Chris Redfield ist im Resident Evil Universum bei den Fans der ersten Stunden berüchtigt für die ungeliebte frontale Action und verschrien als Symbol für den verlorenen subtilen Herrenhaus-Grusel. Und es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn seine Kampagne in Resident Evil 6 nicht erneut für Kritik aus dem Hardcore-Fanlager sorgen wird. Soviel vorweg: Die Demo von Resident Evil 6 lässt erahnen, das Capcom in den Chris-Missionen im Vergleich zu Resident Evil 5 eher noch eine Schippe drauflegt als vom Gaspedal gegangen wird. Mit dem subtilen Old-School-Grusel aus der Leno-Kampagne der Demo hat Chris´ Einsatz jedenfalls nichts gemein, sondern wirkt wie ein völlig anderes Spiel.

Das Intro gaukelt uns zunächst vermeintlich Tiefgründiges vor: Chris Redfield steht jetzt mehr auf Alkohol als auf Anabolika und ist ein gebrochener Charakter. So wie Max Payne, könnte man meinen, so melodramatisch wie die Mission beginnt. Nur respektiert Max Payne Frauen als menschliche Wesen, während Chris eher auf die platte Macho-Karte setzt. Das ist natürlich alles völlig übertrieben und schnell merkt man, dass die Introsequenz vor allem dazu dient, Chris´ neuen Partner Piers vorzustellen, der auf mich wie ein Klon von Wentworth Miller wirkt, der in Prison Break Michael Burrows spielte. Wobei Piers eher der Typ personifiziertes schlechtes Gewissen ist, der Chris mit ausgeprägtem Teamspirit wieder zurück in die Spur treibt. Man ahnt es schon, ehe der pseudogebrochene Chris bei drei auf dem Baum ist, steht er wieder in Diensten der Firma und kämpft brachial gegen das Böse in dieser Welt.

Chris und Piers im Einsatz. Es geht immer voran, die Wumme im Anschlag und das in einem interessanten Szenario, das an eine Mischung aus den nächtlichen Battlefield 3-Missionen und der Favela von Max Payne erinnert.

In der Demo-Mission müssen wir ein Gebäude erreichen, in dem UN-Mitarbeiter gefangen gehalten werden. Die Handlung macht hier einen Sprung nach der Kneipen-Szene und es ist kaum nachzuvollziehen, warum und wieso sich die Beiden bis an die Zähne bewaffnet ins Getümmel stürzen. Für das Gameplay dürfte es kaum eine Rolle spielen. Es wird halt geschossen. Ähnlich wie sich das Mass Effect-Franchise immer mehr in Richtung Third-Person-Shooter entwickelte, sieht auch die Gegenwart von Resident Evil 6 aus – zumindest wenn es sich um Chris Redfield dreht.

Also, es bleibt beim Bekannten: Betritt Chris die Bühne, brauchen wir keinen subtilen Grusel erwarten, sondern straighte Action mit Horrorelementen.  Wobei man in der Kampagne erst auf den zweiten Blick bemerkt, dass man Infizierte von den Dächern schießt – nämlich dann, wenn jeder zweite oder dritte Gegner nach einem Treffer zu einem durchaus furchteinlößenden Etwas mutiert. So sieht eben bei Chris der Resident Evil 6-Horror aus. Und aus meiner Sicht ist er wirklich gut gelungen, nur muss man sich eben damit abfinden, dass dieser Part des Spiels ein Shooter ist. Was mir aber übel aufstieß: Ebenso wie bei dem storytechnisch betrachtet wegweisenden Spec Ops: The Line gibt es leider diesen überflüssigen Todestritt, um ihn mal so zu nennen. Chris gibt den Opfern, die schon auf dem Boden liegen, noch mal so richtig Saures. Ich finde das abstoßend.

Munitionsknappheit ist relativ in der Chris-Kampagne. Also kein großes Problem – und außerdem ist der Nahkampf sehr effektiv, auch wenn er mangelhaft umgesetzt wurde.

Bevor es gegen Ende der Demo-Kampagne auf engstem Raum gegen ein stattliche Anzahl von Infizierten geht – was bei mir den Adrenalinspiegel in die Höhe schießen ließ –  gab es ausreichend Gelegenheit, in den ruhigeren Passagen auf die Technik zu schauen. Obwohl das Szenario komplexer als das Setting in der Leon-Kampagne ist, wirkt der Häuserkampf technisch und grafisch ausgereifter. Vielleicht atmosphärisch nicht so stark wie in den Gruselmomenten der Leon-Mission, aber schon sehr ansprechend. Zumindest, wenn wir Objekten wie etwa Kisten nicht zu nahe kommen. Dann verwandelt sich der Augenschmaus in ein Meer aus matschigen Texturen. Apropos Kisten: Es gibt in Resident Evil 6 keine Dauerkämpfe mit dem KI-Partner um Heilpflänzchen und Munition, denn in dieser Hinsicht sind unsere Begleiter extrem devot und lassen uns gerne den Vortritt.

Mir gefiel der Häuserkampf in der Chris Redfield-Mission. Auch wenn die bekannte Resident Evil-Folklore manchmal den Spielfluss stört – etwa weil Chris nicht von alleine eine Kiste runterspringen kann, sondern dafür extra der X-Button gedrückt werden muss oder er mit dem Messer gerne mal ins Leere zielt – hat die Kampagne alles, was einen großartigen Third-Person-Horrorshooter ausmacht. Die Gegner sind variabel, manche Infizierte fliegen sogar und es wechseln sich ruhigere Passagen mit wilden Schießereien ab. Das hier ist 3rd-Person-Shooter-Qualität vom Feinsten und sicherlich kein Call of Duty-Klon, wie es schon in manchen Vorschauen befürchtet wurde. Chris Redfield wirkt auf mich trotz seiner seltsamen Charakterentwicklung immer noch blass, was aber ich vernachlässigenswert finde. Wer sich nicht generell an der Resident Evil 6-Action stört, dem wird die Chris-Kampagne gefallen. Für die anderen mag Resident Evil kaum noch zu retten sein. Oder doch? Vielleicht mit der Jake-Kampagne? Ein neuer Charakter kann ja durchaus für neue und produktive Spielelemente sorgen. Mehr dazu im letzten Teil der Resident Evil 6 Demo-Review!

Hier geht es zur Review von Resident Evil 6 Demo: Leon

Hier geht es zur Review von Resident Evil 6 Demo: Jake