Call of Juarez Gunslinger ist eines dieser seltenen Spiele, die ohne großen PR-Trubel plötzlich um die Ecke kommen und dann auch noch positiv überraschen. Nach Far Cry 3 Blood Dragon wagt Ubisoft es also erneut, mit Call of Juarez Gunslinger einen reinen Download-Shooter mit Retro-Flair auf den Markt zu werfen. Ist Far Cry 3 Blood Dragon eine völlig überkandidelte 80er-Jahre-Action-Persiflage, nimmt sich der polnische Entwickler Techland nach Call of Juarez: Bound in Blood erneut das Western-Genre vor. Heraus kommt dabei ein wilder Mix aus frontalem Shooter-Gameplay mit einer gehörigen Portion klassischen Wildwest-Flair, einer mehr als ordentlich erzählten Geschichte und einer gehörigen Portion Humor. Wer auf den Wilden Westen steht, Spaghetti-Western mag und einfach mal Lust hat gerade heraus und ohne Gedöns drumherum massiv Banditennester auszuräuchern, wird mit Call of Juarez Gunslinger seinen Spaß haben.

Die Spieler, die Call of Juarez: Bound in Blood (so wie ich) mochten, werden einige Elemente, wie etwa die hochgradig spannenden Duelle, in verfeinerter Form neu entdecken. Dass Techland Geschichten richtig gut erzählen kann, mag jemanden, der nur Dead Island kennt, überraschen. Ist aber so und sogar die Techland-typischen Bugs zum Release sucht man bei Call of Juarez Gunslinger vergebens. Die Entscheidung, ebenso wie beim seligen Red Dead Redemption auf eine Synchronisation zu verzichten und lediglich den Originalton zu untertiteln, macht einiges vom Flair von Call of Juarez Gunslinger aus. Während jeweils der Arcade– und Duell-Herausforderungsmodus mehr oder weniger ordentliche Zugaben sind, überzeugt vor allem die Story durch einige Kniffe und Kapriolen. Mit Silas Greaves spielen wir einen alten Revolverhelden, ehemaligen Kopfgeldjäger und Groschenromanliebling, der im Saloon nach einigen Blicken zu tief ins Glas nicht nur bei seinen (zu spielenden) Erinnerungen maßlos übertreibt, sondern sich auch gerne widerspricht – was interessante Brüche in den Kapiteln und Episoden mit sich bringt. Da werden dann aus Banditen im Gefecht plötzlich unvermittelt Apachen und nach Korrektur der Zuhörer dann doch wieder Banditen, die eben so mutig wie Apachen kämpften und natürlich trotzdem vom jungen Silas Greaves heldenhaft im Alleingang beseitigt werden. Diese Herangehensweise an das Storytelling wurde in Call of Juarez Gunslinger sehr amüsant umgesetzt und gewinnt noch zusätzliche Dramatik dadurch, dass wir von Billy the Kid über Jesse James bis zu Pat Garrett die gesamte legendäre Gangster-Mischpoke aufmischen. Zumindest will uns Silas Greaves diesen Bären aufbinden. 

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Wenn schon ohne sichtbare Bugs, dann bleibt wenigstens die Chrome 5-Engine von Techland seltsam überbelichtet wie eh und je. Trotzdem: Zwar technisch nicht der letzte Schrei, stimmt aber die Western-Atmosphäre in Call of Juarez Gunslinger.

Gameplaytechnisch geht Techland bei Call of Juarez Gunslinger kaum Risiken ein. Wir schießen uns durch dreckige Western-Schläuche und abgesehen von Karten mit Wildwest-Hintergrundwissen und Munition gibt es kaum was anderes zu tun als draufzuhalten. Zugebener Maßen ist das nicht viel, stört aber in diesem Fall nicht weiter, weil die Inszenierung stimmt. Und dann darf auch gerne mal gescriptet werden. Ärgerlich finde ich eher ein anderes Zugeständnis an den Zeitgeist. Klassisch-frontaler Shooter zu sein reicht scheinbar nicht mehr und daher wird das Gameplay zusätzlich durch Combos und die offensichtlich nicht mehr zu verhindernden Erfahrungspunkte erweitert. Mir persönlich raubte es zuweilen etwas an Atmosphäre. Gerade wenn hektische Gefechte ausgekämpft wurden, nervten die aufploppenden Combo-Multiplikatoren und Punktevergaben ungemein.

Call of Juarez Gunslinger: Duellkönig

Am Ende eines Kapitels wartet dann der obligatorische Bossfight auf uns, der aber nicht jedes Mal auf ein frontales Duell hinausläuft. Mal gibt es ein Versteckspiel im Sägewerk, mal den Deckungskampf gegen einen Bösewicht mit Gatling-Gun, meistens aber das brillant inszenierte Duell. Mit Fortgang der Story werden die Duelle immer schwieriger und entwickeln sich zu einer ernstzunehmenden Herausforderung. Denn neben dem Anvisieren des sich stets bewegenden Gegners, in Call of Juarez Gunslinger wird das Fokussieren genannt, muss die eigene Hand nahe am Colt gehalten werden und weder zu früh (für den Feiglingsmord) oder zu spät (weil dann tot) gezielt und abgedrückt werden. Wer ehrenhaft die Duelle gewinnen möchte, muss warten, bis der Gegner zuerst zieht, ihn derweil optimal fokussiert und die Hand nahe am Revolver haben. Das ist ungemein spannend, toll gemacht und ebenso wie in Bound in Blood nun auch bei Call of Juarez Gunslinger das absolute Highlight, nur in Perfektion umgesetzt.

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So beginnt das Duell. Hier ist die Hand noch weit vom Colt entfernt und der Gegner schlecht fokussiert. Bei der Schnelligkeit ist ein Wert von über 60 Prozent und beim Fokus von 80 Prozent Pflicht.

So, wie der Story-Modus den Spieler auf die Duell-Herausforderung vorbereitet, sind es die vielen häuserkampfartigen Gefechte für den so genannten Arcade-Modus. Im Grunde genommen sind die Gameplay-Mechaniken damit schon benannt und würde Call of Juarez Gunslinger nicht soviel Spaß machen, könnte man das zurecht als ein wenig dünn bezeichnen. Ohne die Story wäre es das auch. Die Schießereien im größeren Stil erinnern aufgrund der Scriptlastigkeit an eine Mischung aus Call of Duty und atmosphärisch an die Banditennester aus Red Dead Redemption. Im Vergleich zu Letzterem bietet Call of Juarez Gunslinger aufgrund der Schlauchlevel weniger taktische Möglichkeiten, weswegen man schon an dieser Stelle – im Vergleich zum Wildwest-Platzhirschen – kleine Abzüge in der A- und B-Note machen kann.

Combos, Combos, Combos

Es kommt natürlich beim Spielspaß darauf an, wie man Call of Juarez Gunslinger angehen möchte. Wer mag, kann beim Häuserkampf voll auf Punkte gehen und mit einer Headshot-Combo die nächste jagen. Die ganz Vorsichtigen haben aber auch die Möglichkeit, in der Deckung zu verharren und auf Distanzkills zu setzen, was aber weder mit den Revolvern noch mit der Shotgun wirklich Sinn und Freude bringt. Extrapunkte erhält man übrigens, wenn nach einem Kill innerhalb von vier Sekunden der nächste folgt. Zudem lädt sich damit die obligatorisch vorhandene Bullettime ebenso wie der Todesahnungs-Konzentrationsmodus auf, der ein kleines Schmankerl für sich ist. Als QTE – und nur brauchbar wenn voll aufgeladen – erlaubt es dem Spieler, in Zeitlupe einem tödlichen Schuss auszuweichen.

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Der typische Häuserkampf in Call of Juarez Gunslinger. Oben links ist die Bullettime-Anzeige, oben rechts die schon voll aufgeladene Todesahnung und links unten leider die Trefferanzeige. Es hat mich nicht umgebracht. Man achte diesbezüglich auf das rote Fadenkreuz, das einen kommenden Treffer vermeldet. Jedenfalls ist während des Gefechts Zeit genug, ein wenig anzugeben. Denn Billy the Kid ist eben auch nur der unfähige Doppelgänger vom weltberühmten Silas Greaves.

Im Arcade-Modus wird die Jagd nach Combos dann auf die Spitze getrieben. Ja, der Häuserkampf ist kurzweilig, verliert aber durch die Punkte und den Countdown enorm an Wildwest-Atmosphäre. Nach den beiden Herausforderungen in Lincoln County und Stinking Sprinks hatte ich genug davon. Mehr vielleicht später, vielleicht aber auch nicht. Im Gegensatz dazu fühle ich mich geradezu angestachelt von den Duell-Herausforderungen. Wer glaubt, nach einigen Kapiteln im Storymodus bei der Duell-Herausforderung aus dem Stand glänzen zu können, hat sich aber mal ganz tief geschnitten. Mit ein wenig Übung sollte man schon in die Duelle hineingehen und ordentlich Geduld mitbringen. Das offene Zeitfenster für das Fokussieren, zielen und treffen ist verdammt kurz. Da aber die Story auf dem Schwierigkeitsgrad Normal nicht ganz so herausfordernd ist – was nicht zuletzt an den KI-Gegnern liegt, die zwar meisterlich schießen, dafür aber auch zwischenzeitlich deppenhaft vor die Flinte laufen – heben sich die bockschweren Duell-Herausforderungen wohltuend vom Rest in Call of Juarez Gunslinger ab.

Nicht zu vergessen: Call of Juarez Gunslinger ist ein zwischen 11 und 15 Euro erhältlicher Spaß, ganz nach Anbieter. Dafür wird dem Spieler viel geboten und ich rechne es Ubisoft hoch an, dass sie aktuell nicht einen langweiligen Mainstream-Sci-fi-Shooter nach dem anderen aus dem Hut zaubern, sondern ein augenscheinlich kalkuliertes Risiko auf hohem handwerklichen und noch höherem erzählerischen Niveau eingehen. Zwar sollte man noch nicht die große storybasierte Retro-Revolution im Shooter-Genre ausrufen, aber es ist nur gut für den Markt und die Industrie, wenn heutzutage noch Games funktionieren, die nicht nur auf muskelbepackte Idioten mit dicken Laserwummen setzen, sondern einfach mal den alten, schrulligen Säufer ins Zentrum stellen, der uns wunderbare Lügengeschichten erzählt, die wir dann mit einem Lächeln im Gesicht und einer Portion Adrenalin im Blut nachspielen dürfen.