Mal wieder steht Next Gen mehr für Technik als für neue Spielerfahrungen. So spannend Tech-Spekulationen sein mögen, so bedauerlich ist es, dass Next Gen zumindest zum aktuellen Zeitpunkt wenig bis nichts mit innovativem Gamedesign zu tun hat. Nachdem die Spezifikationen der Xbox 720 (oder: Durango) und PlayStation 4 (oder: Orbis) scheinbar bis auf kleinere Details kurz vor den offiziellen Ankündigungen von Microsoft und Sony festzustehen scheinen und auch das Rätsel Steam Box keines mehr ist, könnten nun eigentlich die Spiele in den Vordergrund rücken. Games, die Erfahrungen bieten werden, die in der heutigen Generation nicht möglich und mehr als Gimmicks á la Move sind. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit bei einer neuen Generation. Aber: Es scheint nach heutigem Stand wohl zum Release der Next Gen-Konsolen und -Devices auf eine Flut an Fortsetzungen hinauszulaufen – nur ohne den Aha-Effekt der Launch-Titel der letzten Generation, die mit dem Sprung aus der SD- in die HD-Welt für große Augen sorgten. Die nahe Zukunft scheint unspektakulärer zu werden. Wer heute schon – und nur auf das optische Spielerlebnis bezogen – Konsolen-Next Gen sehen möchte, stellt sich eben einen High End-Gamer-PC zusammen.

Vielleicht ist Next Gen technisch einfach zu unterentwickelt, um revolutionäre Spielerlebnisse bieten zu können? Auch wenn Orbis und Durango sicherlich keine Schwächlinge sein werden, bleibt es fraglich, wo sie den einen entscheidenden Schritt machen (können), der überhaupt das Next Gen-Label rechtfertigt. Passend dazu in aller Kürze ein Blick auf die Technik der Konsolen, bevor es hinaus in die Welt der Konkurrenz geht. Xbox 720 und PlayStation 4 werden wohl von einer AMD Jaguar CPU angetrieben und setzen auch bei der GPU auf ähnliche Lösungen, unterscheiden sich aber (wenn überhaupt maßgeblich) beim RAM. Durango soll mit 8 GB DDR 3-RAM sowie 32 MB ESRAM  und Orbis mit 4 GB DDR 5-RAM ausgestattet sein. Davon mal abgesehen, dass die Custom Designs natürlich mit der Zeit von den Entwicklern perfekt beherrscht und ausgereizt werden, muss niemandem beim Anblick der Next Gen-Spezifikationen schwarz vor Augen werden. Übrigens: Im Detail, und damit meine ich bis ins allerkleinste bekannte technische Detail, lässt sich der Konsolenkrieg PlayStation 4 aka Orbis vs.  Xbox 720 aka Durango im hervorragenden Beitrag von Richard Leadbetter, dem „Mr. Digital Foundry„, nachlesen, den ich euch nur ans Herz legen kann (hier im Original und hier übersetzt). Nach der Lektüre mag man sich fragen, ob die Entwicklung durch die neuen Geräte bestimmt werden oder – aufgrund des geringen Innovationspotenzials – nicht eher zwischen den Devices.

Während es als gesichert gilt, dass Microsoft die Xbox 720 nicht nur als Gaming-Konsole, sondern gleichzeitig als Next Gen-Multimediazentrale verkaufen will, scheint die PlayStation 4 als klassische(re) Spielkonsole eine Art technisches Update zur PS 3 zu werden –  nur mit PC-ähnlichem und leichter zu beherrschendem Innenleben. Und wo soll das hinführen? Zu 4k mit 60fps? Eher nicht, denn dafür gibt es keinen Markt und den wird es auch in naher Zukunft nicht geben, nachdem 3D als letzter Schrei doch sehr schnell verstummte. Oder erst einmal nur zu 1080p mit 60fps? Was wäre an letzterem noch Next Gen? John Carmack von id software zweifelte sogar die 60fps in den Next Gen-Konsolen an, stellte aber bei twitter klar, wo sein Weg hinführt:

carmack next genMal abgesehen davon, dass von der nächsten PC-Generation (natürlich) weitaus mehr Power als von der Next Gen-Konsolengeneration erwartet werden kann, stellt sich die Frage nach den zusätzlichen Features, die die Konsolen von den PCs, den verwandten Devices und dem wachsenden Mobilsektor abheben. Den Gebrauchtmarkt für Spiele auszutrocknen dürfte als alleiniges Erfolgsrezept nicht reichen. Sony sollte nach dem Kauf von Gakai diverse Streaming-Lösungen anbieten und Let´s playern mit integrierter Aufnahme und Videobearbeitung das Leben erleichtern. Ein ordentlich zündender Next-Gen-Funke ist aber noch nicht in Sicht. Mit leichter Sorge geht der Blick zu Durango – so schön es sein mag, die Xbox 720 mit allerlei TV- und Tralala-Services auszustatten, darf der Zweck – das Gaming – nicht zu sehr aus den Augen geraten. Zumindest wenn es dabei bleibt, dass Europäer und insbesondere deutsche Käufer aus Lizensierungsgründen kaum etwas von der schönen neuen Next Gen-Multimediawelt haben.

Dennoch sollte Microsoft ganz sicher ein großes Stück vom Kuchen abbekommen (wobei es fraglich ist, wie profitabel die Geschichte wird). Nicht nur aufgrund des wieder sehr lebendigen PC-Markts, sondern auch aufgrund der Steam Box. Die originale Steam Box von Valve wird zwar auf Linux basieren, aber gerade die so genannten best-Versionen der Steam Boxes, also die High End-Modelle von Drittherstellern, werden sicherlich in signifikanter Anzahl unter Windows 8 laufen. Wie auch die Gaming-Notebooks mit dedizierten Grafikkarten oder die für den Core-Gamer nur mit Abstrichen akzeptablen, aber trotzdem sehr feinen Convertibles á la Microsoft Surface Pro, dem MSI S20 oder den bald auf dem Markt erscheinenden Modellen mit starker Temash-APU von AMD. Man sieht: Microsoft hat seine Finger im Spiel und kann/könnte eher einen Großangriff über alle Geräteklassen hinweg starten als Sony, die mit ihren Tablets und (leider, leider!) auch der PlayStation Vita weniger Power in der Hinterhand haben. Nur bleibt die Frage: Nutzt überhaupt jemand seine Möglichkeiten, um vernetzt neue Erlebnisse zu bieten?

xi3 piston

Das xi3 von Piston, die erste öffentlich präsentierte Version einer Steam Box. Mit Blick auf die Größe spricht einiges dafür, dass dies eine der kleineren „good“-Steam Boxes wird, die technisch eher mit Ouya als mit den Next Gen-Konsolen konkurrieren.

Mich würde es nicht wundern, wenn auf diesem Spielfeld Valve mit Steam Großes erreicht. Wenn der Next Gen-Weg neben 1080p mit 60fps vor allem auf eine größere Verfügbarkeit bei örtlicher Unabhängigkeit von Spielen (mit Fokus auf das Wohnzimmer) abzielt, wird bestenfalls Microsoft mithalten können, sofern die Investitionen nicht den Gewinn auffressen. Trotz Gakai könnte Sony gegenüber Valve den Nachteil haben, dass streamen über das Internet weitaus langsamer bleibt als über W-LAN (und Valve zudem indirekt mit Project Shield von NVIDIA noch eine weitere attraktive Lösung anbieten kann). Nur: Wie kann man die schöne neue Next Gen-Welt mit all ihren großartigen Devices, Services und Skills adäquat in neuartige Spiele übersetzen? Ohne lange in die Glaskugel zu schauen zu müssen, sieht es da (noch) recht düster aus. Vielleicht überrascht uns Sony, die über die ganze aktuelle Generation hinweg mit einigen First Party-Games neue Maßstäbe setzte. Ein Fingerzeig mag strukturell Dust  514 sein, dass als Shooter im EVE Online-Universum angesiedelt wurde und Grenzen sprengt, die als kaum überwindbar angesehen wurden. Vielleicht überrascht uns auch David Cage ein weiteres Mal und führt die Interaktivität aus Spielen wie Heavy Rain auf die Spitze.

Und sonst? Wir dürfen uns bei den Next Gen-Konsolen auf einige Fortsetzungen freuen, wie etwa ein Uncharted 4. Aber werden wir, was dynamische Lichtverhältnisse und ausdifferenzierte Effekte als erwartbare Optimierungen betrifft, spürbar Spektakuläreres sehen, als Battlefield 3 auf einem High End-PC leistete? Wahrscheinlich nicht. Schlimm? Nein. Ein bisschen ernüchternd? Yes. Von Next Gen erwarte ich mehr als ausgefeilte Lichteffekte und Spiele, die nicht auf 20 fps abbremsen, wenn es ernst wird. Einfach etwas Neues. A propos: Weiß jemand, was Apple und Samsung für 2014 planen?