiel, aber möglicherweise wäre ein Film das adäquatere Medium gewesen.

Fran Bow 1Den Dämonen sieht nicht nur Fran Bow.

Aber nur möglicherweise, denn es ist davon auszugehen, dass das Entwicklerduo Issak Martinsson und Natalia Figueroa, die unter Namen Killmonday firmieren, genau wissen, was sie in welchem Medium zu tun und zu lassen haben. Denn als Filmemacher, die sie vor dem Branchenwechsel waren, kennen sie Chancen, Möglichkeiten und Beschränkungen von Spielen und Filmen bestens. Und mit Fran Bow scheint das Duo alles richtig gemacht zu haben. Bei Indiegogo wurde es erfolgreich durchgewunken und erhielt schon grünes Licht bei Steam Greenlight. Gut so. Für mich persönlich entwickelten sich die rund 40 Minuten Spielzeit zu dem beklemmenden, aber großartigen Erlebnis, dass Teil 1 der zweiten Staffel von The Walking Dead nicht mehr sein konnte. Wobei es erfreulich und bewundernswert ist, wenn diese Intensität von einem kleinen Team und keinem Heer von AAA-Profis geschaffen werden konnte.

Das im Beitrag beschriebene erste Kapitel mitsamt Intro kann kostenlos für Windows/Mac/Linux auf der Homepage von Killmonday heruntergeladen werden. Außerdem erschien die gleiche Version von Fran Bow auch für Android und ist bei Google Play ebenfalls kostenlos erhältlich. Auch mit Touchdisplay funktioniert es übrigens wunderbar in jeder Beziehung.

*Ganz bewusst lasse ich in diesem Beitrag Screenshots der beschriebenen oder ähnlichen Szenen aus, weil ich nicht verhindern kann, dass Kinder auf sie ungewollter Weise stoßen könnten. Fran Bow ist wirklich nichts für Kinder. Hätte ich als 10jähriger manche der Passagen aus dem Spiel erleben müssen; ich hätte viele, viele Nächte deswegen mit bösesten Alpträumen zu kämpfen gehabt. Gerade auch, weil der oberflächlich kindgerechte Grafikstil als (eigentlich sehr intelligent ausgewähltes) Stilmittel von Kindern nicht adäquat erfasst werden kann.