Denke ich an OUYA, wird mir warm ums Herz. Eine offene Indie-Konsole! Finanziert durch Crowdfunding per Kickstarter inklusive mächtigem Hype! Juhu! Aber: Schon während ich damals dem OUYA-Team Geld hinterher warf, versuchte sich im Hinterkopf eine ganz leise Stimme zu Wort zu melden, die mir Vorsicht… zuflüsterte, aber der ich konsequent nicht zuhören wollte. Bedenkenträgerische Gedanken stören nur beim wohligen gehypt sein. Und nun? In rund drei Monaten erscheint OUYA. Schön, oder? Jedoch: Noch früher als OUYA erscheint das Surface Pro, vielleicht auch das erste Gaming-Tablet mit der leistungsstarken Temash-APU von AMD. Und später im Jahr kommt das Razr Edge-Tablet, Project Shield von nVidia  und nicht zu vergessen die Steam Box mitsamt den „Partnergeräten“ sowie – auch nicht ganz unerheblich – wahrscheinlich noch 2013 die PlayStation 4 und Xbox 720. Und der gute, alte PC erlebt erfreulicher und verdienter Weise auch gerade seinen gefühlten 230. Frühling, der mit einer erfolgreichen Steam Box noch freundlicher ausfallen dürfte. Und modernere iPhones, iPads, iPods und Android-Smartphones werden ebenso auf den Markt geworfen. Übrigens: Ob Handheld oder nicht – alle genannten Geräte „können auch TV“. Und in diesem brachialen Umfeld will ein kleines Android-Konsölchen wie OUYA mit lachhaftem Tegra 3-Antrieb bestehen? Wie soll das um Gottes Willen funktionieren? Und mit welchen Spielen bloß?

Irgendwann – natürlich weit nach Ende der Kickstarter-Kampagne – durfte die innere Stimme dann doch ausreden: Vorsicht…, OUYA klingt nach genau den billigen, dahingerotzten ollen Casualgames, mit denen du sogar auf dem iPad nicht einmal in Phasen allerallergrößter Langeweile mehr als drei Sekunden verbringen magst! Lass´ da bloß die Finger von! Tja, zu spät! Aber stimmt denn die düstere Casual-Prophezeihung überhaupt? Ausgehend von einer Liste mit bestätigten OUYA-Spielen wähle ich einfach mal nach Zufallsprinzip einige aus und werfe – so denn überhaupt möglich – einen genaueren Blick drauf.

Na gut, eine Ausnahme in Sachen Zufallsprinzip mache ich mit dem großspurig angekündigten OUYA-exklusiven Human Element (-Prequel) von Robert Bowling, dem Möchtegern-Mastermind und, …hüstel…, Call of Duty-Visionär mitsamt seiner Spieleschmiede Robotoki. Dem Laden gucken wir direkt mal als Erstes auf die Finger und sehen…nichts. Keine Release-Ankündigung zum OUYA-Launch (oder überhaupt zu irgendeinem Zeitpunkt), kein Trailer, nix. OUYA, was soll das bloß geben, wenn schon dein Vorzeigeprojekt Human Element so dermaßen scheintot vor sich hindümpelt? Nun aber zu den real angekündigten OUYA-Games und wir beginnen mit dem nicht ganz so friedfertig klingenden

AGGRO TACTICS

Entwickelt wird dieses, Achtung Zitat, „asynchronous chess-like tactical strategy virtual board game played with simultaneous turns and a prioritized execution system inspired by the Threat/Aggro systems of MMOs“ von einem gewissen Ray. Viel mehr als seinen Vornamen erfährt man nicht von Ray. Außer das er sich als Developer bescheidener Weise Godly Perfection nennt und eine Website namens www.reachingperfection.com betreibt. Ray programmierte nach eigenen Angaben für die Air Force und gibt an, ein HALO-Fan zu sein und sogar an einigen HALO-Maps mitgerarbeitet zu haben. Na denn. Aggro Tactics basiert auf der Unity 3D 4.0-Engine, was man dem Spiel aber nicht direkt auf den allerersten Blick ansieht, dafür ist es doch eine Ecke zu simpel. Aber: Grafik und Stil sind nicht alles. In Sachen Gameplay hat Ray nämlich einiges vor: „It is a board game that plays like a Tactics RPG on a Hexagon Chess Board, where both players „queue“ up actions for their pieces and submit them at the same time. Then all actions are sorted based on the source piece’s Threat level and executed one at a time. The mechanics are simple and easy to learn, but the way they interact is what creates the gameplay depth.“ Da bin ich mal sehr gespannt, ob und wann und wie gut unser Ray das als Einzelkämpfer mit Hang zur Perfektion hinkriegt.

Göttlich, was Ray da so vorhat mit seinem Aggro Tactics. Den Screenshot präsentierte er höchstpersönlich im OUYA-Forum (Quelle: http://forums.ouya.tv/discussion/comment/76/#Comment_76)

DEFEND AGAINST ZOMBIES

Waaas? Ein Zombie-Spiel! Wer hätte das gedacht? Sogar auf OUYA bleiben wir von Untoten nicht verschont. Allerdings bietet uns der Entwickler One More Go Games immerhin eine Art Tower-Defense-Zombie-Spiel an. Das gab es noch nie, oder? Doch? Naja, wie auf der Homepage nachzulesen ist, kümmerte sich das Studio in letzter Zeit nicht wirklich um Defend against Zombies, sondern lieber um das Android-Spiel Thrills and Spills, was auf den ersten Trailer-Blick nicht allzu viel Gutes für Defend against Zombies erwarten lässt. Jaja, innere Stimme, langsam bin ich auf deiner Seite.

Eine Wiese, ein paar sinnlos herumstehende Container, Geschütztürme und Zombies. Defend against Zombies. Ihr wollt es doch auch spielen, oder?

TALES OF PEOPLE

Der Titel klingt gut, der fiel mir beim Scrollen in der Liste direkt auf – und zwar im positiven und nicht im skeptischen Sinne, wie etwa bei Balls in your face, wo ich mir nicht ganz so sicher bin, wie jugendfrei und komplex dieses Spiel sein wird. Weiterführende Infos zu Balls in your face fand ich nicht, dann also geht der Blick lieber zu Tales of People von Eric Marty, das einen sehr guten ersten Eindruck hinterlässt. Worum geht es in Tales of People? Zitat von Mr. Marty: „Tales of People is an indie video game designed and developed with the goal of creating a dysfunctional comedy. Starring the depressive, drunken video game character named People as he survives real life and sucks at it just like the rest of us.“ Sympathisch und vielversprechend, nicht wahr? Auch optisch wirkt das Spiel sehr speziell und scheint nicht nur mit Liebe, sondern auch mit einem Hang zum trockenen Humor entwickelt zu werden. Tales of People bleibt auf meinem Radar! Nimm´ das, innere Stimme!

Der links dürfte People sein, der (Anti-)Held aus Tales of People. Und wer ist das bloß rechts?

Für´s Erste lassen wir es mal gut sein, aber zu einem späteren Zeitpunkt ziehe ich die Liste wieder aus der Pipeline. Ein Zwischenstand: Der Vorzeigetitel Human Element  liegt brach, zwei Mal riecht es leicht nach billiger (aber zumindest in einem Fall mit göttlicher Perfektion erstellter) Casual-Massenware und abschließend nach genau dem, was ich mir für OUYA-Games erhofft habe: Indie-Kreativität mit einem individuellen Ansatz und einer eigenen Optik. Letztlich wird OUYA nur auf diesem Wege erfolgreich funktionieren können. Denn technisch ist OUYA – abgesehen von Billig-Handhelds und Nachahmer-Android-Konsolen, die ich zu Recht oben in der Aufzählung ignorierte – hoffnungslos der Konkurrenz unterlegen. Also, liebe Indie-Szene, macht hinne und seid fantasievoll, mutig und fleißig! Denn ich habe wenig Lust, den Immer-Schon-Besserwissern – wie etwa meiner inneren Stimme – irgendwann resigniert den Bären aufzubinden, dass OUYA zwar als Konsole ein Flop, dafür aber als Media Player, den ich nie brauchte und wollte, hervorragend geeignet ist.