Die Roadmovie-Episoden von TWD sind mir doch die liebsten. Die Dynamik ist hoch, die Dialoge und das Gameplay besser ausgewogen als sonst und außerdem passt dieses Gefühl des ziellosen Umherschwirrens perfekt zur Welt von The Walking Dead. Dazu liegt der inhaltliche Schwerpunkt dieses Mal, zusätzlich zu den Dauerbrennern Vertrauen und Loyalität, beim Thema Familie, was nicht nur seit der Mitte der ersten Staffel recht brach lag, sondern ein schöner Gegensatz zur ansonsten heimatlosen Episode ist. Aus meiner Sicht ist The Walking Dead Amid the Ruins eine der stärksten Folgen überhaupt, aber wie es ausschaut, stehe ich damit relativ alleine auf weiter Flur (gemotzt wird u.a. bei polygon, IGN und halbherziger bei eurogamer.de).

Wie so oft bei Enttäuschungen spielen gewisse unerfüllte Erwartungen eine Rolle. Es stimmt, dass die zweite Staffel keinen so offensichtlichen inhaltlichen Roten Faden hat wie Nr. 1. Aber der ist ebenso wenig bei den Comics noch bei der TV-Serie zu identifizieren. Überleben ist Aufgabe, Herausforderung, Philosophie, Charaktertest und Zustand zugleich und darum geht es – meiner bescheidenden Auffassung nach – in allen Ablegern von The Walking Dead. Dass sich gewisse Elemente der Serie wiederholen ist geschenkt, da könnte Telltale natürlich kreativer sein, aber signifikant redundanter als in Staffel 1 sind sie in Staffel 2 auch nicht. Ich lobe mir daher die endlich mal wieder bis ins Mark reichende große (Pseudo-)Entscheidung und einige der großen Momente der gesamten Serie, die uns die Autoren in The Walking Dead Amid the ruins bieten.

The Walking Dead Amid the ruins
Nach der Flucht: Jane, Clementine, Luke und Sarah als kleiner Trupp in The Walking Dead Amid the ruins.

Zugegeben: Dass Carver als wunderbarer Bösewicht so weit vor Ende der Staffel in der dritten Folge das Zeitliche segnete, überraschte mich. Hier muss ein Vakuum gefüllt werden und ich habe da so eine kleine Ahnung, dass Telltale Games da schon jemanden im Auge hat. Man lausche bitte ganz genau dem bestimmten Dialog zwischen Luke und Clementine über Kenny. Nun, das Lager ist Vergangenheit, die Gruppe auf dem Weg ins Irgendwo und davon abgesehen, dass sie erst einmal versprengt ist, existiert ein großes Gefälle bei der psychischen Konstitution der Einzelnen.

The Walking Dead Amid the Ruins: Alte und neue Wunden

Kenny, unser aller Lieblings-Redneck, muss schon wieder einen großen Verlust ertragen und driftet ein weiteres Mal ganz nah an die Grenze zum Wahnsinn. Sarah kämpft (oder gerade nicht) gegen ein Dauererstarren angesichts dieser fürchterlichen Welt, Rebecca erwartet ein Kind und die zuvor so unnahbare Jane öffnet sich langsam Clementine, die, wie mir jetzt selbst erst auffällt, vielleicht gerade eine der blasseren Charaktere ist. Mal abgesehen von Luke und Mike. Und Nick, an den ich mich erst erinnerte, als er…na ja, ihr ahnt es schon.

Jane und das Thema Familie.
Jane und das Thema Familie.

Ein wenig erinnert mich Jane übrigens an die wunderbar böse Bloody Mary aus The Wolf Among Us, liegt womöglich an der Frisur. Und offensiv emotional sind beide nicht. Jane zeigt im Laufe der Episode immer mehr Facetten ihrer Persönlichkeit und offenbart eine interessante Interpretation von Familiensinn. Den Themen Loyalität und Gemeinschaftssinn begegnet sie oberflächlich wie eine einsame Wölfin, aber wir erfahren schon warum es so ist. Trauma und Erfahrungswerte machten aus Jane zwar einen gebrochenen Menschen, aber einen, der überlebt. Weil sie zuerst an sich denkt. Und zwar auch dann, wenn man glaubt, dass sie die Kurve bekommen hat. Ich bin sehr gespannt, ob sich ihr und Clementine´s Weg noch einmal kreuzen wird. Sie wäre nicht der erste interessante Charakter mit einem zu kurzen Intermezzo.

The end, my friend.
The end, my friend.

Clementine dagegen lässt sich kaum anders als ihr Gegenpol spielen. Anstelle einer Entwicklung vertritt sie in The Walking Dead Amid the Ruins offensiv ihre Gewissheiten und beweist moralische Standfestigkeit. Ob der labile Kenny, die kurz vor der Geburt stehende Rebecca oder erst recht Sarah: Clementine versucht das Vertrauen, dass sie sich ganz hart erkämpfen musste, drei- bis vierfach zurück zahlen zu wollen. Interessant ist dabei, dass die Autoren ihr das nicht so ganz durchgehen lassen. Denn, so ist es nun einmal, Jane liegt mit ihrem fanatischen Egoismus nicht ganz daneben. Sie weiß, wann es genug sein könnte, wann eine Gruppe eine Belastung ist oder ihr einen Vorteil bietet. Und danach handelt sie.

Die liebe Familie

Einen wunderbaren Kontrast geben Kenny und Rebecca ab. Kenny ist, aus guten Gründen, mal wieder so richtig am Boden. Sein Familienthema ist der Verlust. Rebecca dagegen ist hochschwanger und erwartet ein Kind. Und letztlich ist es Kenny, der, inklusive kleinerer Übersprungshandlungen, das Steuer herumreißt. Beim Thema Babys macht ihm halt keiner was vor. Auch Sarah und Jane kämpfen mit Verlusten: Sarah verlor in der letzten Episode nicht nur ihren Vater, sondern wohl auch den letzten Bezug zur Realität. Sie ist mehr Fassade als Mensch. Jane verließ ihre kleine Schwester und sie verarbeitet diesen Verlust genau gegensätzlich zu Kenny. Sie verweigert sich. Und dennoch wirkt sie weitaus gefestigter als Kenny. Interessant.

Alternative und leider arg temporäre Quasi-Familienidylle.
Alternative und leider arg temporäre Quasi-Familienidylle.

Besonders dramatisch entwickelt sich Rebecca´s Story. Die Geburt ihres Kinders, während einer Walker-Offensive, war schon großes Spannungskino und bescherte mir die spannendsten Minuten der ganzen Serie. Ich versuche, ebenso wie bei Sarah, hier nicht zu sehr zu spoilern, aber so manchmal verblüfft Telltale doch damit wie gnadenlos sie die kleinen Andeutungen, die kunstvoll in die Episode eingefügt wurden, knallhart bis zum bitteren Ende durchziehen.

Nun mag man einwenden, dass schon wieder ein Teil der Gruppe die Serie verließ, ohne dass wir eine Beziehung zu ihnen aufbauen konnten. Es ist ein Hauptkritikpunkt an The Walking Dead Amid the Ruins, aber letztlich nur konsequent. In dieser Staffel steht Clementine im Vordergrund und dann erst die Gruppe. Hier ist kein Lee weit und breit, nicht einmal ein Ersatz-Lee, was ich durchaus gut finde. Und ganz am Ende kommen die in Staffel 1 noch so prominent platzierten Entscheidungen und das Gameplay. Letzteres bleibt wie immer recht anspruchslos, meinem Gefühl nach aber öfter eingesetzt als zuvor.

Wahrer Familiensinn sieht so aus in The Walking Dead Amid the Ruins.
Wahrer Familiensinn sieht so aus in The Walking Dead Amid the Ruins.

Am Ende eines Roadmovies sind die Protagonisten vor allem näher bei sich als zu Beginn der Reise und mitten in dieser Entwicklung stehen wir auch noch in dieser zweiten Staffel. Und so hängt einiges an der letzten Episode dieser Staffel. So oder so riecht es nach einem Cliffhanger in irgendeiner Form. Mir scheint die Serie noch nicht so weit zu sein, als dass sie zu einem Abschluss kommen könnte. Mich würde es zudem nicht wundern, wenn die zweite Staffel letztlich eine Art Brückenfunktion zu einer dritten Staffel hat, bei der einige der losen Enden zusammengefügt werden. Bis dahin kann ich nur empfehlen, die erste Staffel erste Staffel sein zu lassen. Habe ich selbst lange für gebraucht. Sie wird in ihrer Wucht und Charakterzeichnung einmalig bleiben. Das macht die zweite, eher rohere Staffel, aber nicht zu einem schlechten Erlebnis.

Und zum Abschluss noch einmal, ganz der Tradition folgend, eine Übersicht über die (Pseudo-)Entscheidungen.

The Walking Dead Amid the ruins Entscheidungen

Die Geschichte mit Sarah ist aus jeder Perspektive bitter. Hier wurde es recht bunt getrieben mit den vordergründigen Entscheidungen. Die nächsten drei Geschichten sind an Irrelevanz kaum zu überbieten. Während das Ende von Rebecca wichtiger ist als wie es geschah.