Der Angriff auf den Wohnzimmer-TV kam überraschend, er kam schnell und mit großer Wucht, sieht gut aus, ist aber noch nicht ganz ausgereift: Mit der Beta von Steam Big Picture sorgt Valve nicht nur für Gegenwind bei den Konsolen-Platzhirschen Microsoft und Sony, sondern setzt noch vor seinem Release auch die Independant-Konsole OUYA massiv unter Druck. Denn: Big Picture wurde extra für den TV aufbereitet und macht die Steam-Plattform mitsamt den meisten Funktionen (und einigen neuen Schmankerln wie ein integrierter Browser) per Controller steuerbar – und es eignet sich für Triple A-Games ebenso wie für kleinere Indie-Produktionen. Erst recht nachdem Valve vor kurzen mit Steam Greenlight die Zusammenarbeit mit Indie-Entwicklern zusätzlich stärkte, könnte mir um die an sich grundsympathische OUYA Angst und Bange werden. Immerhin habe ich für den kleinen OUYA-Würfel schon gezahlt!

Schaut man sich nach der Installation (in Steam unter Einstellungen den Status bei Beta-Teilnahme in Steam Beta Update ändern und dann Steam neustarten) mit einem Klick oben rechts auf Big Picture das Dashboard an, fühlt man sich an das Xbox 360-Dashboard erinnert, nur das die Steam-Variante aufgeräumter wirkt. Neben dem Zugriff auf einige Spiele und Community-Funktionen fällt auf, wie leicht es sich mit dem Controller navigieren lässt. Beim Seitenwechsel gab es kleine Miniruckler, ansonsten funktioniert Big Picture schon im Beta-Status wie geschmiert. Meine Testrunde war die erste Episode von The Walking Dead und das Spielerlebnis war „konsolig“, nur das die Grafik auf dem PC die der PS3 um Längen schlägt. Andere tastaturlastige Games wie etwa DayZ können natürlich nicht über Big Picture per Controller gespielt werden.

Steam Big Picture macht auch optisch einiges her. Klickt man sich in eine der drei Hauptkategorien, eröffnen sich weitere Funktionen. Vom Spielkauf bis zum integrierten Browser lässt sich einiges finden, um sich die Zeit zu vertreiben. Oder man spielt einfach.

Trotzdem: So clever es von Valve ist, den PC aus der Arbeitszimmer-Nische herauszuholen und zur Entertainment-Zentrale im Wohnzimmer zu machen, gibt es doch einen massiven Konstruktionsfehler. Nicht nur, dass der PC per HDMI stationär an den TV angeschlossen werden muss, führt nichts an einer Nutzung der Maus vorbei, um Steam und Big Picture zu starten. Beta hin oder her, so richtig komfortabel würde Big Picture erst dann werden, wenn Spiele per LAN oder WLAN vom PC gestreamt und komplett per Controller gesteuert werden könnten. So bleibt es ein größerer Aufwand, sofern man den PC nicht dauerhaft neben den Fernseher stellen mag. Der unbestreitbare Vorteil gegenüber OUYA und den Next-Gen-Konsolen von Microsoft und Sony: Der Spielekatalog fühlt sich wie neu an, kein Game muss neu gekauft werden und vor allem wäre keine neue Hardware vonnöten – auch wenn die Gerüchte um die Steam Box immer mal wieder aufflammen (zum Beispiel hier und hier)

Was spricht da eigentlich noch für OUYA? Das Free-2-play-Modell wird OUYA bestenfalls auf die Spitze treiben können (sofern es nicht nur Demo-Charakter hat) und Indies machen sich bei Steam und Desura auch immer breiter bzw. werden salonfähiger. Was nur zu begrüßen ist. Es gibt aber zwei Vorteile: OUYA ist ein kleiner Würfel und nimmt kaum Platz weg. Der Vergleich zum PC-Tower neben dem TV ist schon beinahe aberwitzig. Und: Valve schaut mit einem anderen Blick auf die Portokasse als die Leute hinter OUYA. Um sich abzusetzen, bleibt OUYA kaum eine andere Wahl, als auf Exklusivtitel und Innovationen bzw. Experimente zu vertrauen. Der Schuss kann mächtig in die Hose gehen, vielleicht aber auch dazu führen, dass OUYA der kleine, aber sympathisch verschrobene Cousin/Cousine von den Konsolen und PC wird. Oder eben nur ein schmuckloser Flop.

Davon mal abgesehen, dass die hier abgebildeten Spiele gar nicht alle für OUYA bestätigt wurden, wirkt auch das OUYA-Dashboard sehr wertig.

Was immer man auch von Valve´s Steam Big Picture halten mag – es etwa als ein wenig überhyped empfindet – steht fest, dass sich nach dem grandiosen Kickstarter-Erfolg der OUYA das Next-Gen-Fenster noch ein Stück weiter geöffnet hat. Microsoft und Sony sind am Zug. Während sich Microsoft mit der gesamten Windows 8-Produktfamilie (inklusive der Xbox 720) mächtig aus dem Fenster lehnt, heißt es bei Sony: Still ruht der See. Noch. Und wer weiß, ob Apple nicht 2013 (oder doch schon früher) mit seinem TV ebenso mitmischt im Kampf um die letzten freien HDMI-Buchsen. Da wird es langsam eng. Und spannend!