Bevor ich es vergesse: SPOILERALARM! Den rufe ich eher wegen den Screenshots als der großen, verräterischen Worte im Text aus. Damit werde ich Chaos Theory, der dritten Episode von Life is Strange, auch gerecht, denn Dialoge sind (und bleiben) leider nicht die Stärke des Spiels. Zumindest aus meiner Perspektive, vielleicht beurteilen das Gleichaltrige von Max und Chloe anders. Dafür verdient sich die Kamera ein Extralob: Chaos Theory schmeichelt dem Auge mit wunderbaren Bildern und transportiert damit besonders gegen Ende der Episode eine eindrucksvolle melancholische Stimmung. Bevor der große Twist kommt, natürlich.

Zuvor quälte ich mich zugegebener Weise durch Chaos Theory. Das Zusammenspiel zwischen Max und Chloe nervte mich, ich kann da leider nicht anders. Wenn das schüchtern-mutige Hascherl mit dem chaotisch-sensiblen Punkgirl rumhängt und ihre langjährige Beziehung (mitsamt Eifersüchteleien wegen der verschwundenen Rachel) reflektieren, schüttet mein Körper mittlerweile mehr Cortisol aus, als mir lieb ist. Immerhin nimmt Dontnod ein wenig den Humör bei den kleinen Erkundungen von Chloes Charakter heraus – was zwar immer noch schmerzen kann, aber nicht ganz so an der Oberfläche klebt wie in der zweiten Episode.

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Während wir also nicht ganz stressfrei in Chloe´s Seele eintauchen, lernen wir zugleich Max´ neue Fähigkeit kennen. Nicht sonderlich subtil wurden Fotos als Inspirationsquelle für kleine, folgenreiche Reisen der angehenden Fotografin eingeführt. Von Zurück in die Zukunft bis zu Butterfly Effect lehren uns einige Filme und Geschichten, dass ein Eingriff in den Lauf der Zeit unschöne Konsequenzen haben kann und wen überrascht es, das eine Episode namens Chaos Theory dem in Nichts nachsteht? Mehr dazu aber später.

Der Cliffhanger in „meiner“ zweiten Episode war Kate´s tödlicher Sprung vom Dach und es überraschte mich, wie kurz und beiläufig diese Drama abgehandelt wurde. Nur wer sich Zeit lässt und mit Max die Gänge und Zimmer der Schulgebäude untersucht, findet Zeichen von und Erinnerungen an Kate. Die ursprüngliche Meta-Story, das Verschwinden von Rachel, wird wie oben angedeutet, vorwiegend als Hintergrund für Eifersüchteleien benutzt, was schade ist. Viele Fransen, ich denke da zusätzlich noch an die Leuchtturm-Sequenz aus der ersten Episode, und nur ein kurzer Roter Faden.

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Ganz im Geiste von Telltale Games bleibt Chaos Theory im Gameplay uninspiriert, langweilig und irrelevant. Die Rückspul-Dialog-Aufgaben funktionieren nach Trial & Error-Prinzip und die Suchaufgaben sind, nun ja, ziemlich dröge. Man suchet und findet, was einerseits netter klassischer Point & Click-Stoff ist, andererseits aber weder zum Erzähltempo noch zur jeweiligen Stimmung in der Geschichte passt. Da baut Chaos Theory beispielsweise ordentlich Spannung während des nächtlichen Einbruchs im Schulgebäude auf, zerstört sie aber umgehend wieder, weil Max erst einmal zig Klassenräume auf der Suche nach brauchbaren Utensilien für eine Selbstbau-Bombe durchforsten muss.

Ob beim Einbruch in das Büro des Direktors oder später bei selbigen im Schwimmbad: Es kommt dabei wenig substanzielles heraus; in Bezug auf die Story wie auch die Charakterzeichnungen. Max bleibt gehemmt und möchte Chloe gefallen, die wiederum um oberflächlich-theatralische Coolness bemüht ist. Natürlich um ihren weichen Kern zu verbergen. Das hatten wir doch schon in Episode 2, nicht wahr, Dontnod?

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(Achtung, hier gibt´s noch einmal einen SPOILERALARM) Auch wenn es nicht tierlieb klingt: Wie in Chaos Theory schon frühzeitig und elegant das Bild vermittelt wird, dass in der „Spielrealität“ etwas nicht stimmt, begeisterte mich geradezu. Es geht natürlich um die vielen süßen Piepmätzchen, die in Chloe´s Garten und vor dem Diner verendeten. Ja, Max wundert sich, sie ist deswegen verstört, aber da größere Herausforderungen anstehen, wie etwa Frank´s Schlüssel zu stiebitzen, lässt sie die toten Vögel vor dem Diner schnell tote Vögel sein. Natürlich habe ich diese Sequenzen nicht vergessen, freute mich aber trotzdem über ihre Funktion – zumindest soweit es bisher zu beurteilen ist.

Aus Vögelchen werden Wale. Was bedeutet, dass die Realität einen größeren Knick bekommen hat, nachdem Max mit ihrer neuen Fähigkeit experimentierte. Ihre Motivation, Chloe´s Vater zu retten und damit ihrer Freundin ein unbeschwerteres Leben zu ermöglichen, stellte sich also schon vor dem mächtigen Cliffhanger als sehr, sehr großer Eingriff in den Lauf der Dinge heraus.

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Wir lernen daraus: Bei Life is Strange spielen Motivationen keine relevante Rolle. Für mögliche Entscheidungen darf sich der Spieler das gerne merken. Was mich trotzdem nicht davon abhielt, dem Spiel in all den irrelevanten Pseudo-Entscheidungen einen kleinen Dreh nach meinem Geschmack zu geben. Beim Cliffhanger in Chaos Theory macht uns Dontnod jedoch knallhart zum hilflosen Beobachter und Zeugen der Konsequenzen von Max Zeitreisen-Experimenten – ohne die Möglichkeiten zu haben, selbst einzugreifen.

Das mag nicht konsequent sein, aber was soll´s. Storytechnisch lässt das dramatische Finale die vielen lahmen Plapper-Passagen aus den rund zwei Stunden zuvor vergessen. Ob das immer so funktionieren wird, weiß ich nicht, aber in Chaos Theory gerät der Twist zu einer schallenden Ohrfeige (für die ich jetzt nichts konnte, danke, Max Caulfield). Wer genau hinschaut, sieht im Screenshot die Freude in Chloe´s Augen, weil sie in dieser Realität nach langer Zeit Max wiedersieht. Mir selbst gefror das Blut in den Adern. Und schon freue ich mich auf die nächste, vierte Episode von Life is Strange.

Ganz der guten, alten Tradition folgend, poste ich noch meine Entscheidungen aus Chaos Theory. Man sieht: Unfassbar relevant sind sie nicht, aber eine nette Spielerei sind sie allemal.

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