Es gibt da in Spec Ops: The Line diese Sekunden, in denen wir Captain Walker in die Augen schauen und Bescheid wissen, wie das Spiel funktioniert und was es uns wie erzählen will. [Achtung, Spoiler!] Es ist der Moment, als er seine eigenen Leute mit Phosphor tötet. Im Laptop spiegelt sich sein Gesicht und der Ausdruck verrät uns wenig menschliches, schon gar nichts humanes. Wir steuern in Spec Ops: The Line einen Irren, der einen Irren töten will und dabei einem Irren auf den Leim geht. Das Ergebnis: Eine surreale Schneise der Verwüstung und der Leiden. Und dieser ganze Wahnsinn wird vom Entwickler Yager als 3rd-Person-Shooter in einem Dubai der Zukunft erzählt, das nicht von dieser Welt ist. Nachdem im ersten Review das Gameplay und die Technik im Vordergrund standen, geht der Blick nun auf die Story, die im Vorfeld des Releases vom Entwickler und Publisher offensiv vermarktet wurde.

Spec Ops: The Line erzählt auf sehr brutale Art und Weise eine blutige Geschichte. Das drastische Gewaltdarstellungen in Spielen von Kritikern oftmals als zynisch bewertet werden, ist besonders dann nachzuvollziehen, wenn Gräueltaten von Entwicklern und Publishern als Verkaufsargument ganz unangenehm weit vorne an der Marketingtheke platziert werden. Siehe die geschmacklose Flughafenszene in Call of Duty: Modern Warfare 2. Yager und der Publisher 2k griffen aber erfreulicher Weise nicht in diese unseriös-klebrige Kiste, sondern holten weit aus und präsentierten mit Herz der Finsternis ein literarisches und mit Apokalypse Now ein cineastisches Vorbild. Mutig ist das. In allen drei Werken wird The Line überschritten. Herz der Finsternis erzählt sehr komplex und umfassend von der Grenze, hinter der wir aufhören Mensch zu sein. Apocalypse Now führt uns selbst durch seine psychedelischen Bilder nahe an diese Linie. In Spec Ops: The Line werden wir – sofern das Spiel durchgespielt wird – dazu gezwungen, diese Grenze zu überschreiten. Natürlich nur simuliert, es ist ein Spiel. Aber Yager nutzt die Interaktivität und Unmittelbarkeit des Mediums Videogame, um uns diesen Wahnsinn frontal und mit voller Wucht links und rechts um die Ohren zu knallen.

Die Nerven liegen blank. Während die beiden Kameraden von Captain Walker immerhin noch in der Lage sind, im Konflikt ihr Handeln zu reflektieren, spielen Moral und Ethik für ihn selbst keine Rolle mehr.

Die Geschichte an sich ist kurz erzählt. In einem Dubai der Zukunft, dass von einem Sandsturm verwüstet wurde, sollen wir nach Überlebenden suchen und eine Evakuierung einleiten. Wir wissen, dass sich die 33ste Einheit selbständig machte, sollen den Commander der Truppe finden und das Treiben beenden. Im Zuge der Eskalation treffen wir auf die CIA, die eigene Pläne hat und auf viele, viele unschuldige Opfer. Erzählt wird uns die Geschichte selbst größtenteils in Cut Scenes, die entweder ein neues Kapitel einleiten oder aber unsere Handlungen offenlegen und erklären. Die meiste Zeit aber schießen wir. Wie in jedem anderen Shooter auch. Nicht vergessen, Spec Ops: The Line ist trotz seiner intensiven und niederschmetternden Story ein 3rd-Person-Shooter, der auf den Mainstream zielt und kein Nischenprodukt. Es verwundert aber nicht, dass die großen Momente im Spiel die sind, in denen wir nicht schießen, sondern uns anschauen müssen, was wir als Captain Walker angerichtet haben.

Captain Walker auf seiner Rettungsmission.

Und gerade weil es kein Arthouse-Spielekino sein will, ist Spec Ops: The Line eines der wichtigsten Games für das Shooter-Genre seit Jahren. Es ersetzt massenkompatibel den dumpfen US-Patriotismus und die wirren Storyschnipsel des  Medal of Honor– und Call of Duty-Franchises durch eine richtige Geschichte, die den Krieg als das beschreibt, was es ist: einen menschenverachtenden Wahnsinn. Verkauft sich Spec Ops: The Line sehr gut, könnte es vielleicht sogar ein Meilenstein im Genre sein, sozusagen der erste ernsthaft-erwachsene storybasierte Shooter. Trotzdem ist noch Luft nach oben: Vielleicht klingt es ein wenig nach einer kognitiven Dissonanz (Achtung, Ladebildschirm-Insider!), aber so sehr ich es einsehe, dass ein Game, dass den Krieg verteufelt, selbst frontal zu Werke gehen muss, wünsche ich mir doch eine subtilere Vorgehensweise. Kürzere Gefechte zum Beispiel. Aber vor allem eines: Bitte, bitte, liebe Leute bei Yager, verzichtet bei eurem nächsten Spiel auf diese überflüssigen Exekutionen per Knopfdruck. So storyrelevant sind sie nun auch wieder nicht. Sowas habt ihr nicht nötig, dafür seid ihr zu gut!

Hier geht es zum Review Spec Ops The Line: Kill über das Gameplay, die Technik und die Atmosphäre im Spiel.