Wenn man von Borderlands 2 alle – und damit meine ich wirklich alle – Nebenmissionen und Hauptquests durchspielen möchte, fällt dreierlei auf: 1. Das Spiel ist viel zu lang, weil es 2. nach spätestens 20 Stunden auffallend an Abwechslung mangelt, da die Missionen nicht der Kreativität letzter Schluss sind und es 3. nicht nur an einer wirklich spannenden Story mangelt, sondern auch an einer sinnvollen Integration der Nebenmissionen in die Geschichte. Keine Frage, mir macht Borderlands 2 immer noch Spaß, aber es fühlt sich weiterhin eher wie ein viel zu groß geratener DLC zu Borderlands als eine Weiterentwicklung des Vorgängers an. Das Prinzip Call of Duty, wenn man bösartig sein möchte. Der Entwickler Gearbox hat jedenfalls einige seiner vollmundigen Versprechen nicht eingelöst. Dazu gehört die verständlichere und spannendere Story (dazu später mehr im finalen Tagebuch-Eintrag zu Borderlands 2), aber noch mehr die abwechslungsreicheren Missionen in variationsreicherer Umgebung mit Größer-Weiter-Höher-Besser-Mehr-Von-Allem.

Beispielhaft geht der Blick auf drei Missionen – eine Hauptquest und zwei Nebenmissionen, was ungefähr dem Verhältnis zueinander in Borderlands 2 entspricht. Schwebendes Verfahren als Story-Mission verfügt über die meisten Stärken und Schwächen, die auch die anderen Hauptmissionen ausmachen. Es gibt zwar ein festes Ziel, nämlich die fliegende Stadt Sanctuary mittels einer noch zu aktivierenden Schnellreise-Station zu finden, aber: Warum sollen wir eigentlich zurück in die Stadt? Letztlich kämpft unser Held – in meinem Fall Zer0 – eh immer alleine, Munition und Waffen gibt es an Automaten, ein unmittelbarer Angriff auf Handsome Jack steht auch nicht bevor, also bleibt mal wieder Sinn und Zweck der Aktion im Dunklen. Das war schon durchgängig bei Borderlands der Fall und dort empfand ich es nicht als dramatisch – aber bei Borderlands 2 erwartete ich an dieser Stelle zumindest eine minimale inhaltliche Tiefe. Und nicht schon wieder dieses kryptische „Du musst dies und das unbedingt machen-Geplapper“ von Angel, der mysteriösen Begleiterin, Schutzengel oder was immer sie sein mag. Charakteristisch ist auch die Pseudo-Komplexität der Mission: Wir erreichen unser Ziel nicht auf einer einzigen Karte (weil der ursprüngliche Plan mal wieder nicht funktionierte und ein zweiter Lösungsweg beschritten werden musste), sondern schlagen uns durch einige Maps durch. Bei Schwebendes Verfahren sind es The Fridge, The Highlands Outwash und Overlook. Wobei sich die Landschaften sehr ähneln, nur sind die Felsen bei The Fridge schneeweiß und bei den anderen canyon-braun (so viel zum Thema Abwechslung bei den Karten).

Das Geballer ist super wie immer, aber bis die Mission Schwebendes Verfahren beendet ist, muss man Zeit und Geduld investieren.

Wenig zu kritisieren gibt es bei den Gegnern und den Scharmützeln mit ihnen: Es sind nicht nur Banditen – auch wenn es abschließend in der Mission ein weiteres Mal gegen Banditen-Horden anzukämpfen gilt, die in Wellen anrollen. Rumschlagen muss man sich auch mit Laborratten, Crystalisks, Rakks, Stalkern, einem Constructor, Treshern und Loadern. Und genau hier zeigt Borderlands 2 seine Stärken: Es sind die Kämpfe, die Waffen und vor allem die Gegner. Nur bei Letzterem gibt es eine sehr erfreuliche Entwicklung weg vom Vorgänger: Die Tresher können sehr anspruchsvoll werden (vor allem wenn man gerade keine Waffe mit Schockschaden zur Hand hat), die Stalker nerven wie sonst keine anderen Viecher und die Crystalisks als passiv-aggressive Kolosse haben auch ihren Reiz. Vor allem kämpft keiner wie der andere. Es ist schade, wenn die Mission storytechnisch dahinsiecht, aber in ihrer Kernkompetenz – der frontalen Action – macht Borderlands 2 kaum jemand was vor.

Zu den Nebenmissionen: Versteckte Tagebücher ist eine der typischen Sammelmissionen, die es in Borderlands und Borderlands 2 desöfteren zu erledigen gibt. Als Einführungsmission für eine Map, neue Gegner oder zur Präsentation eines besonders abgefahrenen Bosses wären Aufgaben á la Versteckte Tagebücher gar nicht mal übel. Man sammelt die ECHOES-Tagebücher von Dr. Tannis auf, sucht mal eines länger, das andere kürzer und schießt sich dabei durch Pandora. Aber für die Mission an sich gilt: Typischer – und damit auch spröder – geht es kaum, es ist eine der speziellen Nebenmissionen, die es in annähernd jedem uninspirierten Rollenspiel gibt. Sammle dies und das und hole deine Belohnung ab. Gute Nacht.

Witzig oder nur geschmacklos? Bei der zweigeteilten Nebenmissionen Clan Krieg müssen wir zwei Banditenclans gegeneinander ausspielen.

Bei der mehrteiligen Clan-Krieg-Nebenmission in The Highlands fällt auf, dass Borderlands 2 im Vergleich zum Vorgänger beim Thema Humor deutlich schwächelt. Zwischen Schwarzem Humor und Geschmacklosigkeit mag zwar nur ein schmaler Grat verlaufen, aber auf diesem bewegte sich Gearbox in Borderlands weitaus eleganter als im Nachfolger. Wir entfachen einen Bandenkrieg, stehlen erst nur ein paar Abzeichen, bis wir zu einem späteren Zeitpunkt die Mitglieder einer Gang durch gezielte Schüsse in Benzintanks im Schlaf töten. Witzig finde ich das nicht und sogar traurig, dass es keinen offiziellen Weg im Spiel gibt, um genau das nicht zu tun und die Mission auf eine andere, friedlichere Art und Weise zu beenden. In solchen Momenten ist Borderlands 2 unsympathisch. Das es beim Shoot-out am Missionsende keine Konsequenzen hat, als beide Clans erkennen, das wir sie hintergangen haben, passt noch ins Bild.

Und so bleiben zwar der Sammelspaß mit den Waffen, Schilden und Artefakten zusammen mit der Action die großen Pluspunkte in Borderlands 2 – aber in puncto Missionsdesign und Abwechslung liefert Gearbox leider keine inspirierte Arbeit ab. Das Problem wurde noch dadurch unnötig verschärft, dass Gearbox-Chef Randy Pitchford im Vorfeld des Borderlands 2-Releases genau die Aspekte groß geredet hat, die sich im Spiel dann doch als besonders klein entpuppten. Verstehe einer diese seltsame Baron Münchhausen-Kommunikationsstrategie, die er übrigens aktuell auch wieder bei Aliens: Colonial Marines anzuwenden scheint. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, von vornherein Borderlands 2 als das anzukündigen war es ist, nämlich als einen großen Sandkasten für Erwachsene, in dem viel Spielzeug verbuddelt ist und man sich wunderbar gegenseitig eins auf die Nase geben kann. Wie groß der Gefallen wirklich ist, den sich Gearbox mit den Anpreisungen zur ach so großartigen Story (hüstel) machte, wird dann im letzten Teil des Tagebuchs behandelt.

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