Crysis 3 ist ein Blender. Man weiß es vorher, kauft es auch wegen seiner äußeren Werte (die Grafik, die Grafik!) und ist nach den ersten Spielstunden von der Opulenz so fasziniert wie erhofft - nur eben leider nicht ganz wie bei Crysis annodazumal. Obwohl Crysis 3 streckenweise und gerade am PC atemberaubend ausschaut, wie etwa bei den großen Aha-Momenten zu Beginn im Liberty Dome, kratzt es leider immer wieder an seinem eigenen Lack. Zwei Beispiele: Crysis 3 ist viel mehr Schlauch als vermutet und macht sich im Leveldesign simpler als es sein könnte. Hier mögen wohl die Konsolenversionen das Niveau nach unten gezogen haben, was schade ist, denn der Eindruck bleibt, dass ein technisch betrachtet formidabler Next Gen-Titel krampfig in die heutige Generation gezwängt wurde.

Schade, schade, aber für alles können die schwachbrüstigen Xbox 360 und PS3 nicht herhalten, wie etwa für die Story von Crysis 3. Nicht, dass Tiefgang, überraschende Wendungen oder philosophische Einwürfe zu erwarten waren, aber ein bisschen mehr wäre drin gewesen, wenn nicht sogar viel mehr. Mit dem gemeinschaftlichen Kampf menschlicher Individuen gegen die schwarmintelligenzartigen Ceph-Invasoren gab sich Crytek eigentlich eine gar nicht mal so üble Vorlage, um zwischen den Zeilen ein paar kluge Gedanken einzustreuen, die Crysis 3 über das Genre der frontalen Ego-Shooter erhoben hätten. Aber da schlug Crytek mit der Crysis 3-Story eher ein Luftloch. Was würden wohl die Autoren der Battlestar Galactica-TV Serie aus Prophet machen, der als spielbares Quasi-Zwitterwesen die Stärken und Schwächen beider Welten in sich vereinigt? Sehr viel, wahrscheinlich, jedenfalls hätten sie den vorhandenen Raum genutzt, um das Existenzdilemma von Prophet sinnvoll in die Story einzufügen. Bei allen Handlungszwängen und Genre-Zwangsjacken bleibt immer Raum für Reflexion und gerade Prophet mit seinen Drei-Wort-Sätzen hätte sie bitter nötig gehabt. Den Spieler mit auf Prophets Reise zu nehmen unterließ Crytek, da trauten sie sich und der Kundschaft (zu) wenig zu. Diese Oberflächlichkeit bekommt Crysis 3 nicht allzu gut und leider zieht sie sich wie ein Roter Faden durch das Spiel.

Diese Lichteffekte und diese fantastische Vegetation! In den Außenarealen spielt Crysis 3 gehörig mit seinen Muskeln. Leider gibt es auch viele 08/15-Keller und Fabrikkomplexe in gewohnten braun-grau-Tönen, während die Story von Anfang bis Ende im Tarnmodus bleibt (so wie Prophet hier im Screenshot).

Seit wann ist es eigentlich en vogue zu Beginn eines Shooters von einem “Freund” durch die Gegend gescheucht zu werden? Kaum ein Shooter oder Actiontitel, der in der Einführung auf Pflicht-KI-Kameraden verzichten mag. Bei Crysis 3 ist es nicht anders, nur hört hier der “Freund” auf den Namen Psycho und man kann sagen was man will, aber da steckt immer noch einiges an Komik drin, wenn man sich als Prophet gemeinsam mit Psycho durch die Reihen im Cell-Sammelpunkt kämpft. Prophet und Psycho on tour in Crysis 3.  Und es überrascht, dass es Psycho sein wird, der eigentlich Michael Sykes heißt und Held des Crysis Warhead-Ablegers war, dem so etwas wie eine Entwicklung der Persönlichkeit im Verlauf des Spiels gestattet wird. Überhaupt der Cell-Sammelpunkt: Im Nachhinein war es clever von Crytek, nicht direkt mit der Opulenz vom Liberty Dome zu glänzen, denn so wurde die Erwartungshaltung von Raum zu Raum gesteigert (und nicht enttäuscht), aber ernüchternd war es zu Beginn schon, sich blöde durch Standard-Räume zu ballern, die weder technisch noch vom Design her ansatzweise bemerkenswert sind.

Die Open World-Illusion in Crysis 3

Aber dann erreicht man endlich den Liberty Dome und darf staunen. Das futuristisch-abgefuckte New York unter der Glaskuppel ist Crytek wirklich hervorragend gelungen. Der hübsch anzuschauende Vormarsch der Vegetation in der geschundenen Stadt ersetzt nicht das Dschungel-Feeling von Crysis, was es aber auch nicht muss, denn dafür gibt es Far Cry 3. Crysis 3 ist vom Setting her ein auf den zweiten Blick zu erkennender Kompromiss zwischen den ersten beiden Teilen, was kein Verbrechen ist, wenn nicht die plump vorgetäuschte Open World für Ernüchterung sorgen würde. Denn abseits der Missionen gibt es außer vereinzelten linearen Nebenmissionen wenig bis gar nichts zu tun oder zu entdecken. So berauschte ich mich in der ersten halben Stunde im Liberty Dome an den Künsten der CryEngine 3 und erkundete das Areal, stieß aber allzufrüh und allzuoft an Grenzen. Und das blieb auch so, bis ich es gar nicht mehr versuchte und Crysis 3 so linear durchspielte wie Crysis 2 auch. Immerhin zwingt Crysis 3 den Spieler schon früh dazu die Funktionen des Nano-Suits zu nutzen. Im schweren Schwierigkeitsgrad kommt man ohne Tarnung oder Panzerung nicht sehr weit und gerade die Tarnung in Kombination mit dem wunderbaren High Tech-Bogen hebt das Spiel im Gameplay von der Konkurrenz ab. Überhaupt der Bogen! Ich hielt ihn für einen ebenso lahmen PR-Gag wie die Axt von Conor aus Assassin´s Creed 3, irrte mich hier aber gewaltig.

Nein, das ist kein Screenshot aus einem hochgezüchteten Trailer, sondern ein unbearbeiteter und aus dem laufenden Spiel heraus geschossener Screenshot aus Crysis 3. Mit einem Klick auf das Bild erlebt man Psycho in seiner vollen 1080p Pracht.

Während die KI bei den Cell-Soldaten vielleicht Solala-Durchschnitt ist, sind es immerhin die Ceph-Stalker, die das Adrenalin steigen lassen. Großartige Körperanimationen treffen auf einen spannenden, stimmigen Sound, wenn sich die Viecher nähern. Das ist Kino-Niveau mit komplexen Bewegungsmuster, die man sonst nur aus Trailern kennt, aber nicht aus einem Spiel selbst. Aber, wie das so ist bei Crysis 3: Das Niveau wird nicht gehalten. Die anderen Einheiten der Ceph, wie etwa der Wächter, Commmander oder Pinger, sind weitaus banaler designt und simpler zu bekämpfen. Bei ihnen reicht es den Panzer einzuschalten - gerade wenn man ihn upgegradet hat - und munter draufzuhalten. Fertig, aus. Schema F kann auch im Fight gegen einzelne Cell-Einheiten angewandt werden, nur macht das mehr Spaß. Tarnmodus an, Bogen zücken, Ziel anvisieren und wieder lautlos verschwinden. Das hat was, schade nur, dass Crysis 3 ansonsten von Stealth-Elementen nicht viel hält.

Und ab in den Schlauch

Das Crysis 3 nicht das Beste aus Crysis und Crysis 2, sondern nicht ganz so ambitioniert wie der erste Teil und viel besser als der zweite Teil ist, beweist das Level- und Missionsdesign. Crytek hätte die vorgetäuschte Offenheit immerhin mit spielerischer Freiheit ausfüllen können, wenn nicht die aktuelle Konsolengeneration so eklatant der PC-Gegenwart hinterherhecheln würde. Gerade zwischen der zweiten und vierten Mission, wenn der Liberty Dome und später der grandiose Staudamm optisch glänzen, zieht einen das lineare Schlauchdesign schon deswegen ein wenig runter, weil alles, wirklich alles im Spiel laut nach Open World schreit. Ja, es gibt zwei oder drei Wege zwischendurch, meist zu Beginn einer Mission, bis es wieder in irgendeinen Raum, Aufzug oder Gebäude und anschließend in den engen Schlauch geht. Den Spieler erst mit Crysis-Freiheiten anzufixen, um ihn dann mit Crysis 2-Schläuchen abzuspeisen, ist nur deswegen noch ok, weil Crysis 3 in den meisten seiner Missionen einen guten Rhythmus hat - was aber trotzdem das wiederholt aufkeimende Gefühl halbgarer Küche nicht verhindern kann, das sich mit zunehmender Spieldauer nur verfestigt.

Die Kuppel in Crysis 3 ist auch nicht mehr das, was sie mal war und New York ist es schon längst nicht mehr. Beeindruckend, wie Crytek optisch eine stimmige Endzeitstimmung erschaffen kann.

Und so bleibt am Ende vor allem die prächtige Grafik in Erinnerung. Gratulation an Crytek, dass sie es mit Crysis 3 ein weiteres Mal schafften, neue Maßstäbe zu setzen. Crysis 3 ist in weiten Teilen ein rauschendes Fest für die Augen und schon alleine deswegen ein Muss für jeden Spieler mit einem ordentlichen Gaming-PC. Der Bogen ist eine feine Sache und das polierte Gameplay sicherlich auch. Daran gibt es kaum etwas auszusetzen. Hätte Crytek sich dann noch dazu durchgerungen, das Popcorn mal zur Seite zu legen und ein Buch in die Hand zu nehmen, hätte Crysis 3 auch Futter für die Gehirnzellen sein können. Es muss nicht gleich so apokalyptisch zugehen wie beim herausragend geschriebenen Spec Ops: The Line, aber ein kleiner Schritt in diese Richtung wäre ein großer für das Crysis-Franchise gewesen. So bleibt Crysis 3 ein Versprechen für ein “richtiges” Crysis 4, das - befreit von den Ketten der aktuellen Konsolengeneration - das halten könnte, was Crytek mit dem aktuellen Ableger leider nur andeutet.

Hier geht es zur Review des Crysis 3-Multiplayers!

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2 Antworten : “Crysis 3: Halbgar”

  1. Informativer Artikel und gut geschrieben. Gefällt mir sehr :)

    Hatte schon an der Gamescom die Befürchtung, dass Crysis 3 zu sehr in perfektes Design fokusiert als mehr Zeit in die Story zu investieren. Mal sehen ob Crysis 4 zu den Wurzeln zurückkehrt oder sogar ganz neue schlägt ;)

    • Danke schön! Neue Wurzeln wären ein schöne Sache für das Franchise und wenn sie noch etwas mit einer erwachsenen Story zu tun hätten, umso besser! ;-)

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