The Stanley Parable

Wir sind Stanley, Nr. 427. Anonym klingt das, nicht wirklich nach einer ausgewachsenen Persönlichkeit mit ausgeprägtem eigenen Willen. Stanley drückt Knöpfe und folgt Befehlen. Stanley ist eine wahre Arbeitsdrohne, ein impotenter Bürohengst und ein Rädchen im Getriebe. Das Abziehbild einer überzogenen Parodie des modernen Angestellten. Und dieser Stanley ist plötzlich alleine im Büro, ohne Chef, ohne Anweisungen und ohne Halt innerhalb seiner gewohnten, ihn behütenden Umgebung. Ok, ein Erzähler/Sparringspartner boxt sich zwar mit uns durch The Stanley Parable, aber ansonsten…ist da “nur” ein zu füllender Raum. Oder?

Knöpfe drücken, machen wir das nicht alle im Arbeitsalltag? Irgendwie? Wer sich aber als freier Lebenskünstler Stanley überlegen fühlt und gleichzeitig massiv stolz über sein hart erarbeitetes Achievement “Clock on Door 430 five times” ist, darf gerne genau jetzt eine längere Lesepause einlegen, intensiv in den Spiegel schauen und an einer Erleuchtung arbeiten. Wer aber im sogenannten “wirklichen Leben” das Spiel innerhalb einer eingeengten Pseudo-Freiheit mitsamt seinen Tücken kennt (bzw. zu kennen glaubt), wird mit Freuden den Kampf von Stanley gegen diese abstrakte, seltsame Büro-Welt sowie den undurchsichtigen, amüsanten und arg exentrischen Erzähler aufnehmen. Wobei sich hier die Frage stellt, ob The Stanley Parable überhaupt ein Kampf ist. Wer dem Erzähler lang genug zuhört, könnte das denken. Aber eigentlich ist es eine ziemlich spacige, bewusstseinserweiternde Reise.

The Stanley Parable 1 1024x576 The Stanley ParableLinke Tür oder rechte Tür? Der Erzähler hat dazu eine klare Meinung. Da stellt sich für uns die Frage: Rebelliert unser Stanley? Und lässt uns The Stanley Parable den Aufstand durchgehen?

Natürlich kann man The Stanley Parable einfach “durchspielen”. Der Erzähler sagt uns, wo es langgeht und der wahre Lemming (der, der im Büro nur blind Knöpfe drückt?) geht den vorgegebenen Weg und landet an einem möglicherweise schönen Ort. So weit, so gut. Oder? Ein Achievement gibt´s dafür sogar auch noch. Möglicherweise befriedigt diese Spielweise sogar den einen oder anderen. “Eigentlich” sollten sich spätestens dann der Spieltrieb und die Neugierde melden und uns fragen, was um Himmels Willen wir hier gemacht haben. Eigentlich nichts. Das könnte massiv zu denken geben, nicht wahr?

The Stanley Parable: Wenn du glaubst, frei zu sein

Wie befreiend es doch ist, dem Erzähler auf der Nase herumzutanzen! Nee, dann eben nicht die linke Tür, sondern die rechte. Basta! Nein, es wird auch nicht bei der folgenden ersten linken Tür wieder der geforderte Pfad aufgenommen! Pfft! REVOLUTION! Im Gemeinschaftsraum blöde rumstehen? Nee, nee, Erzähler, es geht schnurstracks weiter und dabei immer genau gegen jede Anweisung! FREIHEIT! Nur: Programmiert ist die auch.

The Stanley Parable 2 1024x576 The Stanley ParableIst es ein Zufall, dass der Lemming hier landet?

Wer ein wenig mit The Stanley Parable herumexperimentiert, wird sich zwangsweise diesem Fakt stellen (müssen). Ärgerlich ist es, wenn die Freiheit nur angedeutet wird und sich in krasser Bevormundung durch den Erzähler im Nichts auflöst. Versucht mal durch die blaue Tür zu gehen (s.o.). Spätestens in diesen Momenten, neben all den Ahhs und Ohhs, kratzt The Stanley Parable durchaus unangenehm an dem an Gewissheit grenzenden Gefühl, im realen Leben eine Wahl zu haben, die nicht vorgestanzte und fremdgesteuerte Konsequenzen hat. Ich bin ich, aber nur, weil es der Programmierer so will. Zumindest in The Stanley Parable. Interessant.

Bemerkenswert sind die monotonen Schleifen, in denen man sich zuweilen bewegt und eine gewisse Durchhaltefähigkeit beweisen muss. Um sie zu erreichen, muss aber erst einmal ein abenteuerlicher oder wenigstens, aus Sicht des Erzählers, kratzbürstiger Weg gewählt werden (olala…was sagt uns das schon wieder?). Wer Lust hat, sich beispielsweise von der hochfahrenden Hebebühne herunterfallen zu lassen und auf dem Steg landet, macht eine sehr interessante Erfahrung. Der Erzähler wird von der Unendlichkeit übermannt. Und will da auch bleiben. Und wir?

The Stanley Parable 3 1024x576 The Stanley Parable

Das Nirwana! Vielleicht. Mit Treppe. Nach unten. Alternativen gibt es nicht. Anschließend: Suizid-Ausdauertraining. Ganz großes (Arthouse-)Kino, Galactic Cafe!

Übrigens: Man kann The Stanley Parable auch einfach mit Freuden genießen. Ein bisschen herumexperimentieren, laut über den Erzähler lachen, ihn hier und da mal provozieren, ihm mal folgen und mal nicht und dabei schauen, wo die Reise in dieser Runde endet, bevor sie wieder von Neuem beginnt. Ohne großartig dabei zu nachzudenken. Hmm. Einfacher kann man The Stanley Parable nicht spielen und auch darüber kann man ein wenig ins Grübeln geraten, wenn man der Typ dafür ist. Hui, was einem The Stanley Parable wohl damit schon wieder sagen will?

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