Nein, es geht nicht um Alma Wade. Auch wenn es das berühmteste Kind in der jüngeren Spielegeschichte ist. Alma ruft bei mir immer noch großes Unbehagen hervor und darüber möchte ich nicht schreiben. Also, es geht um Kinder und Kinder sind das Wunderbarste, was es auf der Welt gibt und deswegen muss es doch möglich sein, etwas zu einem wunderbaren Kind zu schreiben. Was sonniges und da sind wir dann auch schon bei Sunny aus Metal Gear Solid 4.

Mit den zuckersüßen Charakteren aus japanischen Games kann ich selten etwas anfangen. Auch Sunny ist auf den ersten Blick eine personifizierte Übertreibung. Man höre alleine auf das herzallerliebste Stimmchen und lasse sich ihren Namen auf der Zunge zergehen. Und man kann ihr jede noch so kleine Emotion viel zu deutlich ansehen. Sie trägt eine weiße Küchenschürze und ein Blümchen im Haar. Normalerweise interessiert mich ein solcher Charakter in einem Spiel ungefähr genauso wie das pseudowitzige Chocoboküken, das es sich in Final Fantasy XIII  im Afro von Sazh Katrzroy gemütlich macht. Nämlich gar nicht. Trotzdem bewegte mich Sunny irgendwann und das liegt nicht nur an ihrem speziellen Orakel, den Spiegeleiern.

Metal Gear Solid 4 ist ein intelligentes Game mit einem hohen moralischen und politischen Anspruch, tollem Gameplay und einer völlig wirr aufgebauten Story, das einen Spieler trotzdem voll in seinen Bann ziehen kann. Die negative Dynamik von wirtschaftlichen Interessen und kriegerischen Handlungen als ideologischen Rahmen zu nutzen und dennoch ein spannendes sowie durch und durch pazifistisches Spiel zu erschaffen, ist eine wahre Meisterleistung von Hideo Kojima. Und trotzdem hat einfaches Kinderdenken einen zentralen Platz in Metal Gear Solid 4 – wobei die Geschichte mit den Spiegeleiern fantastisch entworfen wurde. Gelingen Sunny die annähernd perfekten Spiegeleier, stehen die Chancen für die nächste Mission gut und das Mädchen ist glücklich. Läuft es nicht so gut, wissen wir, dass es heikel wird. Und das Kind ist traurig. Irgendwann nimmt man sogar als gestandener Gamer das Spiegelei-Orakel ernst. Wir sind in einem hochpolitischen Spiel, das mit großer Energie globale Zusammenhänge und Abhängigkeiten abbildet – und schauen trotzdem gebannt auf die Pfanne, die zerfließenden Eier und drücken Sunny beim Kochen die Daumen.

Sunny als Charakter wirkt durch ihre traurige Geschichte und entzieht sich dadurch der Lächerlichkeit. Und ihr Leben ist extrem schwierig und damit werden ihre Taten nur bedeutungsvoller, sogar der Kinderzauber rund um die Spiegeleier. Ein Kind, dessen Mutter entführt und das mit großem Druck zu einem IT-Genie gedrillt wurde und – abgesehen von Otacon – von Menschen isoliert auf einem Transportschiff lebt, kann nicht unbeschwert sein. Das vermute ich mal, auch wenn es mir zugegebener Maßen schwer fällt, mich komplett in diese nicht ganz so alltägliche Lebensgeschichte hineinzudenken. Nehmen wir Sunny im Metal Gear Solid-Universum ernst, erleben wir eine kleine geschundene Seele, die trotzdem mit allem, was ihr zur Verfügung steht, für eine bessere Welt kämpft. Und sich trotz all der tiefen Wunden noch die Phantasie gestattet, das Spiegeleier über den Lauf der Welt entscheiden können. Von diesem bedingungslosen Glauben an die große Wirkung der kleinen Dinge und Handlungen im Leben können wir Erwachsenen uns eine ganz dicke Scheibe abschneiden. Diese Haltung macht Sunny so besonders und zu einem speziellen Kind in einem außergewöhnlichen Spiel.

 

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