Die Jahreszahl fehlt. Das ist schon mal ein Zeichen dafür, dass Electronic Arts mit FIFA Football für die PlayStation Vita ein zeitloses Spiel erschaffen hat. Leider ist das nicht zwangsläufig gut. Nach dem Plädoyer für die großartige Vita als perfekte Gaming-Handheldkonsole und den Jubelgesängen auf das fantastische Uncharted: Golden Abyss sowie die große Überraschung Virtua Tennis 4 liefert ausgerechnet EA eine lieblose und enttäuschende FIFA-Premiere für die Vita ab. Das ist ärgerlich und ein guter Grund für eine kleine, feine Polemik.

Die FIFA-Reihe ist ein Goldesel – und mittlerweile sogar ein Kritikerliebling. Der große Konkurrent Pro Evolution Soccer wird in den Bewertungen (recht knapp) und den Verkaufszahlen (sehr eindeutig) seit Jahren auf den zweiten Platz verwiesen. EA tat einiges dafür, um der Reihe mit größeren und kleineren Innovationen einen Schub zu geben. Fifa 12 erntete mit der völlig veränderte Defensivsteuerung, dem Tactical Defending, verdienter Maßen ein großes Kritikerlob für ein zentrales Spielelement, das meiner Meinung nach sehr gut überlegt und gut umgesetzt war. Die neue, angeblich völlig der Wirklichkeit entsprechende Zweikampfphysik (genannt Impact Engine)…war… na ja…  ein schöner Gimmick und sorgte aufgrund der teilweise grotesken Verrenkungen der Spieler immerhin für den einen oder anderen Lacher. Jedenfalls: EA kann mutig sein. Wenn sie wollen. Obwohl: Es ist auch mutig, den Fans zum Release einer neuen Konsole eine halbgare FIFA-Version vor den Latz zu knallen, die im Grunde genommen zwei Jahre alt ist. Das über keine der oben genannten Neuerungen verfügt. Das nicht einmal gut aussieht. Das einfach nur durchschnittlich ist.

Gefällt irgendjemanden FIFA auf den iOS-Geräten? Mir nicht. Die Steuerung ist schrecklich, es sieht unterirdisch aus und nie kommt auch nur ansatzweise eine Dramatik und ein Spielfluss auf, der den Matches auf den Heimkonsolen entspricht. Fifa Football ist wie FIFA 11 auf den iOS-Konsolen – nur aufgrund der Analogsticks besser steuerbar. Zugegeben: Das ist gut umgesetzt, da kann man nicht meckern. Und so müssten auch richtig spannende Online-Ranglisten-Spiele möglich sein, bei denen der Bessere gewinnt und wo es – im Vergleich zum Touchscreen bei iPad und iPhone – völlig schnurz ist, wie fettig gerade die Finger sind! Und wo man ganz vergisst, dass Verteidigen wieder viel einfacher und simpler ist als bei FIFA 12! Aber: Es gibt keinen Online-Ranglisten-Modus. Pech gehabt.

Dafür war EA an anderer Stelle faszinierend kreativ: Bei der PlayStation Vita gibt es auch hinten ein Touchpad. Während schon bendSTUDIO bei Uncharted: Golden Abyss irgendwie versuchte, auch dieses Feature noch unterzukriegen und sich mit dem Polieren von Spitzhacken und ähnlichen Werkzeugen auch nicht gerade in Sachen Innovationskraft das ganz große Lob verdiente, bemühte sich EA darum, die Spielbarkeit direkt gänzlich zu zerstören. Und das geht so: Greift man gerade mit seiner Truppe an und hat Lust und Laune, sich das hintere Touchpad als Tor vorzustellen, was schon abenteuerlich genug ist, kann man mit dem Finger durch einen kleinen Push bestimmen, wo der Spieler den Ball versenken soll. Das Problem dabei ist leider, dass jeder Gamer die Vita nun mal in der Hand festhält. Sonst fällt sie runter. Und deswegen schießt man, obwohl eigentlich nicht geschossen werden soll und schon gar nicht dahin, wohin der Ball sollte und das alles aus einer Distanz, aus der eh kein Tor zu schießen ist. Super Idee! Zu meiner Erleichterung kann diese bahnbrechende Gameplay-Erfindung aus der Entwicklerhölle ausgeschaltet werden. Immerhin: Vorne auf dem Tochpad kann man per Push anzeigen, wohin der Pass gehen soll und das ist dann weder besser noch schlechter als auf dem iPad und iPhone. Komfortabel ist es aber auch nicht.

Die KI. Meiner subjektiven Meinung nach ist sie schwächer als bei FIFA 12. Nur ein bisschen träger und das ist nicht unangenehm und kein großer Minuspunkt. Aber auch die eigenen Jungs sind nicht ganz so clever wie in FIFA 11 und erst recht nicht in FIFA 12. Egal, welche taktischen Einstellungen ausgewählt wurden, wirkten die Teamkameraden offensiv ziemlich uninspiriert, da lief sich kaum einer intelligent frei und letztlich muss man dann irgendwie den Ball ins Tor tragen. Die Defensive hingegen funktioniert bestens, auch wenn es halt einfacher geworden ist aufgrund der fehlenden Features aus FIFA 12. A propos fehlende Features aus FIFA 12: Das gilt auch für die Grafik beziehungsweise die Modellierung der Spieler. Das sieht sogar eher nach FIFA 10 als FIFA 11 aus. Die Spieler haben durchgehend einen klobigen Körperbau und einen maskenhaften Gesichtsausdruck. Wichtiger ist allerdings, dass FIFA Football flüssig läuft. Nach gefühlt endlosen Ladezeiten zu Beginn geht es dann sehr flott. FIFA Football ruckelt nicht. Das lasse ich mal als Kompliment stehen.

Wer glaubt mit FIFA Football eine Vita-Version von FIFA 12 erstanden zu haben, darf nächtelang enttäuscht den Mond anheulen. Es drängt sich mächtig der Eindruck auf, dass EA schnell noch zum Release der Vita abkassieren wollte und kurz in der Schublade kramte – um dann olle Kamellen in ein neues Gewand zu stecken. Oben drauf noch ein völlig unsinniges Rear-Touchpad-Feature und schwupps…ist man pünktlich beim Release dabei. Schade. Solch durchschnittliche und inspirationslose Kost bin ich nicht mehr von FIFA gewöhnt. Aber: In rund einem halben Jahr dürfte FIFA 13 erscheinen. FIFA Football ist dann – völlig zu Recht – vergessen und so sollten wir noch das FIFA erhalten, zu dem EA fähig ist. Hoffentlich.

6/10